Allerletzte Worte zu Loriot Der Tag, an dem das Lachen starb

Deutschland trauert, weil ein alter Scherzkeks gestorben ist - das hätte Loriot sicher gefreut. Sein Humor vereinte die Nation in einem Zwangsregime der guten Laune. Grund genug für "Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer, dem Witzbold einen letzten, unbeholfenen Nachruf hinterherzuwerfen.

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Loriot tot. Loritod. Kein Zweifel: Dass Vicco von Bülow gestorben ist, ist Anlass zur Trauer, zu Schmerz und Verzweiflung. Zum ersten Mal in seiner langen Karriere löst er nicht Freude, sondern Betroffenheit aus. Gerade noch zerfurchten schauerartige Kicheranfälle unser Gesicht, da kullerten auch schon bittere Tränen über die Lachfalten, die er uns über so viele Jahrzehnte ins Gesicht geschnitten hatte. Loriot, ein Gott der Heiterkeit, der große alte Lachsack der Nation - er hat seinen Hut genommen, seine Clownsschuhe ausgezogen, ist mit seinem viel zu kleinen Fahrrad davongefahren in die ewigen Witzgründe. Nun ist die Hölle seine Bühne.

Still war es zuletzt um ihn geworden. Vielen galt er schon als vergessen - da brachte er sich durch seinen plötzlichen Tod noch einmal ins Gespräch. Doch sein Tod kommt zur Unzeit. Ausgerechnet nach Fukushima, ausgerechnet nach der friedlichen Revolution in Arabistan: Es ist, als ob mit seinem Hinscheiden Gott selbst den Humor verloren hätte.

Dabei hätten wir ihn gerade dringend gebraucht. Seine Komik hätte uns helfen können, nach Breivik, in der Euro-Krise, nach der Frauen-WM. Sein silbriges Haar hätte uns Leuchtturm sein können in der finsteren Nacht des 21. Jahrhunderts, seine sanfte Stimme hätte wie wohltuender Ohrenbalsam gewirkt angesichts immer schrillerer Warnsirenen überall auf dem Globus. Fast ist es so, als sei zusammen mit ihm ein Freund gestorben, ein greiser Prominenter oder der alte Holzmichel.

Sein Humor vereinte ein gespaltenes Land. Ob SPD, ob CSU, ob Putzfrau oder Akademiker - alle konnten gleichermaßen befreit aufjuchzen über das kaputte Lametta, die Torte im Gesicht oder das umgefallene Fahrrad. Ein ganzes Loriotjahrhundert lang kamen die Deutschen nicht mehr aus dem Prusten heraus, zitierten sein wunderbares Loriotdeutsch: "Wie bitte?", "palimm-palimm", "Danke, Anke".

Der alte Fernsehsessel des deutschen Humors

Was den Diktatoren jedweder Couleur nicht gelang, fiel ihm leicht: das deutsche Volk zur Einheit zu schmieden, ein Zwangsregime der guten Laune zu errichten, in welchem jedes noch so angeregte Partygespräch mit dem Aufsagen des "Jodeldiploms" für immer zum Erlöschen gebracht werden konnte. Jeder von uns kennt einen Schwiegervater, einen Studienrat oder einen anderen "Zeit"-Leser, der eine ganze Abendgesellschaft mit stundenlangen "Ach was!"- oder "Moooment"-Rufen zermürben kann. Loriot ist eingegangen in den Kanon der Lachrituale der Bundesrepublik, wie "Dinner for one" am Silvesterabend oder das öffentliche Truppengelöbnis: Wer dagegen ist, wird erschossen.

Mehrfach geehrt als Erfinder des deutschen Lachens, war sein Humor nicht schwarz, nicht weiß, nicht rot, nicht braun. Einfache Antworten lagen ihm nicht. Er wollte den Politgott einen guten Mann sein lassen, einfach Ding um Ding raushauen und dabei Geld verdienen: Zuletzt durfte sich der Teigwarenfabrikant Kamps mit seinem berühmten "Knollennasenmännchen" schmücken und einen Klumpen Zucker und Aromen "Kosakenzipfel" nennen.

