Aktionskunst Der Bürgersprayer von Berlin

"Vive la Bourgeoisie" - überall in Berlin-Mitte ist dieser Graffiti-Slogan auf bröckelnden Fassaden plakatiert. Der Dekorateur ist ein Künstler aus Frankreich, der sich anlässlich der deutschen Feuilleton-Debatte über die neue Bürgerlichkeit prächtig amüsiert.


Sie haben bessere Zeiten gesehen, diese Fassaden, sie warten noch auf ein bisschen Kosmetik. Das kann nicht mehr lange dauern, sie liegen ja schließlich alle im Spekulationsgebiet des Berliner Zentrums, nördlich des Reichstages und östlich vom Tiergarten, zwischen dem Alexanderplatz und dem Wedding, in Berlin-Mitte. Mit ein bisschen Farbe wird es nicht getan sein, eine Kernsanierung muss her, nichts anderes. Vielleicht fehlt dem Käufer noch das Geld, um einhalten zu können, was als programmatisches Sprüchlein auf einem Plakat auf bröckelnden Mauerwerk hängt: "Vive la Bourgeoisie!"

Einzelfälle? Keineswegs. Je länger man durch Mitte schlendert, desto öfter sieht man diesem Spruch. Manche mögen sich gar auf Schritt und Tritt verfolgt fühlen von ihm, andere begegnen ihm wie einem alten Bekannten, doch sie alle fragen sich, welchen Sinn und welchen Zweck das hat, ja überhaupt, beliebt hier irgendeiner zu scherzen oder ist es bloß ein konsequenter Teilnehmer in dieser uferlosen Debatte um die Renaissance der alten Werte, derzufolge das Heil der Gesellschaft im Vergangenen liegt. Nur eines ist klar: Wer immer es war, er hat sich Gedanken gemacht und seine Objekte sorgfältig ausgewählt. Kaum ein Haus ist dabei, das im neuen Glanz erstrahlt. Vielleicht fragt man den Anonymus einmal, doch es braucht Geduld, er will nicht schnell gefunden werden.

Mit dem Bürgertum macht man keine Witze

Der Weg zum Ursprung führt über zahllose Nachfragen zu einem unauffällig dreinblickenden Mann, der in einem dieser unauffälligen Cafés in Mitte Platz genommen hat. Er stellt sich vor, erklärt, dass er aus der Normandie stammt, lange in Paris wohnte und vor zehn Jahren Berlin als neue Heimat gewählt habe. Er verbirgt seinen Namen hinter zwei Buchstaben und einer Zahl - SP 38 - und bald schon erklärt er, dass SP sowohl seine Initialen als auch eine Persiflage auf den Begriff "Special Police" sind. SP ist fast schon so etwas wie ein Ureinwohner seines Bezirks. Immer wohnte er nur in Mitte, seit langem schon schließt er Bekanntschaft mit der deutschen Sprache, ein langwieriger Prozess, so ist das mit der deutsch-französischen Freundschaft, und manchmal, wenn es komplizierter wird, dann wechselt er ins Englische, in dem er seine Herkunft am besten verbergen kann.

SP hat viel Zeit investiert in seine Aktion, rund 200 Mal hat er seine Sprüche inzwischen in Mitte hinterlassen, die ersten, die noch kaum bemerkt wurden, sprayte er vor eineinhalb Jahren an die Wand, als die Debatte noch kaum greifbar war. Er hat eben das Gespür eines wahren Avantgardisten. Sein Gefühl habe nach einer Reaktion auf all das verlangt, was um ihn herum passiert. Allzu viel habe sich doch in Mitte, diesem einstmaligen Biotop der Herumhänger und Lebenskünstler, gewandelt: "Die Mentalität, die Architektur, es ist doch alles ein neuer Chic hier." Aber SP ist kein Radikaler, nein, eine politische Aussage, die habe er nicht treffen wollen. Vielmehr sei seine Aktion einfach ein Scherz, aber kein haltloser, sondern einer vom der hintersinnigen Sorte. "Serious joke" nennt er das.

Und es funktioniert. Manchmal, wenn er seine Plakate aufklebt, wird er angesprochen und gefragt, was das denn solle. SP sagt dann, das alles nur ein Witz sei, und die Leute schauen ungläubig, als mache man mit dem Bürgertum keine Witze. Vielleicht würden sie SP in einer anderen Stadt ganz einfach als Sonderling ohne Botschaft abtun, aber hier in Mitte nimmt man es eben ernster, man ist ja im Gedankenlabor der Republik, so viel steht fest.

Pizzabringdienst und Tagesmutter

Denn woher kommen sie denn, diese sehr engagierten Diskussionen um den wahren Wert der gehäkelten Klorolle, wo sitzen die Klassensprecher des neuen Bürgertums? Natürlich, ein paar von ihnen sitzen hier in Berlin, mitsamt ihren Jüngern, irgendwo in den Wohnungen, die früher für fast gar kein Geld zu haben waren und die noch immer billiger sind als anderswo in der Republik. Sie sind die Grundausstattung des Bürgers von heute, neue Gründerzeit, der ganze Klimbim. Vor ein paar Wochen erteilte die "Süddeutsche Zeitung" solcherlei Objektzwang zwar eine Abmoderation, es gebe schließlich keine Dienstboten mehr, auch habe das Stubenmädchen ausgedient. Die Pfiffikusse der gefühlten neuen Landordnung verfielen prompt in die Klage, dass dieses Land kein Verhältnis zum Luxus habe. Der publizistische Niederschlag war so heftig, dass selbst die "Neue Zürcher Zeitung" von Lord Ralf Dahrendorf wissen wollte, was es mit dem Bürger an sich auf sich habe.

Der Upgrade-Bürger begreift sich dabei längst als Wesen im Wandel. Ist es nicht die Dienstleistungsgesellschaft in moderner Form, die jeden Service für den Bürger von heute bereithält? Pizza-Bringdienst und Tagesmütter ersetzen das Personal von einst. Sicher, der Dienstboteneingang ist den Modernisierungen zum Opfer gefallen, aus einer Wohnung mussten zwei gemacht werden, aber wer um Himmels Willen hat denn heute noch Kinder, die die Kastanien in den Kamin pfeffern? Und überhaupt, könnte man anderswo über die neoliberale Symbolik so herzhaft diskutieren wie hier, wo das Wohnzimmer mit Flügeltüren zum guten Ton gehört und die Bausubstanz noch Holzböden feilbietet? Gibt es irgendjemanden, der keine Putzfrau hat?

Man kann SP schon verstehen, den das alles nicht stört, aber schon prächtig amüsiert. In Frankreich, sagt er, diskutiere man über ähnliche Dinge, aber das sei ja auch die Heimat der Bourgeoisie, und für ihn sei es jetzt Zeit, sich um seinen neuen Slogan zu kümmern. "Every one is a terrorist." Die nächste Steilvorlage. Bürger brauchen Sicherheit.



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