Amerikanische TV-Helden Geliebter Fernseh-Fiesling

Ein sarkastischer Arzt, ein ultrabrutaler Cop, eine intrigante Anwältin, ein gehässiger Autor: Die großen Helden des amerikanischen Serienfernsehens werden immer gemeiner. Das Publikum aber liebt diese Medien-Fieslinge ganz besonders. Warum eigentlich?

Von Daniel Haas


Würde man die Helden der zurzeit besten amerikanischen TV-Serien in einem Raum versammeln, die Stimmung wäre unerträglich. Der sarkastische, tablettenabhängige Arzt Dr. House träfe auf den Gerichtsmediziner und Freizeitkiller Dexter; hinzu kämen der Polizei-Brutalo Vic Mackey ("The Shield"), der auf Folter spezialisierte Agent Jack Bauer ("24") und die intrigante Rechtsanwältin Patty Hewes ("Damages").



Auch die kaltschnäuzige Assistenzärztin Christina Yang aus der Medizinerserie "Grey's Anatomy" müsste man hinzubitten. Und natürlich den übellaunigen Drehbuchautor Larry David, der sich in der Comedy-Reihe "Curb Your Enthusiasm" selbst spielt. Sie alle zeichnen sich aus durch einen krassen Mangel an sozialen Fähigkeiten, an Manieren und Taktgefühl.

Im richtigen Leben würde man jeden einzelnen von ihnen meiden, auf dem Bildschirm aber sind sie Dauergäste in Millionen Wohnzimmern weltweit. Was macht diese Soziopathen bloß zu Zuschauermagneten? Warum wird man süchtig nach der Schroffheit einer Chirurgin, deren Laune sich proportional zur Schwere der Verletzungen ihrer Patienten hebt? Warum giert man nach dem nächsten Einsatz eines Detectives, der Drogengelder klaut und Kollegen ermordet?

Kompetent und renitent

Auffallend ist: Alle genannten Figuren sind höchst kompetent. Niemand räumt in den Straßen effektiver auf als Vick Mackey aus "The Shield". Niemand manipuliert eine Jury besser als Patty Hewes in "Damages" (in Deutschland ab 28. April bei Kabel 1). Und wer einmal erlebt hat, wie Dr. House eine besonders raffinierte Krankheit kuriert, weiß: Dieser Mann ist schlauer als das ganze Team von "Emergency Room" zusammen.

Die Gemeinheit ist also ans berufliche Können gekoppelt; ja, die Fiesheit scheint sogar Bedingung für Professionalität zu sein. Ganz schön pessimistisch, dieses Konzept, aber es ist konsensfähig – und durch die Alltagserfahrung gedeckt. Denn, Hand aufs spätkapitalistisch bedrängte Herz: Die Verhältnisse haben sich so verschärft, dass Können scheinbar nur um den Preis der Verrohung zu haben ist. Wer einen guten Job machen will, braucht Ellbogen; emotionale Ressentiments wie Nächstenliebe haben ausgespielt.

Ebenfalls anziehend: Figuren wie Jack Bauer und Dr. House reden die Probleme nicht schön. Ihre Rhetorik ist rau, nüchtern, schmucklos. Sie sagen, was Sache ist. "Sie werden sterben. Gehirntumor. Langweilig", erklärt House einem Patienten (um ihn dann später doch zu retten). "Hinter dieser Härte steckt ein gewisser Mut", erklärt die Psychologin und Publizistin Eva Wlodarek. "Und den hätten wir natürlich alle gern."

Genau: Dem Chef mal ordentlich die Meinung geigen, den Kollegen offen mobben, dass der Betriebsrat zittert. Für den gezähmten Office-Menschen eine fast schon pornografische Fantasie.

