Amtseinführungsmenü Mahlzeit, Mr. President!

Bevor Barack Obama regieren kann, muss er vernünftig essen: Hummer und Fasan, drei Gänge, gefühlte 14.000 Kalorien. Peter Wagner hat das offizielle Amtseinführungsmenü vorgekocht - und darin zuhauf politische Botschaften entdeckt. SPIEGEL ONLINE zeigt das Rezept zum Nachmachen.


Die Autoindustrie versinkt im Insolvenzsumpf, Quadrilliarden Dollars lösen sich in der Irrealwirtschaft in Luft auf, täglich verbluten Söhne des Landes im irakischen Sand, das ganze Land, so scheint es, verpufft in Rauch und Asche - wer zum Teufel denkt da noch an ein ordentliches Mittagessen?

Dianne Feinstein zum Beispiel. Die US-Senatorin leitet das aus fünf einflussreichen Abgeordneten und Senatoren gebildete Komitee zur Organisation der Amtseinführung des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barack Obama. Seit Monaten arbeiten sie an den Details der Feierlichkeiten, in deren Zentrum das "Inaugural Luncheon" nach dem Amtseid steht - seit über 100 Jahren jenes Mittagessen, das zur Amtseinführung des jeweiligen Präsidenten in der Washingtoner Statuary Hall verspeist wird. Schließlich möchte niemand mit leerem Magen und unterzuckertem Hirn vom Kapitol ins Weiße Haus paradieren.

Vergessen wir nun einmal kurz das ganze Supermachtbrimborium und tun so, als würden wir den Speiseplan in der Kantine studieren: Wasgibtsnheute?

Versteckt unter der Blätterteighaube

Wie es sich für eine rundum gläserne Administration gehört, kann man den Inaugurations-Speiseplan seit Tagen online einsehen. Die Obamas und ihre Gäste (Senatoren, Oberste Richter, Vertreter des Repräsentantenhauses etc.) sehen als erstes auf dem Tisch - nicht viel. Denn die Vorspeise, ein Stew aus Meeresfrüchten und Gemüse, versteckt sich unter einer Blätterteighaube. Das ist raffiniert, erlaubt es den Gästen doch, in aller Ruhe mit dem begleitenden Weißwein anzustoßen, während sich der brandheiße Fischauflauf ein wenig abkühlt.

Als Hauptgericht erinnern ziemlich überfüllte Teller daran, dass nach dem Abschwung auch wieder ein Zeitalter der ungehemmten Völlerei kommen wird: Ente und Fasan an Sauerkirsch-Chutney, Süßkartoffel-Melasse-Püree und Wintergemüse. Und wer nun glaubt, danach passt auch in den gedehntesten Magen nichts mehr rein, hat die Rechnung ohne die hungrigen Honoratioren gemacht, die sich zum Nachtisch noch eine zuckersüße, butterdurchtränkte Apfelcharlotte mit Vanilleeis reinpfeifen.

So weit, so gut, gibt es das alles nicht auch in jeder halbwegs korrekt gecaterten Vorstandskantine? Weit gefehlt: Alles, was ein politisches Komitee an Komponenten für so ein Amtseinführungsessen ausheckt, ist natürlich zutiefst politisch gemeint. Im aktuellen Fall sogar doppelt, denn einerseits sendet das Menü hochaktuelle Botschaften an die Nation, andererseits steht es auch unter dem Motto, den 200. Geburtstag des 16. Präsidenten zu feiern.

Gespeist wird deshalb auf originalgetreuen Nachbildungen des Porzellans, das seinerzeit Mary Todd Lincoln zur Amtseinführung ihres Mannes ausgesucht hatte. Abraham war in Kentucky und Indiana aufgewachsen und liebte einfaches Essen wie Gemüse und Wild, am liebsten aber Apfelkuchen.

Wer nun meint, das sei doch genug der historischen Bezüge, unterschätzt den kulinarischen Gestaltungswillen des Komitees. