Abschied von Deutschland Ai Weiwei zieht nach Cambridge

Als Ai Weiwei kürzlich seinen Wegzug aus Deutschland ankündigte, kritisierte er das Land zum Abschied deutlich. Nun geht es nach Großbritannien - doch auch dort gefällt dem Künstler nicht alles.

Ai Weiwei in Berlin: Behält das Atelier, verlegt den Lebensmittelpunkt
John MACDOUGALL/ FP

Ai Weiwei in Berlin: Behält das Atelier, verlegt den Lebensmittelpunkt


Der chinesische Künstler und Dissident Ai Weiwei verlässt seine zwischenzeitliche Wahlheimat Berlin und wird nach Großbritannien ziehen. Über die deutsche Gesellschaft hatte sich Ai kritisch geäußert - sie sei intolerant gegenüber Flüchtlingen geworden und keine offene Gesellschaft mehr.

In einem Interview mit der Thomson Reuters Foundation, einer Wohltätigkeitsorganisation der Nachrichtenagentur Reuters, kritisierte Ai Weiwei Europa scharf für seinen Umgang mit Flüchtlingen und das Buckeln vor der chinesischen Wirtschaftsmacht. "Europa war eine zivilisierte, moderne Gesellschaft, die Humanismus, Demokratie, Freiheit und Menschenrechte hochhalten sollte", so Ai. Doch Europa sei möglicherweise nur noch im geografischen Sinne Europa: "Europäer sollten sich nicht moralisch überlegen fühlen dürfen", sagte Ai.

Ai Weiwei kam 2015 nach Deutschland. Doch hier fühlte sich Ai zunehmend an den Rand gedrängt. Sein Assistent bestätigte, dass der Künstler mit seiner Freundin und seinem zehnjährigen Sohn in die englische Universitätsstadt Cambridge ziehen werde. Das Atelier in Berlin will Ai allerdings behalten.

Über seine künftige Wahlheimat sagte Ai in dem Interview, Großbritannien stecke tief in einem Sumpf seit der Brexit-Entscheidung. "Sie scheinen den Mut und die Vision in einer sich schnell verändernden Welt verloren zu haben." Der Künstler, der die chinesischen Machthaber schon lange kritisiert, rügte Großbritannien dafür, dass es die Demonstranten in seiner ehemaligen Kolonie Hongkong nicht ausreichend unterstütze.

Er habe nach seiner Ausreise aus China Deutschland als Zufluchtsort gewählt, weil das Land sich so sehr für seine Freiheit eingesetzt habe. Doch Deutschland habe sich verändert und er sei nun von Neuem im Exil. "Wegen der politischen Bedingungen in China bin ich erneut herausgedrängt worden", sagte Ai, der Europa vorwirft, China in Menschenrechtsfragen zu weich anzupacken, um Geschäfte mit dem Land zu machen.

In Deutschland würden die am schlechtesten bezahlten Jobs von Türken der dritten Generation und von Vietnamesen gemacht, die am Rande der Gesellschaft stünden. Neuankömmlinge müssten wiederum sogar um das Recht, arbeiten zu dürfen, kämpfen. "Viele haben keine Hoffnung auf ein vernünftiges europäisches Leben", sagte Ai, "das Recht auf Arbeit, Ausbildungschancen, einfach gleichberechtige Möglichkeiten" erschienen vielen unerreichbar.

feb/Reuters



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