"Aktenzeichen XY"-Preis Verbrecherjäger mit Visierschaden

Leben wir in einem Land voller Kinderschänder und Mörder? Nein, sagt die Kriminalstatistik. Ja, könnte glauben, wer "Aktenzeichen XY... ungelöst" guckt. Doch die Art, wie die ZDF-Verbrecherjäger sogar Hobby-Detektive mit einem Preis ehren, verzerrt die Wirklichkeit nur noch mehr.
Von Jan Freitag

Rudi Cerne ist eigentlich ein gebranntes Kind. Es war im Jahr 1978, als ihn ein Klima der Hysterie ins Fadenkreuz der Ermittler trieb. "Auf einem Flughafen bin ich irrtümlich verhaftet worden", erinnert sich der "Aktenzeichen XY... ungelöst"-Moderator 30 Jahre später auf dem sicheren Terrain des Ludwig-Erhard-Hauses in Berlin. Ein "zappeliger Polizist" habe den damals amtierenden deutschen Eiskunstlaufmeister mit Christian Klar verwechselt. Heute kann der ZDF-Verbrecherjäger darüber lachen: "Der hatte doch mehr Angst vor mir als ich vor ihm."

Tja, so war das eben damals kurz nach dem Deutschen Herbst. Es herrschte eine Atmosphäre diffuser Angst vor allem und jedem. Wer Gitanes rauchte, galt als verdächtig, wer BMW fuhr ohnehin, wer irgendwie aus der Rolle fiel erst recht – und sei es durch bloße Ähnlichkeit mit dem Bösen.

Bei Rudi Cerne war es die optische Übereinstimmung mit dem Passbild eines gesuchten Terroristen. Kleiner Kollateralschaden, sagen die einen, Pech gehabt. Ergebnis politischer Panikmache, die anderen, und reden von einem Vergehen namens Generalverdacht.

Cerne gehört zweifellos zu ersteren. Denn der Journalist scheut trotz seiner Erfahrung von damals das Spiel mit dem Feuer falscher Verdächtigungen nicht.

Vor kurzem prämierte ein Bundesinnenminister zum siebten Mal zivilcouragierte Bürger mit dem "XY"-Preis. Dieses Mal wurde Wolfgang Schäuble die Ehre zuteil, die Laudatio auf jene zu halten, die dem Verbrechen trotzen. Fünf der Preisträger werden in der heutigen Sendung von "Aktenzeichen XY... ungelöst" vorgestellt: Ein Sportlerduo, das zwei Kinderschänder überführt, eine 44-Jährige, die in einer Straßenschlägerei interveniert, und eine Spaziergängerin, die ein Mädchen vor ihrem Vergewaltiger gerettet hat.

Die drei Fälle wählte eine zehnköpfige Jury aus Kriminalisten, Sicherheitsdiensten, Versicherern und dem ZDF unter 100 Vorschlägen aus.

Doch es ist eine durchaus seltsame Gewichtung: zwei pädophile Missbräuche bei einer Körperverletzung – macht 66,66 Prozent der Auszeichnungen. Und das, obwohl sexuelle Vergehen an Kindern und Jugendlichen - so furchtbar sie zweifellos sind - nur einen geringen Anteil an der Kriminalstatistik ausmachen.

Ob diese Unwucht nicht vor allem Stammtische befriedigt und sich inhaltlich auf dem Niveau der "Bild"-Zeitung bewegt? "Nein, nein", antwortet da Rudi Cerne und schiebt hinterher: "Bei so einem schrecklichen Verbrechen müssen wir keine Statistiken bedienen". Außerdem läge es ja an der Medienvielfalt, dass bestimmte Taten stärker in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, doch "ganz sicher nicht am Zweiten Programm".

Ganz sicher?

Mindestens 40 Prozent aller vorgestellten Fälle, damit rühmt sich die "XY"-Redaktion, wurden seit 1967 im Anschluss an die sinistren Tat-Nachstellungen im Film, schwarzweißen Fahndungsfotos und präsentierten Tatwerkzeuge aufgeklärt.

Mal davon abgesehen, dass der enorme Überhang an Gewalt- und Kapitalverbrechen (diesmal zwei Morde, ein Raubüberfall, ein Trickbetrug) den Eindruck erweckt, wir lebten in einem Land der Mörder und Schläger, bleibt bis heute offen, ob da auch mal jemand zu Unrecht verdächtigt und gezielt denunziert wurde.

Schon 1970 druckte "Die Zeit" eine Liste mit Personen, die aufgrund von "XY"-Berichten zu Unrecht festgenommen worden waren: vom vermeintlichen "Hertie-Knacker" über eine Frau, die mehrmals zu Unrecht des Betrugs bezichtigt wurde, bis hin zu einem Landarbeiter, der sich dadurch verdächtig gemacht hatte, während der Sendung aufgesprungen zu sein. Und erst dieses Frühjahr ging der Fall zweier Deutscher durch die Presse, deren Foto versehentlich als das eines amerikanischen Serienmörder-Pärchens gezeigt wurde.

Rudi Cerne ficht das nicht an. Er sagt, es könne schon mal zu Verwechslungen kommen und fragt: "Soll man lieber einen Täter laufen lassen als ein paar mal daneben zu liegen?"

Doch genau das ist die Kardinalfrage, wenn Bürger per TV aufgefordert werden, exekutive Hoheitsaufgaben zu übernehmen - und ist zugleich der Kern der Debatte um einen ausufernden Sicherheitsstaat.

Gesellschaftlich bleibt dieses Thema heiß diskutiert, beim ZDF gilt die Frage als beantwortet: Selbstzweifel kennt man dort nicht. Der Vorwurf von Heinrich Böll bis zur "Vereinigung sozialdemokratischer Juristen", die Sendung sei Denunziantenfernsehen für Spießer, kontert man dort mit dem Verweis auf fast 600 gefasste Mörder und Millionen treuer Fans. Und die aktuellen "XY-"Preisträger belegen ja auch, dass die Inkaufnahme übler Nachrede mit 10.000 Euro und einem Händedruck von Minister Schäuble honoriert werden kann.

Welche Blüten das treibt, zeigt der heute gesendete Film zur Tat, in dem sich die von Schäuble prämierten Tipp-Geber Michael Pieper und Peter Dahnke selber spielen.

Beim Training in einem Kasseler Badesee fielen den beiden Triathleten zwei Männer an der Seite kleiner Jungen auf, die, so heißt es in dem Film, "deren Großeltern sein konnten".

Dass die beiden Männer sich am Ende tatsächlich als Triebtäter herausstellten, ist eine Sache - und das Eingreifen aller Ehren Wert. Doch dass ältere Männer mit potenziellen Enkeln an der Hand durch derartige Film-Darstellungen plötzlich per se als dubios erscheinen, eine ganz andere.

"Natürlich geht immer mal etwas schief", sagte denn auch Law-and-Order-Mann Schäuble in seiner Laudatio - und lobte gleichzeitig Eduard Zimmermann, den geistigen Vater von "Aktenzeichen XY...ungelöst", der ja unsere Gesellschaft lebenswerter gemacht habe.

Zumindest für jene, die nicht irrtümlich ins Visier geraten.

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