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WG-Theater: Einigkeit und Recht und Gleichgültigkeit

Foto: Thomas Müller

WG-Theater Einigkeit und Recht und Gleichgültigkeit

'74, '90, 2006, ja so stimmen wir alle ein: In seinem neuen Theaterstück beschreibt John von Düffel den gesellschaftlichen Wandel der BRD entlang dreier Fußballweltmeisterschaften. Spielorte: Koblenz, Wiesbaden und Göttingen.
Von Johan Dehoust

Den ersten Kuss vergisst man leicht. Den ersten Vollrausch sowieso. An ein Ereignis aber erinnert sich so ziemlich jeder, besonders jeder Mann: die erste Fußballweltmeisterschaft zu Hause vorm Fernsehgerät. Für den Schriftsteller John von Düffel ist es das Turnier 1974. Franz Beckenbauer, Berti Voigts und Gerd Müller spielten damals im eigenen Land um den Weltpokal. Und der kleine John sah ihnen begeistert beim Kicken zu, war sich aber nicht sicher, wie er mit ihnen umgehen sollte. Konnte er der Mannschaft einer Nation zujubeln, die seine Eltern kriminalisierte? Vor kurzem erst war er mit seiner Familie aus Nordirland nach Berlin gezogen, und seine Eltern sympathisierten mit der Studentenbewegung. Wenn sie sich zu einem Sonntagsausflug aufmachten, gehörte es daher fast schon dazu, dass Polizisten sie unterwegs stoppten, um ihr Auto zu durchsuchen.

Bis heute ist John von Düffel unsicher, wie er sich verhalten soll, wenn die Fußballauswahl seines Geburtslandes spielt. "Meine Beine sind dabei, aber mein Kopf ist immer noch blockiert", sagt der 46-Jährige. Diesen inneren Konflikt, der ihn schon während seiner ersten Weltmeisterschaft umtrieb, hat der Autor (Romane: "Houwelandt" und "Hotel Angst") und Dramaturg am Deutschen Theater Berlin jetzt zum Ausgangspunkt seines neuesten Werkes "Alle sechzehn Jahre im Sommer" gemacht. Das Bühnenstück wurde am vergangenen Samstag in Koblenz uraufgeführt - zum 225-jährigen Jubiläum des Theaters und unter der Regie des Intendanten Markus Dietze. In dieser und der nächsten Woche ist es auch in weiteren Städten zu sehen: Am kommenden Freitag (21.9.) ist Premiere am Staatstheater Wiesbaden und eine Woche später am Samstag (29.9.) wird "Alle sechzehn Jahre im Sommer" erstmals am Deutschen Theater Göttingen inszeniert. Vielversprechende, desillusionierende Reisen durch die Geschichte der deutschen Bundesrepublik vor und nach der Wende.

Erst WG-Chaos, dann Schick der Achtziger

Aber von Düffel hat keinen Abriss der Fußballgeschichte geschrieben, sie ist für ihn nur ein Rahmen. In seinem Stück mit dem Untertitel "Trilogie des veränderten Lebens" geht es um die Bewohner einer WG in Berlin-Charlottenburg - während der Weltmeisterschaften 1974, 1990 und 2006. Es beginnt damit, dass im Fernsehen "Deutschland gegen Chile" läuft, aber kaum jemand hinschaut. Nur der angehende Mediziner und FDP-Wähler Jochen interessiert sich für das Spiel. Allerdings wird er von den Ereignissen in der unordentlichen Küche ständig beim Schauen unterbrochen. WG-Schnorrer Carlo will Drogen. Heidrun will ein Plenum abhalten und über die Militärdiktatur Pinochets diskutieren. Hans-Helge fragt, ob er Jochens Freundin Sabine mal eben kurz für eine Aktzeichnung "entführen" dürfe. Auch beim nächsten Spiel der DFB-Elf gegen das Team der DDR interessiert kaum jemanden, was auf dem Rasen passiert, viel wichtiger ist es, die Systemfrage zu erörtern. Ganz klar: Fußball und Nationalismus sind tabu.

Obwohl der erste Teil von "Alle sechzehn Jahre im Sommer" weltanschauungsschwanger daherkommt, wirkt er wie eine beschwingte Komödie. Will sich da etwa nur jemand über seine Eltern lustig machen? Nein: Im zweiten und dritten Teil wird aus der Komödie zusehends eine Tragödie, und es wird klar, dass es um viel mehr geht als um eine persönliche Abrechnung. Zur Weltmeisterschaft 1990 erscheint die ehemals chaotische Küche im Schick der achtziger Jahre, und Jochen und Sabine wohnen als Paar in der ehemaligen WG. Gerade ist die Mauer gefallen. Das Viertelfinalspiel der deutschen gegen die niederländische Auswahl schaut sich das Ehepaar ein Stockwerk tiefer bei Carlo - er verdient mittlerweile als Gebrauchtwagenhändler sein eigenes Geld - und Elke an. Auch Hans-Helge und Heidrun kommen zu Besuch. Willkommen Bürgerlichkeit!

Neustart als Steinmalerin auf Lanzarote

Immer stärker ist zu spüren, wie sich die Träume der WG-Bewohner verflüchtigen. "Mit ihrem Erwachsenwerden ist eine große Deformation verbunden", sagt von Düffel über seine Protagonisten. Die Nestwärme der Kommune ist verloren gegangen. Anhand ihres Verhältnisses zur Nationalmannschaft verdeutlicht von Düffel raffiniert das gewandelte gesellschaftliche Klima in der Bundesrepublik und die individuellen Konsequenzen für die Menschen, die in ihm leben. Sein Stück ist dabei weder rückwärtsgewandt romantisierend noch gegenwartsverklärend. Während die Elterngeneration versucht, sich in der Gegenwart einzurichten, blicken die Kinder in die Vergangenheit, um aus ihr zu lernen.

Wiederum sechzehn Jahre später, es läuft die Weltmeisterschaft 2006: Elke ist tot. Jochen Alkoholiker. Und Sabine versucht mit Pablo, ihrem 29-jährigen, argentinischen Lover, einen Neustart als Steinmalerin auf Lanzarote. Vor dem Fenster tobt ein Hupkonzert. Die deutsche Mannschaft hat gegen die argentinische gewonnen, und es gilt nicht als anrüchig, flaggenschwenkend durch die Straße zu tanzen. Nein, Fußball und Intellekt sind keine Gegensätze. Sogar Heidrun, die früher so vehement gegen den Nationalsport andiskutierte, fachsimpelt jetzt darüber, ob es richtig ist, sich als Torhüter beim Elfmeterschießen einen Spickzettel über die bevorzugten Ecken der Schützen in die Stutzen zu stecken.

In einem Fahnenmeer sind alle gleichwertiger, aber alles ist auch gleichgültiger.


"Alle sechzehn Jahre im Sommer".
Premiere am 21.9. im Staatstheater Wiesbaden , weitere Vorstellungen am 23. und 26.9., Infos: Tel. 0611/13 23 25;
Premiere am Deutschen Theater Göttingen  am 29.9., weitere Vorstellungen am 4. und 16.10., Infos: Tel. 0551/49 69 11;
Am Theater Koblenz  ist das Stück u.a. noch am 25.9., 1. und 6.10. zu sehen, Infos: Tel. 0261/129 28 40.

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