Alleswisser Mathias Richling "Ob ich noch ganz dicht bin? Ich bitte Sie!"

Gute Allgemeinbildung? Kann tödlich sein, glaubt Mathias Richling. Trotzdem plädiert der Kabarettist im Interview dafür, sich möglichst viel von diesem riskanten Wissen anzueignen und erklärt, weshalb er der freien Presse gerne mal den freien Hintern zeigt.

DPA

Das Interview mit Mathias Richling ist ein Auszug aus dem SPIEGEL-ONLINE-Buch "Wie gut ist Ihre Allgemeinbildung: Politik und Gesellschaft", das den großen SPIEGEL-Wissenstestbegleitet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Richling, Sie haben mal gesagt: Bildung ist Selbsterniedrigung – wer gebildet ist, merkt schneller, was er alles nicht weiß. Lebt sich’s dümmer wirklich besser?

Richling: Man könnte meinen, nichts zu wissen, ist sehr angenehm. Ich bin meine Welt, lehrt uns der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Mit anderen Worten: Was ich weiß, ist meine Welt. Je weniger ich weiß, umso dominanter bin ich in dieser Welt. Und umgekehrt: Je mehr ich weiß, umso mehr umgibt mich – und umso kleiner werde ich. Nichtwissen kann zu einer gewissen trügerischen Größe verhelfen.

SPIEGEL ONLINE: Dann sollte man es mit der Bildung lieber nicht übertreiben.

Richling: So könnte man es überspitzt sagen. Wenn man es noch weiter überspitzt, könnte man behaupten: Selbstmord kommt meistens nicht daher, dass man zu wenig weiß.

SPIEGEL ONLINE: Eine gute Allgemeinbildung ist also gefährlich – aber wie wichtig ist sie?

Richling: Das ist natürlich eine Generalfrage. Bildung sich anzueignen, das war ja mal ein großes Ziel. Ich habe den Eindruck, dass es nicht mehr so viele verfolgen, seit das Wissen stets abrufbar ist. Heute sagen sich viele: Mit einem Mausklick hab’ ich alles. Das Internet unterstützt die Leute in ihrer Trägheit.

SPIEGEL ONLINE: Wie macht man dann politisches Kabarett? Ein Witz funktioniert doch nur, wenn die Leute wissen, worüber sie lachen.

Richling: Im Idealfall bedienen Kabarettnummern beides: Sie sind sehr komisch aus sich heraus, werden aber auf einer tieferen Ebene noch komischer. Ein Beispiel: In meinem aktuellen Programm "Der Richling-Code" rede ich auch über Amtsmissbrauch, unter anderem durch Helmut Kohl mit den Flick-Spenden. Ich sage dann, dass Kohl bis heute nicht die Namen derer genannt hat, die 1989 die DDR an ihn gespendet haben. Das klingt absurd, und mancher im Osten sagt sich vielleicht: Ja, wir sind verschenkt worden. Der tiefere Sinn der Pointe aber ist ein anderer.

SPIEGEL ONLINE: Welcher denn?

Richling: Es gab einen CDU-Parteitag in Bremen im September 1989, auf dem Kohl gestürzt werden sollte von Geißler, Späth, Süßmuth und Biedenkopf. Zur gleichen Zeit geschah es, dass Ungarn seine Grenzen zum Westen öffnen wollte, was bekanntlich der Beginn des Umsturzes des gesamten Systems im Osten werden sollte. Kohl nun machte sich das Wissen darum zunutze, kungelte mit der ungarischen Führung und bat, diese Nachricht nicht vorzeitig bekannt zu geben, sondern er bat darum, dass er, Kohl, dies bekannt geben dürfe auf seinem Parteitag. Ungarn willigte ein. Die Nachricht überstrahlte alle anderen Misslichkeiten der CDU, wurde Kohl gut geschrieben, er war der Sieger des Tages und durfte noch neun Jahre weiter wursteln. Das ist der reale Hintergrund der Pointe. Und das ist gar nicht mehr komisch. Das heißt, man lacht eigentlich nur, wenn man das alles nicht weiß…Das war ein Witz! Ich wollte nur an den Anfang des Gespräches über Wissen und Unwissen anschließen.

