Johannes Thumfart

"Alt Left" in den USA Was will die neue Linke?

Donald Trump suggeriert, in den USA reife eine radikale Linke heran - die "Alt Left". Tatsächlich formiert sich eine neue Anti-Establishment-Bewegung. Ihre Forderung: Schluss mit Wohlfühl-Widerstand!
Demo (Symbolbild)

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Dr. Johannes Thumfart, Fellow an der Forschergruppe Law, Science, Technology & Society der Freien Universität Brüssel, schreibt unter anderem für die "taz" und die "Zeit", hat an der Humboldt Universität Berlin über die Ideengeschichte des Völkerrechts promoviert. Danach Freie Universität Berlin, Universidad Iberoamericana in Mexiko-Stadt und University of Cincinnati in Ohio.

Als Trump von der "Alt Left" sprach, erzeugte er damit ähnliche Verwirrung wie bei seinem dadaistischen "covfefe"-Tweet. Wen oder was meint er damit nun wieder? Durch die schiere Namensähnlichkeit wollte der Demagoge suggerieren, in den USA reife eine radikale Linke heran, die zu ähnlichen Terrorakten bereit sei wie die "Alt Right" in Charlottesville. Eine eben so perfide wie dümmliche Relativierung rassistischen Terrors.

Allerdings zirkuliert der Begriff schon eine Weile in politischen Meinungsartikeln unterschiedlicher Autoren. Und noch letzte Woche benutzten ihn vor allem die Anhänger Clintons, um die Parteigänger des Sozialisten Bernie Sanders zu diffamieren.

Obwohl er eigentlich als Beleidigung gedacht ist, ist er auch durchaus aufschlussreich. So jedenfalls bemerkte der unter anderen der "Alt Left" zugerechnete New Yorker linksradikale Intellektuelle Bhaskar Sunkara bereits vor einigen Monaten im Guardian : "Der Begriff Alt Left soll uns diskreditieren, aber er beschreibt durchaus eine Ablehnung des Establishments und die Bereitschaft dazu, auf noch viel fundamentalere Weise mit politics as usual zu brechen als Trump."

Man hänge eben nicht dem Liberalismus an wie die Mehrheit der Demokraten, die bislang das linke Spektrum in den USA abdeckten, erklärt er auf aktuelle Nachfrage hin. Im Angesicht von Charlottesville wies er die Zuschreibung "Alt Left" natürlich noch harscher von sich, räumte ihr aber immer noch eine gewisse Berechtigung ein, wenn auch diese eben gerade nicht Gewalttätigkeit beinhaltet.

Obwohl sein erstes Buch bereits auf Deutsch übersetzt ist, werden Leute wie er hierzulande kaum wahrgenommen. Das liegt daran, dass seine eher kontinentaleuropäisch anmutende Idee einer populistisch-sozialistischen Arbeiterpartei so gar nicht zu den USA passen will, die man noch immer als Schutzmacht gegen die Warschauer-Pakt-Staaten in Erinnerung hat. Vielleicht liegt es auch an Sunkaras Humor, an den man sich aus europäischer, also diktaturerfahrener Perspektive erst mal gewöhnen muss.

"Wenn Corbyn gewinnt", schrieb Sunkara etwa am Vorabend der Wahl im UK, "dann ziehen wir nach Großbritannien und konfiszieren das Getreide walisischer Bauern". 271 Reaktionen auf Facebook, viele Lacher und auch ein paar Herzchen. Doch Corbyn verlor, Sunkara verzog sich also auf eine Dachterrasse. Um dort drei Stunden lang zu saufen und gleich im Anschluss einen trotzigen Artikel zu verfassen:"Weshalb Corbyn gewonnen hat." 

Nicht verlegen ist er auch, wenn es darum geht, im Hipster-Zentralorgan "Vice" ironisch das "unwiderstehliche Lächeln" von Pol Pot und Stalin zu thematisieren und dabei en passant todernst auf die Verdienste Hugo Chávez' hinzuweisen. Wie passend, dass ihm seine Freundin zum 28. Geburtstag augenzwinkernd die sozialistische Phrase postet: "Die Geschichte wird Dir recht geben."

Im Moment sieht es allerdings ganz so aus, als hätte Sunkara gar keine Rehabilitation durch die Geschichte nötig. Seit der Wahl Trumps geht es dem Sohn indischstämmiger Einwanderer von der Karibikinsel Trinidad glänzend. Er schreibt für den "Guardian", die " New York Times" und spricht in Harvard. Das von ihm gegründete Magazin "Jacobin" wuchs innerhalb kürzester Zeit von einer Auflage von 5000 auf 30.000, online erreicht es bedeutend mehr Leser.