Außerdem tut diese Direktheit gut in einer Zeit, wo Lügen und Schönfärbereien stilprägend geworden sind. Politiker zetteln Kriege aufgrund der Vorspiegelung falscher Tatsachen an. Mediziner verkaufen das Klonen als Heilmittel für die Menschheit, aber es wird weiterhin qualvoll gestorben an Aids und Krebs. Das Internet eröffnet zahllose Möglichkeiten der Kommunikation, dennoch vereinsamen Hunderttausende vor dem Rechner. Leute wie Vick Mackey und Patricia Hewes hingegen machen sich und anderen nichts vor. Im Gegenteil: Sie machen kurzen Prozess – verbal und sozial.

Coolness und Kontrolle

Natürlich kommen diese abgebrühten Typen nicht aus dem medialen Nichts. Es hat aber einige Zeit gedauert, bis sie sich auf Leinwänden und Bildschirmen breitmachen durften. In den sechziger und siebziger Jahren waren die Querulanten Outlaws und – siehe Filme wie "The Wild Bunch" und "Easy Rider" – vor allem Loser, die man bedauern oder betrauern konnte.

In den Achtzigern traten die knallharten Zocker und Karrieristen auf den Plan, allerdings, wie in Oliver Stones Yuppie-Drama "Wall Street", grundsätzlich begleitet von einem moralisch guten Gegenspieler. Erst in den Neunzigern rückt der Böse vollständig ins Zentrum des Geschehens. Mit dem Obersadisten Patrick Bateman aus "American Psycho" und dem Gourmet-Kannibalen Hannibal Lecter ("Das Schweigen der Lämmer") wird er zur salonfähigen Identifikationsfigur.

Wie Lecter ist auch Dexter ein Serienkiller. Faszinierend an ihm ist aber weniger seine Grausamkeit als die maßlose Selbstgewissheit , mit der er seine Taten vollbringt. Auch Vick Mackey hegt keine Zweifel am eigenen Projekt, ebenso wenig wie Patty Hewes, die zwar keine Menschen ermordet, für das Erreichen ihrer Ziele aber schon in der ersten "Damages"-Staffel locker mehrere Schicksale zerrüttet.

So faszinierend diese Gemeinheit der neuen TV-Helden ist: Sowohl die Mitspieler von Jack, Patty und Co. als auch wir, die Zuschauer, können sie nur bedingt hinnehmen. Aber gerade dies steigert noch den Reiz des Fieslings. Sind seine amoralischen Eskapaden nicht ein Hilferuf? Will er nicht doch ein bisschen teilnehmen am gesellschaftlichen Mainstream, wo wir, die Zuschauer, uns anöden, aber auch sicher fühlen?

Mensch, wie unmenschlich!

Ganz klar: Aus dem Versuch, die genialen Menschmaschinen zu humanisieren, erwächst ein Großteil der Spannung vieler Serien. Wird die taffe Cristina den sensiblen Chefarzt doch noch heiraten? Wird der frostige Dexter sich seiner Schwester anvertrauen? Im Ringen um das Seelenheil dieser Figuren lugt noch einmal ein Utopieverspechen um die Ecke. Es ist aber nicht mehr religiös oder ideologisch, sondern sozialpragmatisch grundiert.

Ob es sich erfüllt, ist dabei gar nicht so wichtig. Der Zuschauer profitiert, wie gesagt, vom exzessiven Anderssein der Serienfieslinge. In der Rolle des Außenseiters verschafft er dem Rest das gute Gefühl, geborgen in der gesellschaftlichen Mitte zu sein. Wir wollen uns auch mal gemein, hemmungslos, kompromisslos geben – und können uns andererseits gruseln: Nein, was der sich schon wieder gestattet!

So gesehen hat der Fiesling sogar einen Hauch tragischer Größe. "Er ist so etwas wie ein Opferlamm der modernen Gesellschaft", sagt der Medienwissenschaftler Georg Seeßlen. "Er beklagt sich nicht über sein Schicksal. Er nimmt es an."