SPIEGEL ONLINE: Diesen Hintergrund kennen doch nur wenige – und selbst die werden nicht sofort daran denken, während sie Ihnen zuhören.

Richling: Das stimmt, aber es ist eben diese doppelte Ebene, die den Abend vom Geplänkel abhebt.

SPIEGEL ONLINE: Braucht es wirklich eine solche zweite Ebene? Seine Lacher bekommt ein Kabarettist doch schon, wenn er Helmut Kohl halbwegs gut nachmacht.

Richling: Es geht mir ja nicht nur um Lacher. Das hehre Ziel ist mehr als nur zu unterhalten. Sonst würde ich heute noch Franz Josef Strauß nachmachen. Oder Edmund Stoiber.

SPIEGEL ONLINE: Also bayerisch reden, sich linkisch eckig bewegen, ein paar Ähs einstreuen…

Richling: Gleichwohl dürfen Sie nicht übersehen, dass ein Äh von Herrn Stoiber etwas aussagen kann. Man muss nur aufpassen, dass die Leute nicht nur über diese Formalie lachen und der Inhalt verloren geht. Wenn sie eine Nummer textimmanent auseinander nehmen, muss sie standhalten. Die Zuschauer müssen über den Text mindestens so viel lachen wie über die Figur. Und ich glaube, dass es auch so ist. Nehmen wir Angela Merkel. Vor vielen Jahren, weit vor ihrer Zeit als Kanzlerin, hat sich jeder auf ihre Frisur, ihre herunterhängenden Lefzen und ihre Hosenanzüge gestürzt. Ich habe seit Jahren kein Wort über die Optik von Frau Merkel verloren, weil ich das ausgesprochen müßig finde. Sie hat inzwischen eine Position, in der sie die Richtlinien der Politik bestimmt. Da mache ich mich nicht mehr über ihre Klamotten oder ihre Frisur lustig.

SPIEGEL ONLINE: Aber über ihren Ausschnitt! Nachdem Merkel 2008 mit tiefem Dekolleté eine Oper besucht hat, haben Sie sich so verkleidet. Da war sie längst Kanzlerin.

Richling: Das war eine zusätzliche Formalie, keine ausschließliche. Es war ein Bilderrahmen. Ich habe nichts dazu gesagt.

SPIEGEL ONLINE: Und damit alles gesagt.

Richling: Sie wollen doch Ihr Schnitzel auch nicht einfach auf den Tisch gehauen bekommen, sondern ein bisschen Petersilie dazu. Der Busen war die Petersilie. Wenn Sie darüber den Inhalt vergessen, kann ich Ihnen auch nicht helfen.

SPIEGEL ONLINE: Aber war es nicht trotzdem ein allzu billiger Gag?

Richling: Im Gegenteil! Das ist ja eine Unverschämtheit, ich habe mich eben nicht darüber lustig gemacht. Sie hat ein Dekolleté, das sich sehen lassen kann. Da gibt es nichts zu kritisieren. Aber wenn Sie schon so penetrant nachfragen, sag ich es Ihnen jetzt auch: Die Nummer war vielmehr eine Kritik an der Presse, eine Kritik daran, dass sich alle über Merkels Dekolleté echauffiert hatten. Am Ende der Nummer habe ich mich umgedreht und der freien Presse den freien Hintern gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Theater-, Literatur- und Musikwissenschaft studiert. Hat Ihnen das für Ihren Beruf etwas gebracht?

Richling: Mein Studium hat mir eine andere Sicht auf die Welt vermittelt. Ich habe Autoren gelesen, die mich bis heute faszinieren. Franz Xaver Kroetz mit seinen Volkstheaterstücken. Beckett, dessen Repliken manchmal aus nur einem Wort bestehen. Es ist faszinierend, wie jemand in dieser Kürzestform Empfindlichkeiten und Stimmungen vermitteln kann, ohne viel Geschwätz, das ist eine hohe Kunst. Gut, Sie können jetzt sagen, ich schwätze Ihnen zu viel, also habe ich von Beckett nichts gelernt…

