Amerikas Moraldebatte Sexmonster in Suburbia

Eine schlüpfrige Soap Opera begeistert die Amerikaner - und zerstört das Klischee von der "moralischen Mehrheit" in den USA. Washingtons Sittenwächter, nach der Wahl im Siegesrausch, liegen offenbar nicht ganz so im Trend wie sie dachten.

New York - Gabrielle betrügt den Gatten mit dem minderjährigen Gärtner. Die Super-Mutter Lynette ist pillensüchtig. Bree lästert über ihren Partner Rex, denn er "heult, wenn er ejakuliert". Ihr Sohn Andrew, volltrunken am Steuer, überfährt Gabrielles Schwiegermutter. Paul setzt einen Killer auf die Schlampe Edie an. Mary Alice backt schnell noch ihre Waffeln fertig und jagt sich dann eine Kugel in den Kopf.

Alltag in der Wisteria Lane, dem properen Provinz-Idyll des neuen US-Serienhits "Desperate Housewives". Die TV-Satire über "verzweifelte Hausfrauen" in der Vorhölle der Vorstadt ist hier der Überraschungshit der Fernsehsaison. Die Sexmonster aus Suburbia verdrehten allein mit der jüngsten Episode, die in einer filmischen Collage aus einem Mord und einem Orgasmus endete, über 27 Millionen Mattscheiben-Voyeuren den Kopf. Das machte sie zum Quotensieger der Woche - mal wieder.

Dies ist mehr als Entertainment. Dies ist hohe Politik. Der Erfolg der schwarzen Komödie von "Golden Girls"-Veteran Marc Cherry trifft den Nerv der Nation - und zerstört ein aktuelles Klischee. Denn "Housewives" entlarvt den "neuen Kulturkrieg" ("New York Times") der Moralisten, die Präsident George W. Bushs Wiederwahl als Triumph von Sitte über Unsitte feierten, als eine heuchlerische Scharade.

Hurende Heimchen als Quotenretter

Millionen können nicht irren: Die "heißeste Show im Fernsehen" ("Variety") ist überall Gesprächsstoff. "Meine Kolleginnen reden über nichts anderes mehr", sagt Kanzleiassistent Kenny Vaugh, selbst ein heimlicher Fan. Denn "Housewives" scheint dem wahren Leben näher zu liegen als jene Koalition selbsternannter Sittenwächter in Washington, die sich seit der Wahl in der Mehrheit wähnen. Die Serie sei "schändlich" und "moralisch bedenklich", wütet die christlich-konservative American Family Association (AFA) zwar und bläst zum Boykott. Doch für jeden Werbekunden der abspringt, steigt sofort ein neuer ein - zu höherem Preis.

"Housewives", für das sich Autor Cherry von seiner Mutter inspirieren ließ, läuft schließlich nicht auf einem der flotten Nischenkanäle wie den Pay-Sendern HBO oder Showtime. Die winkten sogar gelangweilt ab, als Cherry - laut "Newsweek" selbst ein "schwuler Republikaner" - das Konzept feilbot. Stattdessen findet sich Sodom und Gomorrha nun, zur besten Sendezeit am Sonntagabend, bei ABC, dem Vorzeige-Network aus Disneys Märchenstube.

ABC, ein Hort der "family values", verdankt den hurenden Heimchen die Rettung aus dem Quotenkeller. Denn das Treiben in der Wisteria Lane begeistert alle Ziel- und Altersgruppen - nicht nur im Sündenbabel New York, sondern vor allem in Republikaner-Hochburgen wie Kansas und Oklahoma. In Atlanta, wo Bush fast 60 Prozent der Stimmen bekam, erreicht "Housewives" zwei Millionen Haushalte pro Episode und liegt damit auf Platz eins.

Drogensüchtige Prügelknaben

Die durchgeknallten "Housewives" sind nur ein Beispiel, das die Annahme widerlegt, die USA steckten neuerdings im Schwitzkasten einer "moralischen Mehrheit" ("Wall Street Journal"). Ein anderes ist eine der letzten TV-Bastionen "familienfreundlicher" Lebensart - Monday Night Football. Auch das ist längst nicht mehr jene keusche "Familien-Freude", als die sie Tugendbolde wie der TV-Prediger Pat Robertson gerne preisen. Sondern eher, so der Talkmaster Don Imus, ein Aufmarsch von "Drogensüchtigen, die ihre Frauen verprügeln".

Selbst Monday Night Football wurde jetzt von den Wisteria-Ludern gestürmt. Starlet Nicollette Sheridan - sie spielt in "Housewives" eine platinblonde Sexbombe - ließ für einen eineinhalbminütigen Intro-Sketch das Handtuch fallen und hüpfte nackt in die Arme des schwarzen Football-Stars Terrell Owens, mit farbenblindem Gurren: "I love you, T.O.!"