Angesichts der Linientreue ist diese Reichweite überraschend: Beispielsweise zeigt man sich entgegen dem vorherrschenden Trend der internationalen gemäßigten Linken auch Pro-Maduro. Fast eine Selbstverständlichkeit, dass Sunkara auch einer der Vorsitzenden der rapide wachsenden Democratic Socialists of America ist. Lange bevor das S-Wort mit der Kampagne von Bernie Sanders hoffähig wurde, nannte er sich provokativ Sozialist.

Der linke Stephen Bannon?

Man könnte Sunkara als den linken Stephen Bannon bezeichnen; eine kleine Übertreibung, aber schließlich kannte den auch praktisch niemand vor Trumps Wahlkampf. Etwas ungerecht außerdem, lässt der Vergleich mit Sunkaras rhetorischen Fähigkeiten den neurechten Einflüsterer doch noch älter aussehen. Der Vergleich mit Bannon passt jedoch, insofern Sunkara in letzter Zeit immer selbstverständlicher als eine Art Chefideologe des linken Pendants der "Alt Right" auftritt - einer radikalen Linken, die heute in den USA mit Erfolg und einer guten Portion Populismus fernab der ungeschriebenen Regeln des Establishments operiert.

Und diese radikale Linke wird heute als "Alt Left" verfemt, denn sie ist vielen ein Dorn im Auge. Immer deutlicher zeigt sie sich als der eigentliche Gewinner jener desaströsen Wahl von 2016, welche die etablierten Demokraten eben so in Scherben zurückließ wie die etablierten Republikaner. Der von ihr unterstützte, aus Perspektive der Radikalen gemäßigte, sich selbst als Sozialist bezeichnende Sanders ist momentan der beliebteste Politiker der USA. Doch der rote Wundergreis wird bei der Wahl 2020 bereits 81 sein. Daher ist das vorwiegend junge, ihn und seine Politik propagierende intellektuelle Milieu interessanter als er selbst.

Zu diesem zählen weitgehend unbekannte "Jacobin"-Autoren wie Eileen Jones, Jonah Birch, Connor Kilpatrick, die Kritikerinnen des Elitenfeminismus Sarah Leonard und Nicole Aschoff sowie der bekanntere Journalist Jeremy Scahill, Autor eines Bestsellers über Privatarmeen und Mitbegründer der Edward Snowden nahestehenden Website "The Intercept". Darüber hinaus könnte man noch eher klassische Sozialisten nennen wie Lee Sustar, Redakteur bei "Socialist Worker" oder Bill Roberts, Mitbegründer der "International Socialist Review".

Die Dirtbag Left

Als unkonventionellste und ein wenig alberne Spielart dieser neuen US-amerikanischen radikalen Linken hat sich die sogenannte Dirtbag Left hervorgetan, die durch gezielte Vulgarität die vom Clinton-Umfeld geliebte Sprachhygiene und gender- oder race-basierte Identity Politics attackiert und eine kämpferische, irgendwie auch maskulinere Linie einfordert. Einer ihrer Protagonisten, Brace Belden - bekannter unter seinem Twitterhandle PissPigGranddad - ist gar gen Syrien ausgezogen, um praktisch in Hemingway-Manier Seit an Seit mit kurdischen Genossen gegen den IS zu kämpfen.

Jacobin

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Was sie alle vereint, ist ihre Haltung bei der letzten Wahl. Man hat sich nicht auf den Kuhhandel eingelassen, der aufgrund des Zweiparteiensystems die amerikanischen Demokraten besonders prägt, aber in allen Industriestaaten ähnlich funktioniert: Wirtschaftspolitisch neoliberale, aber kulturell progressive Kräfte wie Clinton zu unterstützen, um vermeintlich Schlimmeres zu vermeiden.

Nicht ganz zu Unrecht sehen viele in der außenpolitisch ambitionierteren Clinton einen noch gefährlicheren Vertreter des institutionalisierten Nepotismus als Trump. Und zu Recht vermuten viele, Sanders hätte im Gegensatz zu Clinton tatsächlich gewinnen können. Der Sieg Trumps, den sie dann in letzter Instanz in Kauf nahmen, bewies, dass die Republikaner und der Neoliberalismus intellektuell bankrott sind.

Und war damit eine Steilvorlage für die radikale Linke, die nun sagen kann: I told you so, was zum Beispiel Sunkara eindrücklich tat. Clintons Niederlage machte ein für alle Mal klar, dass auch linksliberale Siege nicht mehr möglich sind, ohne die Ängste und Nöte der amerikanischen Arbeiterschaft unabhängig von ihrem Grad an Bildung glaubhaft zu thematisieren - Bildung, die im Übrigen in den USA für die untere Mittelschicht ganz und gar unerschwinglich ist.