Wir, die Bewohner der konkreten Wirklichkeit, sind unterdessen weiter mit der Selbstoptimierung beschäftigt, mit der Mobilmachung für noch neuere Medien und Märkte, ihre Ansprüche und Zumutungen. Sich in diesen Verhältnissen einzurichten, ist schmerzhaft. Wie gut, dass uns die verletzenden Typen auf dem Bildschirm ein wenig beistehen.



insgesamt 30 Beiträge
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alamo-sa 09.04.2008
1. warum es hier moeglich ist
vorneweg: jeden montag abend schaue ich dr. house - und ich liebe seinen sarkasmus. warum es hier so viele "ferneseh-fieslinge" gibt, ist einfach. es ist hier medientechnisch moeglich und trotz der fernsehaufsicht fuer die normalen sender, solche charaktere zu entwickeln. die amerikaner sehen diese charaktere einfach - weil sie ihnen zum teil jeden tag begegnen. der grosse unterschied zu deutschland ist einfach, in deutschland wuerde die fernsehaufsicht eine solche serie verbieten! welcher deutsche moralwaechter wuerde es schon erlauben, das ein arzt einem patienten sagt "du wirst sterben, lass mich zum naechsten patienten gehen". in deutschland wuerde der arzt vor lauter traenen zusammenbrechen und mit dem patienten sein schicksal beweinen. allerbestes beispiel: hell's kitchen - jeden dienstag abend auf fox. zur erklaerung: menschen, die meinen dass sie das zeug zum perfekten chefkoch haben, kochen in dieser casting show mit dem hauptpreis in dieser saison "chefkoch in einem neuen restaurant in los angeles, preislabel ungefaehr 1 mio $$. "chef" ist chef ramsey - der seine kandidaten beschimpft, beleidigt, sie mit dem gekochten essen bewirft - hier ist das moeglich. in deutschland wuerde man sofort von "menschenrede" reden. deutschland sollte aufwachen und sich hin und wieder fragen, ob die deutschen "moralwerte" (so gut sie sind und auch in der vergangeheit waren) noch in der gegenwart "wert" haben!
doctor manhattan 09.04.2008
2. Californication
Bei der Aufzählung dürfen wir auf keinen Fall David Duchovny als writers block geplagter Hank Moody in Showtimes (Dexter) ganz hervorragenden Serie Californication vergessen…
wattfisch 09.04.2008
3. Mutlos
Die Zuschauer freuen sich einfach über Figuren mit Meinungen! House, Larry David oder auch Tony Soprano haben da eine Menge zu bieten. Das honoriert der Zuschauer, auch wenn er nicht unbedingt mit ihrer Konsequenz übereinstimmen mag. Bei deutschen Produktionen fehlt genau das, und das liegt am fehlenden Mut der Senderedakteure. Da wird fast jede klare Idee platt gemacht. Bestellt wird dann etwas in der Art von..." - und das wird dann auch noch verflacht. Es ist deshalb kein Wunder, dass hier Larry Davids fiese Rolle in der Adaption von dem netten Bastian Pastewka gespielt wird. Nichts gegen Pastewka, aber das bleibt eben in diesem Format weit hinter den Möglichkeiten zurück. Schade.
Hannibal23 09.04.2008
4. AntiHelden?
interessant sind eben nicht die Leute die alles richtig machen, sondern die die fast alles falsch machen und trotzdem in den wichtigen Sachen richtig liegen. Für mich sind die meisten angesprochenen Helden eigentlich noch zu "normal"(und damit langweilig). Schön wäre doch einmal ein Held der auch mal über längere Zeit antipathie erzeugt. Jemand dem man kaum zuschauen mag weil man sich so ungern in ihm wieger erkennen mag.
Coldplay17, 09.04.2008
5. Jack Bauer at first !
Der Fiesling mit dem grössten Sympathie-Bonus ist für mich immer noch Jack Bauer, der das mit Terroristen macht, was unsere Ermittler tun sollten !
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