Fast nackt jedenfalls. Zu sehen war nur der Rücken der Dame, kaum der Rede wert. In den ersten 24 Stunden danach bekam ABC, das auch diesen Gag produziert hatte, keinen einzigen Beschwerde-Anruf. Das Gezeter begann erst später, als die Moralfront mobilisierte. So proklamierte der konservative (und selbst einst tablettensüchtige) Radio-Polemiker Rush Limbaugh: "Ich war entsetzt!"

Mehr Sex nach den Wechseljahren

"Ich frage mich, ob Walt Disney darauf stolz gewesen wäre", donnerte Michael Powell, der Chef der Medienaufsicht FCC, und drohte mit Strafe. Prompt "entschuldigte" sich ABC, doch nicht minder scheinheilig als die Moralapostel. Denn der Spot hatte das Theater ja schon vorausgesehen. Zum Ende saßen zwei weitere "Housewives"-Stars, Teri Hatcher and Felicity Huffman, mampfend auf einer TV-Couch und spielten Ekel: "Wer guckt bloß solchen Müll?"

Antwort: ganz Amerika. Im Internet erzielte Sheridans Kehrseite neue Rekorde: "Wir wurden öfters darum gebeten als um jedes andere Video zuvor", erklärt die Männer-Website big-boys.com. Damit verdrängte der Rücken der Hollywood-Hausfrau ein anderes VIP-Körperteil aus den Klicker-Hitlisten: Janet Jacksons Busen beim Football-Superbowl.

Eine Nation der Prüderie? Dauerwerbung für Potenzmittel und Sex-Pillen wie Viagra, Cialis oder Levitra beleben hier das TV-Programm und die Familien-Zeitschriften: "Männer, deren Erektion länger als vier Stunden anhält, sollten einen Arzt aufsuchen." Demnächst will der Haushaltskonzern Procter & Gamble sein neuestes Produkt Intrinsa auf den Markt werfen, das "Viagra für Frauen" - ein Doping-Pflaster für "mehr Sex nach den Wechseljahren".

Jugendfrei ist nur der Krieg

Auch andere TV-Serienfrevel finden den stillen Zuspruch der FCC: "Boston Legal" (ABC) über Betrug und Beischlaf in einer Bostoner Anwaltskanzlei (in einer Folge prahlt der Star, er fahre auf Frauen mit Holzbeinen ab); "The Swan" (Fox), eine Reality-Show, bei der hässliche Entlein per plastischer Chirurgie zu Sex-Objekten mutieren; "Will & Grace", eine NBC-Komödie um die kopulativen Leiden eines Schwulen und seiner besten Freundin, einer Jüdin; "Queer Eye for the Straight Guy" auf der NBC-Schwester Bravo, wo die Homos den Heteros unter anderem Anmach-Tipps geben.

"Der Tag, an dem die Aufklärung endete": So beklagte der Historiker Garry Willis noch kurz nach der Wahl den Sieg der Konservativen in einem Essay für die "New York Times". Willis zeichnete das Schreckensbild eines Landes unter der Moralknute, das mit den Radikalen im Nahen Osten allerhand gemein habe: "Fundamentalistischer Eifer, Rage aufs Säkuläre, religiöse Intoleranz, Furcht vor und Hass auf Modernität". Grundlage der Diagnose waren Umfragen, wonach "moralische Werte" das Hauptanliegen der US-Wähler gewesen sei.

Dieses Trugbild pflanzte sich schnell durch die Medien fort. "Time" widmete der "moralischen Kluft" ein langes Lamento. NBC-Präsident Bob Wright sprach in Anspielung auf die rot-blauen Wahlgrafiken von einer "Welt roter Staaten". 66 ABC-Lokalsender schmissen schnell Steven Spielbergs Kriegsepos "Saving Private Ryan" wegen "krasser Gewalt" aus dem Programm, während der echte Krieg im Irak nur noch zensiert und unblutig über die US-Mattscheiben flimmert. Das einzig Jugendfreie im Fernsehen, klagt Ex-Frontreporter Joe Klein, sei der Krieg.

Laute Lieder vom Jesuskind

Leider entpuppen sich die Wahl-Umfragen nun, zum Bedauern der organisierten Moral-Lobby, als irreführend. Selbst Sittenpapst Powell räumt ein, es sei "Zeit, tief durchzuatmen". Der Anteil der "wertebewussten" Wähler war nämlich in Wahrheit niedriger als früher, der Anteil der Kirchgänger nicht höher als bei der letzten Wahl. Das hätte ein Blick auf die TV-Quoten natürlich gleich offenbart - oder auch ein Blick auf die Porno-Industrie, die hier im Jahr rund zehn Milliarden Dollar Umsatz macht.

Doch die konservativen Kreuzritter lassen nicht locker. In New York macht ein "Komitee zur Rettung von Weihnachten" gerade gegen das Kaufhaus Macy's mobil, weil dieses seinen Kunden offiziell nicht mehr "Merry Christmas" wünscht, sondern, sträflich unfromm, "Happy Holidays".

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