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Leonard, Sarah, Sunkara, Bhaskar

Die Zukunft, die wir wollen: Radikale Ideen für eine neue Zeit

Verlag: Europa Verlag
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Die Trump begünstigende Bildungsmisere führt dann auch zur eigentlichen Basis dieser neuen radikalen Linken, dem Geheimnis ihres wachsenden Einflusses: Wo junge Leute selbst an öffentlichen Universitäten in sechsstelligen Schulden versinken, um ihre für die heutige Arbeitswelt unerlässlichen Abschlüsse zu erwerben, stößt der sozialistische Ruf nach der Abschaffung des Privatbesitzes auch bei angehenden Eliten auf viel mehr Zuspruch als im kontinentalen Europa. Er wird geradezu zu einer Grundbedingung der uramerikanischen pursuit of happiness.

Ähnlich ist das beim Thema der langfristig zu hohen Mieten, die darauf zurückzuführen sind, dass die Zeiten von Wirtschaftsbooms und Traumrenditen im Westen vorbei sind und deswegen die akkumulierten Milliarden in Immobilien fließen müssen. Die soziale Schere geht damit weiter auseinander. Das kleptokratische Regime Trumps wird diese unter anderem von Piketty beschriebene Tendenz noch weiter verschärfen. Die radikale Linke kann sich auf eine glänzende Legislaturperiode einstellen.

Auch hier zeigt sich gerade das Neue dieser neuen Linken, die in Großbritannien eine ähnliche Basis mit ähnlichen Motiven hat. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg hat es der Westen mit einer breiten linken Bewegung zu tun, die nicht, wie diejenige der boomenden Sechziger, auf einer kruden Mischung von Wohlstandsüberdruss und Autoritätshörigkeit fußt, sondern dem Eigeninteresse verpflichtet ist. Damit verfügt sie über eine Art der Motivation, die wesentlich belastbarer ist als ideologisches Gutmenschentum und zumindest in Entwicklungsländern bewiesen hat, dass man mit ihr tatsächlich die Macht im Staat erlangen kann.

Und das möchte diese radikale Linke, die als "Alt Left" diffamiert wird. Die Bezeichnung "Alt" - kurz für "alternativ" - ist irreführend. Gerade im Kontrast zu dem, was man gemeinhin unter alternativ versteht, geht es ihr darum, rauszukommen aus der Blase des links-urban-akademischen Justemilieus zwischen Antifa, Biolatte, Gentrifzierungswiderstand, Urban Gardening und Gendersternchen. Eher als alternativ ist man linkskonservativ und strebt das an, was nach New Labour, Agenda 2010, Gulag, Berliner Mauer und den Killing Fields überhaupt nicht möglich schien: Um pragmatischer Zwecke willen den Staat an sich zu reißen und dabei die Welt zu verändern - by taking power wie die neuste Ausgabe von "Jacobin" titelt.

Stahlarbeiter mit Schnauzer und DadBod

Die neue, alte klare Kante der US-amerikanischen radikalen Linken schlägt sich auch in ihrem Kommunikationsstil nieder. Während sowohl US-Demokraten als auch die heimische SPD und Linke von einer eben so abgedroschenen wie letztlich unpolitischen Firmenästhetik geprägt sind, die man auch bei FedEx oder der Sparkasse finden kann, sucht man eine klassische, aber dadurch auch irgendwie ironische, campy Bildsprache: Arbeiter, Nelken, erhobene Fäuste und rote Fahnen.

Die gemäßigteren US-Demokraten sind schon am Lernen. Mit viel Aufwand und Geschick inszeniert die Partei derzeit die Kongresskampagne eines einem Bruce-Springsteen-Video entsprungen scheinenden Stahlarbeiters mit Schnauzer und DadBod, der symbolisch gegen den derzeit wohl mächtigsten Berufspolitiker der Republikaner, Paul Ryan, antritt.

Wiederbelebt wird mit der neuen, alten klaren Kante leider auch linke Propaganda. Es zirkulieren vor allem Verschwörungstheorien zur Wahleinmischung Russlands. Weite Teile der radikalen Linken halten diese wiederum für eine gefährliche Propagandalüge des Establishments. Mit dem Vorwurf von "Fake News" wird auch innerhalb des im weitesten Sinne progressiven Lagers nur so um sich geschmissen. Einflussreicher sind aber inhaltlich gemäßigt linksliberale, jedoch formal ungeheuer aggressive Yellowpress-Websites wie Daily Kos oder Raw Story. Seit der Wahl Trumps produzieren sie immer mehr reine Empörungs-Clickbait. Und der Twitter-Präsident liefert, ebenfalls um der Klicks willen, wahrlich genug Stoff zur Empörung. Mit seinem bewusst verächtlichen und offen menschenverachtenden Repräsentanten Trump wird schnell das ganze "System" zur Zielscheibe.