Ob Bäckern, Bundeskanzlern oder Anarchisten, jedermann reichte er die Pranke der Versöhnung. Dabei gelang es ihm auf unnachahmliche Weise, dem Muff der Nachkriegszeit mit dem Muff seiner Sketche Paroli zu bieten, das Grau der Zeit mit dem Grau der Fernsehunterhaltung zu bekämpfen. Seine subtilen, zärtlichen Pointen glänzten wie Spinnweben auf dem Bauernschrank der alten BRD.

Der größte Streich: Fast zwanzig Jahre lang ließ er sich ausschließlich zum Geburtstag gratulieren oder in Talkshows einladen, ohne sonst einen Finger krumm zu machen. Die Deutschen liebten ihn dafür. Endlich einer, der uns in Ruhe lässt, dachten sie. Niemals hätten sie damit gerechnet, dass er sie einmal im Stich lassen könnte. Loriot war wie der alte Fernsehsessel, der, nachdem er sich über Ewigkeiten endlich der Körperform angepasst hat, plötzlich stirbt.

Zweifellos: Sein Erbe wird bleiben. Nie wieder werden wir einen Teller Nudeln bestellen können, ohne lauthals aufzulachen, nie wieder werden wir "Ödipussi" sehen können, ohne insgeheim über die ARD-Programmchefs schmunzeln zu müssen. Gleichzeitig hätte es ihn natürlich gefreut, dass ein ganzes Land in Trauer geht, weil ein pensionierter Scherzkeks gestorben ist.

Es ist der letzte große Zaubertrick eines Artisten der Emotion: aus Spaß Überdruss zu erzeugen, aus Spontaneität routinierte Ödnis. Möge er nun eingehen in die Schullektüre, in die Bankettreden und die Klassikerausgaben, bis es allen endgültig zum Hals raushängt. Dann erst wird er sein, als was ihn die Wikipedia längst kennt: ein deutscher Humorist.

insgesamt 148 Beiträge
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Seite 1
franko_potente 30.08.2011
1. -
Zitat von sysopDeutschland trauert, weil*ein*alter Scherzkeks*gestorben ist - das hätte Loriot sicher gefreut. Sein Humor vereinte*die Nation*in einem Zwangsregime der guten Laune.*Grund genug für*"Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer, dem Witzbold einen letzten, unbeholfenen Nachruf hinterzuwerfen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,783259,00.html
sensationeller Nachruf...ich konnte herzhaft lachen. Sehr schön! Love this f***** mag...
Stäffelesrutscher, 30.08.2011
2.
Aber das eben sollte Humor sein oder wie? Interessante These…
fourxxx, 30.08.2011
3. in der tat.
Zitat von sysopDeutschland trauert, weil*ein*alter Scherzkeks*gestorben ist - das hätte Loriot sicher gefreut. Sein Humor vereinte*die Nation*in einem Zwangsregime der guten Laune.*Grund genug für*"Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer, dem Witzbold einen letzten, unbeholfenen Nachruf hinterzuwerfen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,783259,00.html
ich bin überrscht, da ich irgendwie anderes oder neues erwartet habe. in der tat, sehr unbeholfen.
HdGehres, 30.08.2011
4. Unbeholfen
Unbeholfen ist richtig ... im Bezug auf den Nachruf. Weder "palim,palim" noch "Danke, Anke" stammen von ihm. Auch war das Lametta nicht "kaputt". Früher war mehr.
frubi 30.08.2011
5. .
Zitat von sysopDeutschland trauert, weil*ein*alter Scherzkeks*gestorben ist - das hätte Loriot sicher gefreut. Sein Humor vereinte*die Nation*in einem Zwangsregime der guten Laune.*Grund genug für*"Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer, dem Witzbold einen letzten, unbeholfenen Nachruf hinterzuwerfen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,783259,00.html
Ich finde es sollte ein moralisches Moratorium geben, wenn berühmte Leute sterben. Immer wenn jemand das zeitliche segnet, überschlagen sich die Medien mit Nachrufen, seitenlangen Lobhudeleien und Extras. Die Perversion war, dass Samstags auf dem WDR sowie auf 3Sat Sondersendungen kamen und alles nochmal wiederholt wurde. Bei Sänger ist es ja im Trend, dass deren vergangene Werke danach sofort in die Top10 schießen. Bei Amy Winehouse fand ich das besonders wiederlich. Mit der wollte doch niemand mehr etwas zu tun haben. Dann stirbt sie und alle verfallen in diese Trauer-Zeremonie.
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