Allroundkünstler Schlingensief "Theater war noch nie mein Ding"

Christoph Schlingensief rechnet mit dem Theater ab und konzentriert sich auf seine Karriere als bildender Künstler. Im Interview mit "Monopol" sprach er über die Vorteile des entfesselten Kunstmarkts, die Zukunft des Kinos und seine Angst zu erblinden.


Frage: Herr Schlingensief, Sie haben zuletzt einen Film in Namibia gedreht, eine Oper in Manaus inszeniert und zuletzt ein Opern-Geisterbahn in São Paulo gebaut. Sind Sie auf der Flucht? Raus aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo Sie jeder kennt? Schlingensief: Ich habe durch das Herumreisen auf jeden Fall eine Kraft bekommen, die ich in Deutschland vermisse, weil ich da immer "der Schlingensief" bin, der "provoziert". Wegfahren heißt für mich immer, ich fahre in eine Gegend, in der ich mich nicht auskenne. Und wo ich mich nicht auskenne, muss mich mehr bemühen. In Deutschland bin ich ja nur als Enfant terrible zu Gast.

Frage: In letzter Zeit sabotieren Sie diese Erwartungshaltung. Als Sie Anfang November im Züricher Migros-Museum ihre Ausstellung "Querverstümmelung" eröffneten, hätte man zumindest ein Happening gegen den Rechtspopulisten und Wahlsieger Christoph Blocher erwartet. Dann war es doch "nur" eine Kunstausstellung.

Schlingensief: Das ist dieses kranke Bild von politischer Kunst. Ich sabotiere keine Erwartungshaltung, sondern ich habe gelernt, dass es nichts mehr bringt, mit dem Megafon vor einem Politiker rumzubrüllen. Wenn politische Kunst ihren Rahmen gefunden hat, dann ist sie nicht mehr wert als die Gedenkmünze zum G-8-Gipfel. Ich glaube daran: Die Politik der Zukunft wird nur noch dann gewählt, wenn sie nichts mehr will. Blocher macht das gerade vor. Unser Bewusstsein ist doch weiter als das Reinheitsgebot der Politik. Der Politiker hat mittlerweile sein eigenes Theater. Und ohne Inhalt ist er auf der Erfolgsspur, das hat er sicher mit mancher Kunst gemein.

Frage: Und mit Theater wollen Sie zurzeit nichts mehr zu tun haben?

Schlingensief: Theater war doch nie mein Ding. Dieses blöde Nachvorneglotzen. Diese angestrengten Typen, die meinen, sie wären heute Abend Hamlet und morgen Faust. Ich kenn’ sie alle aus der Kantine, sie saufen und erzählen von früher, als sie noch so toll waren. Ihre Nasen sind rot und großporig, ihr Anspruch an die Gesellschaft ist größer als ihr Einfluss. Thomas Meinecke hatte früher das Motto: Theater zu Parkhäusern. Das stimmt immer noch. Für mich war Theater im besten Fall ein Studiogelände, das direkt in die Realität überging. Dazu musste man aber das Theater verlassen, und das habe ich ausgesprochen gerne gemacht. Im Theater denken alle noch, sie würden uns ein Bild zeigen. Ich hab’ hingegen immer gedacht: Wir stehen doch alle selbst im Bild. Und vor allem: Wer hat es gemalt? Auch diese Frage stelle ich mir in der Kunst.

Frage: Sie waren also die ganze Zeit am falschen Platz?

Schlingensief: Das Theater war ein Ort, den ich gerne benutzt habe. Da ich vom Film komme, musste ich am Theater erst mal in langen Szenen denken. Auch der Druck, vor Publikum zu stehen, ist anders: Der Raum überprüft mich, nicht ich überprüfe den Raum. Das war so das Minimalste, was es zu lernen gab, und daraus habe ich viel Material gezogen. Die Schauspieler waren am Ende diejenigen, denen das zu viel wurde. Im letzten Stück, "Kunst und Gemüse", haben die Behinderten das Sagen übernommen. Die Inszenierung wurde dann zum Theatertreffen eingeladen. Ich hab’ mich damals sehr gefreut, weil das ja angeblich der Ritterschlag in der Theaterwelt ist. Und beim Theatertreffen selbst habe ich dann gemerkt, was auch das für ein jämmerlicher Fake ist. Da hofft man immer, dort eingeladen zu werden, und sieht dann, was das für eine miese Nummer ist. Eine Zuchtschau, bei der die Pferde prämiert werden sollen, die am besten laufen. Und man sitzt im Publikum und denkt sich, das kann ja wohl nicht sein, dass das Pferd laufen soll, das kann ja nicht mal stehen. Das war es mit dem Theater, seitdem bin ich durch damit.

Frage: Parallel zum Volksbühnen-Engagement haben Sie auch gleich ihre Berliner Wohnung gekündigt. Waren Sie am Prenzlauer Berg genauso fehl am Platz wie am Theater?

Schlingensief: Als mein Vater starb, habe ich Berlin verlassen. Weiß nicht genau warum, aber es war wie ein Ende. So, als wäre er mein einziger Zuschauer gewesen. Seit seinem Tod hat sich viel verändert, und eigentlich ändert sich seitdem fast jede Stunde etwas. Sein Tod war keine Inszenierung, kein Gemälde, kein Diskurs. Es macht keinen Sinn, sich ständig etwas vorzumachen. Manche Dinge sind realer, als "wir Künstler" das überhaupt noch zulassen wollen. Wir saufen oder verstecken uns hinter unseren Intendanten oder Galeristen, wir sind so wahnsinnig depressiv, müssen geschont werden, äußern uns aber ständig zu allem und jedem. Wissen genau, wo Mitleid herkommt, was hip ist und warum die Sache so nicht läuft, blabla. Wir "verdichten" unser Hirn auf diese Dinge, bis nichts mehr übrigbleibt. Und plötzlich merkt man, wie viel Kraft flöten geht, weil manche Orte so tun, als hätten sie was zu sagen. Der Prenzlauer Berg zum Beispiel.

Frage: Wieso?

Schlingensief: Dieser Ort simuliert Aufbruchstimmung, ist sozusagen der Wurmfortsatz der Berliner Republik. Nur dass die Galerien jetzt schon alle halbe Stunde eröffnen, da wird der Rotwein weggekippt, der Käse reingedrückt, und am nächsten Tag muss man erst mal aufräumen. Ab dann beginnt das große Warten. In der dritten Woche startet man dann noch den Waffelverkauf, aber auch die schmecken nur nach "ich will wieder zu Mama". Und in der sechsten Woche kommen die Eltern, schütteln den Kopf, bezahlen den Strom und fahren nach Hause, und in der achten Woche meldet sich die Bank, dann wird geschlossen, das war’s.

Frage: Bis die nächste Galerie eröffnet.

Schlingensief: Genau. Übrig bleibt ein Frustrierter, der es vielleicht gar nicht schlecht gemeint hat, aber er war eben doch nur im Prenzlauer Berg, der zwar im Reiseführer als Klein-San-Francisco bezeichnet wird, aber auch San Francisco hat schon lange nichts mehr rausgebracht. Ein großer Fake mit ein paar großen Galerien, die den Spuk am Laufen halten. Du kannst es schaffen, wenn du willst! Aber dazu muss man erst mal wissen, was man will. Nur reich, nur berühmt? Sterben können – das wäre mal ein guter Schritt nach vorn.



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