30. April 1945 Der Tag, an dem Hitler sich erschoss

Am 30. April 1945 tötet Hitler seine Frau Eva und sich selbst. Was geschieht an diesem Tag außerdem? Die US-Truppen kämpfen sich zu den Alpen vor, Fabriken produzieren fleißig, und die Feldpost erreicht die Soldaten. Szenen von Alexander Kluge

"Verirrt in einen einzelnen Tag, den ich selbst mit 13 Jahren miterlebt habe und den ich zu kennen glaubte, fand ich mich, je mehr ich darüber schrieb, in einer ganz unvertrauten Welt.

Foto: Arne Dedert/ dpa

Alexander Kluge, Jahrgang 1932, ist Schriftsteller und einer der einflussreichsten deutschen Regisseure und TV-Produzenten. Kluge hat den Grimme-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Heinrich-Heine-Preis und das Bundesverdienstkreuz erhalten.

30. April 1945
Er wünschte sich, nach Hause zu kommen

Noch immer der alte Hochmut. Verpackt in seinem Militärmantel, körperlich intakt, ja pausbäckig. Auch verfügte er über einen Wagen mit Fahrer. Die Schuld, die er in sich trug, war ihm nicht anzusehen.

Er bewegte sich vorsichtig, vom Waldrand her näherte er sich dem Grundstück, dem eigenen Haus. Als er es übersehen konnte, hielt er inne. Lange wartete er.

Jetzt kamen die Kinder heraus, spielten im Hof und im Garten. Er sah ihnen lange zu. Auch sah er seine Frau, die sich zur Stadt aufmachte. Gern hätte er geduscht, die Kleider gewechselt, Frau und Kinder umarmt. Er durfte sich nicht zeigen.

Seine Gegenwart würde die Familie kontaminieren, er konnte auch nicht ausschließen, daß das Grundstück eine Falle darstellte, wo ihn die Häscher bereits erwarteten. Vielleicht beobachteten sie wie er dasselbe Haus.

Als er zum Fahrzeug zurückkam, empfand er stark, daß er diesen Ort nicht wiedersehen würde. Falls er lebendig durchkam auf dem Fluchtweg, den die Kameraden vorbereitet hatten, war er auf unabsehbare Dauer durch einen Ozean von dem, was ihn nochmals so gewaltsam angezogen hatte, getrennt.


Im Video: Warum stößt die US-Armee zu den Alpen vor - und nicht nach Berlin?

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30. April 1945
Totenehrung der Wörter

Die Mehrheit der Stenographen des Führerhauptquartiers befand sich in Berchtesgaden, wohin sie von Berlin aus evakuiert worden waren, in Bereitstellung. Die wertvollen Schreibkräfte domizilierten im Gartenhaus eines Grundstücks, das an die Gebäude des OKW angrenzte.

Den ganzen Montag über waren sie damit beschäftigt, in einem Waldstück ein Feuer zu nähren, indem sie die Protokolle verbrannten, die von ihnen in der Zeit seit Winniza 1942 regelmäßig angefertigt worden waren. Geheimsachen durften nicht in die Hände der Alliierten fallen.

Die Handlungsweise war verantwortungsvoll, sie konnte andererseits aber auch als defätistisch aufgefaßt werden. Immerhin wurden hier Originale, welche die in Sitzungen geäußerten Führerworte sämtlich enthielten, in einer Weise vernichtet, als stehe der Ausgang des Krieges definitiv fest. Über 3000 Stunden Abschrift! Das tat den Meistern der Kurzschrift weh.

Studienrat a. D. und Reichstagsstenograph Hängst, einer der schnellsten Stenographen des Reiches, ging um die Feuerstelle herum und achtete darauf, daß in der Übergangszone zum feuchten Grasboden, auf den es in der Nacht noch geschneit hatte, nichts Halbverbranntes übrigblieb. Große Tote wurden bei den Wikingern auf einem Schiff aufgebahrt und dieses in Richtung Sonnenuntergang auf See geschickt, nachdem es in Brand gesteckt worden war.


Im Video: Wie war die Versorgungslage in den letzten Kriegstagen?

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30. April 1945
In der Sieben-Hügel-Stadt San Francisco

In keiner Weise, heißt es in der Neuen Zürcher Zeitung vom 29. April 1945, könne man die Sieben-Hügel-Stadt San Francisco mit der Sieben-Hügel-Stadt Rom, von der ein Imperium ausgegangen war, oder mit Versailles vergleichen, wo der Völkerbund beschlossen wurde.

Die Delegationen von 51 Nationen, welche zunächst die UNO bilden, tagen in zwei großen Hallen, die das Konferenzzentrum darstellen. Tatsächlich aber finden solche Vollversammlungen selten statt. Der diplomatische Verkehr erfolgt zwischen den vier Großmächten und den Delegationschefs der übrigen Staaten.

Eine indische Abordnung, an deren Spitze Pandit Nehru steht, hat sich in einem Hotel niedergelassen. Diese Gruppe, nicht akkreditiert, wird von britischen Geheimagenten eng und auffällig beobachtet. Ihre Kommunikation mit den anderen drei Großmächten und den Delegationen anderer einflußreicher Staaten soll gestört werden.

Die britischen Agenten werden wiederum beschattet von US-Agenten und sehen sich dadurch daran gehindert, auf US-Boden illegale Mittel zur erwünschten Vertreibung der "indischen Gäste" anzuwenden. Aus den Dienststellen des ehemaligen Völkerbundes (dessen Statut allerdings formell bis zur endgültigen Gründung der Vereinten Nationen in Kraft ist) sind Beamte, auch frühere Generalsekretäre, anwesend.

Gemeinsam mit dem Idealisten Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi bilden sie ein Personal, das dem modernen, pragmatischen, vom Krieg geprägten Politikertyp nicht entspricht. Die Leitung des Kongresses liegt bei Geschäftsmännern, die nüchtern und zielbezogen agieren wie Paul-Henri Spaak, Georges Bidault, Eelco van Kleffens. Neuerung geht von ihnen nicht aus.


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Die Geschichten sind Alexander Kluges Buch '30. April 1945. Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann' entnommen, das 2014 im Suhrkamp Verlag veröffentlicht wurde und gerade als Taschenbuch erschienen ist.

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Alexander Kluge:
30. April 1945

Der Tag, an dem Hitler sich erschoss und die Westbindung der Deutschen begann.

Suhrkamp Verlag; 316 Seiten; 24,95 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.