Arno Frank

Storch-Tweets Früher verpufften Verblendungen, heute wirken sie

AfD-Politikerin Beatrix von Storch hat die Amokfahrt von Münster via Twitter mit Merkels Flüchtlingspolitik in Verbindung gebracht. Es ist hier eine ganz spezielle Armseligkeit am Werk, die durch soziale Medien ihre volle Kraft entfaltet.
Beatrix von Storch

Beatrix von Storch

Foto: Gregor Fischer/ dpa

In Münster kämpften am Samstag die Ärzte noch um das Leben der Schwerverletzten, als Beatrix von Storch schon mit einem Tweet zur Sache vorpreschte: "Wir schaffen das!"

Damit dieser Satz nicht als ironischer und etwas zynischer Kommentar zur Lage verstanden werden konnte, bediente sich das Mitglied im Bundesvorstand der AfD aller semiotischen Mittel, die Nutzern "sozialer Medien" wie Twitter so zu Gebote stehen. Knackig knapp, alarmistische Großbuchstaben - und am Ende ein fluchendes Emoji mit rotem Kopf: "WIR SCHAFFEN DAS!" Das war nicht mehr ironisch und nur nebenbei zynisch, es war in seiner feurigen Erregung darüber, dass "es" endlich wieder passiert war, höhnisches Triumphgeheul. Jubel.

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Die Frau ist Mitglied im Bundesvorstand einer Partei, die mit 12,6 Prozent in den Bundestag gewählt wurde, wo sie als stellvertretende Fraktionsvorsitzende dient. Sie war nicht nur schneller als ihre Parteikollegen, die sich diesmal in vorsichtiger Zurückhaltung übten. Storch hatte auch kein Einsehen, als rasch klar wurde, dass "es" gar nicht passiert war.

Lieber Ressentiments trauen

Es war kein islamistischer Anschlag? Für die Politikerin sah es aber so aus. Es muss sich also um einen "Nachahmer" gehandelt haben. Danke, Merkel! Oder, wie Lutz Bachmann von Pegida kichernd verbreitete, der eigentliche Täter "hockt weiterhin trotzig, frech und uneinsichtig im Kanzleramt". Andere Netzgestalten äußern bereits erste Zweifel an der offiziellen Version und wollen erst dann an einen deutschen Täter glauben, wenn man ihnen "Fotos der Leiche" vorlegt. Und was weiß Erdogan? Den Systemmedien ist nicht zu trauen! Also trauen wir lieber unseren Ressentiments, die sind solide und verlässlich.

Niemand würde von einem psychisch Kranken auf alle psychisch Kranken schließen, schon gar nicht von einem Deutschen auf alle Deutschen. Beatrix von Storch und ihre Leidensgenossen bringen es inzwischen sogar fertig, von einem psychisch kranken Deutschen auf alle Muslime zu schließen. Dabei lernen schon Kleinkinder beim Förmchenspiel, dass das Runde nur ins Runde und das Eckige ins Eckige passt. Wenn nun aber das Irre nicht ins Halbmondförmige will, prügeln manche Menschen wütend so lange darauf ein, bis es eben doch hindurchpasst. Es ist hier eine ganz spezielle Armseligkeit am Werk, ein aggressiver Stolz auf die eigenen Gewissheiten, die nicht einmal durch besseres Wissen zu trüben sind.

Das ist beachtlich, neu ist es nicht. Solche Menschen gab es schon immer und wird es immer geben. Neu ist allerdings, dass Einlassungen dieser intellektuellen und moralischen Güteklasse, dass also das Perfide und Infame über die sozialen Netzwerke sein passendes Publikum findet. Was früher nach zwölf Bier an der Pissrinne hinterm Bierzelt geblökt worden sein mag, das ist heute in Ton und Inhalt offizielles Statement einer Bundestagsabgeordneten. Früher verpufften Verblendungen wirkungslos in Peinlichkeit, heute strahlen sie ab und werden infektiös.

Wir müssen lernen, damit umzugehen

Damit müssen wir nicht nur leben. Wir müssen langsam lernen, damit umzugehen. Dabei nützt es nichts, hier nach Gesetzen zu rufen oder die Verantwortung von Konzernen einzufordern. Die Kommunikation bei Twitter ist direkt, von Mensch zu Mensch, von Synapse zu Synapse. Wir müssen das also selbst erledigen.

Für Menschen guten Willens käme es auf Besonnenheit an, nicht obwohl, sondern gerade weil das Abwarten der enormen Eigendynamik der Erregungskultur im Internet widerspricht. Menschen schlechten Willens sind nicht nur an Hohn und Zynismus zu erkennen. Sie sind verlässlich daran zu erkennen, dass sie es immer schon zuerst wussten. Noch bevor es passiert. Auch dann noch, wenn eigentlich etwas ganz anderes passiert ist.

Solange wir soziale Netzwerke für legitime Foren diskursiver Auseinandersetzung halten, werden wir ihrer suggestiven Illusion erliegen und noch das galligste gedankliche Bäuerchen als Beitrag zur Debatte wahrnehmen, vielleicht sogar fürchten - wo es doch in Wahrheit nur erfreulich erhellende Rückschlüsse auf Gemüt und Intellekt der Absender zulässt.

Auf ihren Irrtum angesprochen, rudert Beatrix von Storch in vier Tweets nicht einmal zurück. Sie rudert im Kreis, "der Islam" werde wieder zuschlagen, wenn nicht in Münster, dann anderswo.

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Am Abend dann die erlösende Nachricht, in Berlin sei ein Anschlag verhindert worden. Prompt twitterte sie, jetzt erst recht: "WIR SCHAFFEN DAS!", dazu ein fluchendes Emoji mit rotem Kopf.

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Dieses Emoji, das ist Beatrix von Storch. Das ist der Hass.

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