Akademie der Künste Adolf Muschg erbt ein Geldproblem

Zum zweiten Mal hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Künste einen Ausländer zu ihrem Präsidenten gewählt. Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg muss als Nachfolger von György Konrád vor allem die schier unlösbare Finanzkrise der Akademie lösen, aus der praktisch nur noch der Bund helfen kann.


Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg
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Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg

Berlin - Muschg wurde mit großer Mehrheit der Akademiemitglieder gewählt. Gegen ihn hatte zunächst der Künstler Jochen Gerz kandidiert, den die Abteilung bildende Kunst nominierte. Muschg ist damit der zweite Ausländer an der Spitze der Akademie nach dem Ungarn György Konrád. Zu den früheren Präsidenten gehörten unter anderem der Schriftsteller Günter Grass und der Rhetorik-Professor Walter Jens.

Muschg lebt in Männedorf bei Zürich, will aber nach eigenen Worten "für jeweils 14 Tage im Monat" nach Berlin ziehen. Er ist Autor zahlreicher Romane, Satiren, Essays, Erzählungen und Theaterstücke. Sein erstes Buch ("Im Sommer des Hasen") erschien 1965. Zu seinen bekanntesten Romanen zählen "Albissers Grund", "Das Licht und der Schlüssel" und "Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival". Muschg wurde am 13.5.1934 als Sohn eines Volksschullehrers in Zollikon im schweizerischen Kanton Zürich geboren. Er studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Zürich und Cambridge. Er war zunächst als Gymnasiallehrer, später als Professor für deutsche Sprache und Literatur in Zürich tätig. Er ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS), sieht sich dort aber "nur noch als Karteileiche". 1975 war er Zürcher Ständeratskandidat und engagierte sich 1974 bis 1977 in einer Kommission zur Totalrevision der Schweizerischen Bundesverfassung.

Akademie mit Geldproblem

Der scheidende Akademiepräsident György Konrád (neben Bundespräsident Rau bei einer Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung am Freitag)
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Der scheidende Akademiepräsident György Konrád (neben Bundespräsident Rau bei einer Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung am Freitag)

In Berlins Akademie der Künste erwartet Muschg nun ein vordringliches Problem - der schleppende Baufortschritt beim Akademie-Neubau am Pariser Platz. Die Fertigstellung des mindestens 40 Millionen Euro teuren Baus war ursprünglich für dieses Frühjahr geplant. Nicht zuletzt wegen erheblicher Finanzierungsprobleme hat sich die Einweihung um ein Jahr verschoben.

Auch das Thema einer möglichen künftigen Beteiligung des Bundes an den drückenden laufenden Kosten der Akademie rückt immer mehr in den Vordergrund. Die Akademie möchte gerne ihren Grundetat durch den Bund finanziert bekommen - ohne damit zur Bundesakademie zu werden. Dabei handelt es sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE um einen jährlichen Betrag von rund 10 Millionen Euro. Dazu käme etwa eine weitere Millionen Euro für den Betrieb des Neubaus am Pariser Platz. Projektmittel seien in diesen Summen noch nicht enthalten, verlautet aus der Akademie.

Muschgs Amtsvorgänger, der 70-jährige Ungar György Konrád kündigte in seiner Abschiedsrede bereits eine mögliche Übernahme der Akademie durch den Bund bereits an. "Es kann sein, dass die Bundesregierung unter Berücksichtigung der Verschuldung der Stadt in Absprache mit dem Berliner Senat die Akademie als eine in ihren Haushalt gehörende Institution übernehmen wird", sagte Konrád. Er machte seinem Nachfolger zugleich deutlich, dass es nicht leicht wird, wieder Schwung in die etwas altbacken gewordene Akademie zu bringen. "Die Mitglieder der Akademie sind leider nicht besonders aktiv", sagte Konrád bei seinem Abschied.

Grass-Votum für Muschg

Muschgs Wahl als Akademiepräsident in Deutschland hatte sich bereits im Vorfeld abgezeichnet. Künstler, wie der Grafiker Klaus Staeck, hatten dem scheidenden Akademiepräsidenten György Konrád schon vor längerem mitgeteilt, trotz dessen Nachfragen nicht für das Amt zur Verfügung zu stehen. Insbesondere der Schriftsteller Günter Grass hatte vor der Wahl für Muschg Partei ergriffen und zu Beginn der Berliner Akademietagung gegenüber SPIEGEL ONLINE gesagt: "Um mich für ihn einzusetzen, bin ich hier".

Holger Kulick



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