Feiertag Allerheiligen Warum nicht Alleranderen?

An Allerheiligen gedenken Katholiken all jener Heiligen, für die sonst im Kalender kein Platz wäre. So ein Sammelfeiertag ist eine praktische Sache - und könnte auch anderen Ehrwürdigen zugutekommen.

Engelsfigur auf einem Münchner Friedhof (Symbolfoto)
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Engelsfigur auf einem Münchner Friedhof (Symbolfoto)

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Man kann die katholische Kirche normalerweise nicht für ihre Lustigkeit loben, aber Allerheiligen ist eine lustige Erfindung: ein Feiertag, den sie sich ausgedacht haben, weil sie zu viele Heilige hatten und aus dem Heiligengedenken gar nicht mehr rausgekommen wären, wenn sie aller einzeln gedacht hätten. Also haben sie Allerheiligen eingeführt, um den Heiligen gesammelt zu sagen: Ihr seid alle toll! Damit es nicht zu übermütig lustig wird, gibt es mancherorts ein Tanzverbot.

Gott sei Dank haben sie die restlichen Heiligengedenktage nicht abgeschafft deswegen. Ich habe davon als Kind sehr profitiert, weil es so viele heilige Margaretes oder Margaretas gab. Irgendwann habe ich mir während einer Messe hinten im Gotteslob alle ihre Gedenktage rausgesucht und von da an viermal im Jahr behauptet, ich hätte Namenstag, und man müsse das jetzt feiern, und da, wo ich herkäme, sei das auch wichtiger als Geburtstag (das galt das ganze Jahr außer zum Geburtstag).

Die Escort-Hexe des Teufels

Mit völliger Selbstverständlichkeit nahm ich deswegen an, ich müsste erstens nach einer dieser Heiligen benannt sein und wäre daher zweitens prädestiniert für eine spätere Heiligsprechung - sollte ich zum Beispiel mal einen aus dem Nest gefallenen Spatz aufpäppeln oder so. Gleichzeitig empfand ich eine aufsteigende Panik bei dem Gedanken, ich könnte tatsächlich heiliggesprochen werden, denn wenn dann hinterher rauskäme, dass ich bei H&M Unterwäsche geklaut habe, dann wär aber die Hölle los.

Alle meine Hoffnungen und Ängste erledigten sich in dem Moment, in dem meine Eltern mir erklärten, dass ich gar nicht nach einer Heiligen benannt war, sondern nach einer Hexe. Konkreter nach der Margarita aus Bulgakows "Der Meister und Margarita", das ist eine Frau, die sich mit dem Teufel einlässt und sich von ihm eine Hexensalbe geben lässt, durch die sie Hexe und Ballkönigin des Teufels wird, um am Ende ihren Wunsch erfüllt zu kriegen, noch einmal ihren Geliebten zu sehen, einen verrückt gewordenen Schriftsteller. Sie wird also eine Art Escort-Hexe und steht auf der Skala "Heilige oder Hure" damit eher an letzterem Ende.

Allerhuren gibt es aber als Feiertag gar nicht. (Welthurentag gibt es, aber nicht von der Kirche.) Und auch für Hexen hat sich zumindest die katholische Kirche keinen Gedenktag ausgedacht. Im Gegenteil. Heute noch stellt alle paar Monate irgendeine deutsche Gemeinde fest, dass sie die Opfer der sogenannten Hexenverfolgung noch nicht rehabilitiert hat. Allein im Jahr 2016 taten das deswegen nachträglich zum Beispiel noch die Städte Schwerin, Buxtehude und Neuerburg.

Feiern wir doch die, die es zumindest versucht haben

Allerheiligen wird weiterhin gefeiert, obwohl Heiligsein irgendwann aus der Mode gekommen ist. Kinder wollen heute statt Heilige lieber YouTuber werden und in Stammtisch- und Konservatives-Feuilleton-Sprache heißt "heilig" heute "politisch korrekt" oder "gutmenschlich" und gilt als unangenehm. (Passenderweise ist außer Allerheiligen heute auch noch Weltvegantag.) Das ist einerseits verständlich. Es ist die gleiche Angst, die ich als 12-Jährige hatte: Sobald man einmal im Heiligengeschäft drin ist, wirkt jeder Fehler umso schlimmer. Das ist umso gefährlicher, seit man betrunken ins Internet schreiben kann. Also hält man sich lieber raus und betont, dass man mit denen nichts zu tun hat, wie erleichternd. Andererseits ist es natürlich dumm, weil es dazu verleitet, über Dinge zu schimpfen, die eigentlich okay sind, egal ob Pflanzen essen, gewisse Friedenspreisreden oder Berufsbezeichnungen mit X hinten.

Aber wozu gibt es die Postmoderne, wenn nicht, um so lahme Dichotomien zu überwinden wie "heilig oder nichtheilig" oder "politisch korrekt oder nicht korrekt". Ich schlage eine Ergänzung zu Allerheiligen vor, damit die Schwelle nicht so hoch bleibt: Der Feier- und Gedenktag derer, die es zumindest versucht haben. Genau wie die Kirche das gemacht hat mit den Heiligen, damit keiner vergessen wird: Ihr seid alle toll! Der Gedenktag heißt "Alleranderen", und ich hätte ihn jetzt glatt auf den 3. November gelegt, aber da ist schon Weltmännertag, und in dieses Fettnäpfchen werde ich nicht treten, Freunde, also dann am 4. November. Bleiben Sie zu Hause, ich schreibe Ihnen eine Entschuldigung, oder ich versuche es zumindest.


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insgesamt 173 Beiträge
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Seite 1
gitgoe 01.11.2016
1. Übel
Bei Ihrer Kolumne fällt es mir schwer, tolerant zu bleiben. Ihr Gekrakele behalten sie mal lieber für sich, das braucht keiner. Auf der katholischen Kirche herumhacken geht immer, aber besser machen wohl nicht? An diesem Feiertag besuchen Tausende Menschen die Gräber ihrer Verstorbenen und gedenken dort einem lieben Menschen. Macht man das in Polen nicht? Ist nicht das Land in dem Sie aufgewachsen sind Erzkatholisch?
micromiller 01.11.2016
2. Was soll das liebe Magarete,
lass die Menschen doch feiern was sie mögen. Die Katholische Kirche ist nach wie vor für viele Mitbürger der wichtige, ultimative Halt im Leben. Es ist Sache der Katholiken und ihrer Kirche zu entscheiden was sie feiern wollen.
Tiananmen 01.11.2016
3. Liebe Margarete!
Vielleicht haben Sie die Illusion verloren, mit Ihrem Namen quasi automatisch auf der Liste der Heiligzusprechenden zu stehen; die ursächliche Selbstüberschätzung haben Sie aber perfekt konserviert. Ich meine - würden Sie sonst hier als Spaltenschreiberin auftreten? Ob der postulierte, aus dem Nest gefallende Spatz angesichts Ihrer Zuwendung überlebt hätte, weiß man nicht. Ich vermute aber, dass eher er als Sie in den Genuss der Heiligsprechung gekommen wäre. Sind es doch seit jeher vor allem Märtyrer, denen die heilige Mutter Kirche eine solche Ehrung zukommen lässt. Nix für ungut, liebe Margarete!
i.dietz 01.11.2016
4. Als überzeugte Atheistin
respektiere ich diesen Feiertag der Christen ! Religion ist doch schließlich Privatsache !
sarang he 01.11.2016
5.
Der "Alleranderentag" gibt es schon längst. Er liegt am 2.Nov. heisst aber nicht so plump.
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