SPIEGEL ONLINE: … vor allem reden Sie sehr schnell…

Richling: Sonst krieg ich ja gar nicht alles unter. Ich habe gehört, Sie haben nicht so viel Zeit…und dann ist da noch als dritter Eckpfeiler Karl Valentin, über den ich meine Magisterarbeit geschrieben habe. Valentin ist ja einer der genialen Autoren, der geschrieben und gespielt hat für die "ganz Gscheiten" und die "Saudummen". Man kann sich bei ihm comedy-mäßig einfach nur amüsieren und trotzdem hält Valentin literaturwissenschaftlicher Untersuchung stand. Es war sicher kein sehr gebildeter Mensch in dem Sinne, dass er sich viele Sachen angeeignet und daraus seine Kunst geschöpft hätte – er hat alles aus sich selbst heraus erfunden. Valentin hat absurdes Theater vorweggenommen, instinktiv, ohne Vergleichsmöglichkeiten, weil er nie ins Theater gegangen ist. Aber es ist bekannt, dass Beckett ihn gesehen hat, der seine Stücke viel später geschrieben hat.



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
The_Laser 27.05.2011
1. Ich bin ein Titel
Der Richling redet vielleicht ein Zeug zusammen, da kommt man nicht mehr mit.
SidiTabet 27.05.2011
2. Gebt mir diesen Mann in meine Kammer......
.....und zwar nicht für schnöden Sex, sondern um ihn dort gut zu füttern und mit guten Weinen zu beköstigen und ihn dann JEDERZEIT zu einem Gespräch parat zu haben. Ich will hier gar nicht auf das ausserordentliche komödiantische Talent des Herrn Richling eingehen - es ist unschlagbar - sondern erfreue mich an fast jedem Satz dieses unglaublichen Menschen. Sehr gerne hätte ich ein x-mal so langes Interview verschlungen und mich an den Aussagen erfreut. So werde ich es in mein privates Richling-online-Archiv stecken, traurig meine leere Kammer betrachten und mir sagen: eines schönen Tages kriege ich Dich, warte nur!! Ein genialer Kopf, dem ich noch viele gesunde Jahre mit einem begeisterten Publikum wünsche!
stiller_genießer 27.05.2011
3. Latein
Wenn nicht nur diese beiden interviewenden Journalisten, sondern die ganze Zunft, Latein so geringschätzen, dann braucht man sich nicht mehr zu wundern, wenn die ARD-Korrespondentin in Washington nach Obamas Wahl fortwährend von "Präsident in spe" gesprochen, "designierter Präsident" aber gemeint hat.
garfield, 27.05.2011
4.
Zitat von sysopGute Allgemeinbildung? Kann*tödlich sein, glaubt Mathias Richling. Trotzdem plädiert der Kabarettist im Interview*dafür, sich möglichst viel*von diesem riskanten*Wissen anzueignen und erklärt, weshalb er der freien Presse gerne mal den freien Hintern zeigt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,763332,00.html
Von der Selbsbeweihräucherung mit seinem angeblichen Gedächtnis mal abgesehen, kann ich ihm ja in vielem zustimmen, besonders in dem, was er zur sPD und den Grünen sagte. Da stellt sich dann aber doch die Frage, warum er sich von einem politischen Kabarettisten zu einem Comedian entwickelt hat. Man ist ja inzwischen gewohnt, dass SpOn keine unangenehmen Fragen stellt (es sei denn einem Politiker der LINKEn), aber ich hätte mir schon eine Nachfrage zu dieser Verlagerung gewünscht, oder dazu, warum ihm Hildebrandt nicht mehr erlaubte, seiner Sendung den Titel "Scheibenwischer" zu führen. Nun ja, am Ende war ja in Richlings Sendung auch nicht mehr viel "Scheibenwischer" enthalten. Und seit Nuhr den "Satiregipfel" besteigt (http://www.nachdenkseiten.de/?p=8081), dürfte die Sendung wohl endgültig ihre Fans bei den "Leistungsträgern" und die sich dafür halten, finden.
janne2109 27.05.2011
5. wichtig
ist der sooo wichtig, dass er unter Topmeldung erscheint??
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