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Ai-Weiwei-Ausstellung: Pop Art und Diktatur

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

Ausstellungseröffnung in Berlin Ai Weiweis bittere Pointe

Kein anderer chinesischer Künstler ist im Westen so populär wie Ai Weiwei. Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird jetzt seine bislang größte Ausstellung eröffnet. Er selbst durfte nicht anreisen - und machte daraus ein Statement.

Er hat nicht kommen dürfen. Das ist nach all den Spekulationen um einen Auftritt von Ai Weiwei wohl die Nachricht, die im Mittelpunkt der Eröffnung von "Evidence" steht - der weltweit größten Ausstellung des chinesischen Künstlers, die er eigens für den Berliner Martin-Gropius-Bau konzipiert hat. Tagelang hatte Ai Weiwei betont, er sitze auf gepackten Koffern und warte auf seinen Reisepass. Er hat ihn nicht bekommen. Einer Pressekonferenz zur Ausstellung wird er deswegen nur per Videobotschaft zugeschaltet.

Die Abwesenheit des Künstlers beschert der Berliner Schau eine bittere Pointe: Vor rund einer Woche hatte Ai, das Reiseverbot vorwegnehmend, in einem Interview erklärt, sein Lieblingsstück der Ausstellung sei der Umstand, dass er nicht an ihr teilnehmen dürfe: "Das ist ein Kunstwerk an sich. Das spiegelt eine menschliche Verfassung wider."

Anspielung auf Repressalien

Die Exponate im Martin-Gropius-Bau lassen sich in drei Themenfelder gliedern: Da sind zum einen Stücke, die sich mit der chinesischen Gegenwart auseinandersetzen. "Stools", das im Lichthof ausgestellt wird, ist eines davon. Zu sehen sind 6000 nebeneinander gestellte Holzschemel, die aus dem Kaiserreich und der Zeit der Republik China stammen und in nordchinesischen Dörfern gesammelt wurden. Jeder Schemel ist in Farbe, Maserung und Höhe individuell. In der Summe stehen die Stühle für das Treibgut der chinesischen Modernisierung: herrenlose Hinterlassenschaften im Zuge von Urbanisierung und Landflucht.

Ein weiteres Themenfeld der Ausstellung bilden Exponate, die die Beziehungen Chinas mit dem Ausland behandeln. Der "Circle of Animals" etwa zeigt Nachbildungen von bronzenen Tierköpfen des chinesischen Tierkreises. Europäische Jesuiten hatten die Originale einst für den Alten Sommerpalast in Peking geschaffen. 1860 fielen sie Plünderungen französischer und britischer Soldaten zum Opfer. Bis heute ist strittig, wie viele Tierköpfe erhalten sind und wem sie gehören. Die Exponate setzen ein Fragezeichen hinter patriotische Debatten über den Begriff der Beutekunst.

Nicht zuletzt geht es in der Ausstellung aber um Ai Weiwei selbst. Mit zahlreichen Details wie konfisziertem Büromaterial oder dem aus Marmor gefertigten Modell einer Überwachungskamera stellt er die Repressalien der chinesischen Staatsgewalt dar.

"Politischen Voyeurismus des Westens befriedigen"

Am 3. April 2011 wurde Ai verhaftet und für 81 Tage an einem unbekannten Ort festgehalten. Später wurde ihm ein fadenscheiniges Steuerdelikt angehängt. Bis heute steht er unter Hausarrest und darf weder in China ausstellen noch das Land verlassen. Bei der Berliner Ausstellung, die auf den Tag genau drei Jahre nach seiner Festnahme eröffnet wird und den Titel "Evidence" - Beweis - trägt, handelt es sich deshalb auch um Ais persönliche Beweisaufnahme. Stück für Stück legt er seine Sicht der Dinge dar. Das eigene Leben als Kunstwerk, man kann das entweder selbstreferentiell oder in der Tradition der Pop Art genial finden.

Der mediale Aufruhr um Ai Weiwei - die Ausstellung wird von einem Dutzend Medienpartnern unterstützt - macht eine recht banale Sache vergessen: Ai Weiwei ist nicht der einzige Künstler Chinas und in China schon gar nicht der bekannteste. Im westlichen Ausland aber ist Ai weitaus berühmter als in China. Auch gibt es Kritiker, die Ai attestieren, Teil eines Machtspiels zwischen China und dem Westen zu sein. In einem Interview mit dem Kunstmagazin "Monopol" etwa erklärte der chinesische Kurator Hou Hanru schon 2011 , dass Ai als Künstler für ihn völlig uninteressant sei: "Ich finde es fragwürdig, dass er eine Kamera nimmt und fotografiert, wie er von der Polizei verprügelt wird, und dieses Bild zu einem Hauptwerk einer Ausstellung im Westen macht. Es geht nur darum, ein Bild herzustellen und den politischen Voyeurismus des Westens mit einem neuen Spektakel zu befriedigen."

Eines zumindest kann man Ai Weiwei nicht vorwerfen: dass er nicht genügend polarisiert.

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