So werden digitale Zeiten zu Weimarer Zeiten. Der anti-liberale, rein antagonistisch gedachte Begriff des Politischen, wie ihn Carl Schmitt konzipierte, erfährt nicht zufällig jetzt, im Zeitalter von digitalen sozialen Netzwerken, eine Renaissance. Politik wird auf das Niveau von Einsen oder Nullen reduziert. Freund oder Feind, dazwischen gibt es nichts mehr. Und aus dieser Frontstellung werden immer hermetischere, immer einseitigere Filterblasen.

Wird derart radikalisiert, bleibt es selten bei Likes und Kommentaren. Wenn die Unterstützer Trumps und seine Gegner aufeinandertreffen, werden die Auseinandersetzungen häufig körperlich, nicht erst seit Charlottesville. Es mag problematisch sein, daran im Zusammenhang von Trumps den Rechtsterrorismus relativierendem Statement zu erinnern. Aber parallel zum Aufstieg der radikalen Linken kam es auch bereits zu einer wohl links motivierten Gewalttat. Mitte Juni versuchte ein Parteigänger Sanders', den republikanischen Kongressabgeordneten Steve Scalise bei einem Baseballspiel zu erschießen.

Sunkara etwas zu flapsig auf Facebook: "Millionen unterstützen Bernie - Teil davon, eine Massenbewegung zu sein, ist es, Verrückte im eigenen Lager zu haben. Was für eine schreckliche Tat. Aber müssen wir das kommentieren?" Sanders selbst übernahm dagegen Verantwortung, verdammte das Attentat und rief zu gewaltfreiem Wandel auf. Das ist auf eine Weise noch beängstigender - impliziert dies doch, dass er es als linksterroristischen Akt anerkennt. Es wäre der erste in den USA seit dem Abflauen des Kalten Kriegs in den Achtzigern.

Man übt schon mal gemeinsam schießen

Neben den vielen rechten gibt es in den USA bereits auch ein paar linke Milizen wie die in mehreren Bundesstaaten operierende Redneck Revolt, die sinnigerweise auch den Slogan benutzt: Fighting Nazis Is an American Tradition: Stop the Alt- Right. Man übt schon mal gemeinsam schießen - nichts Besonderes in einem Land, in dem Wehrsport beliebt ist und die Schwelle für die strafrechtliche Verfolgung der Bildung einer terroristischen Vereinigung sehr viel höher ist. Bis jetzt wird Feindkontakt noch nicht mit Feuerwaffen gesucht, aber das kann sich durchaus ändern. Im konkreten Fall Charlottesville aber ist Trumps Rede von einer Mitschuld der radikalen Linken absurd. Da handelte es sich um rechten Terrorismus, der in den USA sehr viel häufiger auftritt als linker.

Kandidaten für 2020

Sehr wahrscheinlich wird linke Militanz sowieso ein Nischenphänomen bleiben. Die neue US-amerikanische radikale Linke mag sich explizit mehr auf Lateinamerika als auf Europa beziehen und auch mit Gewalt kokettieren. Aber sie sieht sich in Kontinuität zu den Werten der Aufklärung und hat denkbar große politische Ziele, die man nur durch Überzeugungskraft und nicht durch Scharmützel im Hinterland erreicht.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg

Facebook-Chef Mark Zuckerberg

Foto: Noah Berger/ AP

Aus marxistischer Perspektive war es immer ein Widerspruch, dass Revolutionen in den Agrarstaaten Lateinamerikas, im rückständigen Russland oder in China stattfanden, nicht aber in den angelsächsischen Kernländern der Industrialisierung. Würden sich die amerikanische Unter- und Mittelschicht in einem von Trump und seinem Klan abgegrasten Land tatsächlich per Wahlzettel gegen den Kapitalismus entscheiden, würde dies ganz ohne utopische Übertreibung die gesamte Welt erschüttern.

Bevor das aber passiert, werden die etablierten Demokraten sehr wahrscheinlich einen konsensfähigen Kandidaten für 2020 durchboxen, der sich nicht Sozialist nennt und nicht wie Sanders im Rentenalter ist. Der Multimilliardär Mark Zuckerberg soll über eine Kandidatur nachdenken. Und die kalifornische Senatorin Kamala Harris soll bereits wegen zukünftiger Pfründe im Clinch mit dem Bernie-Lager liegen.

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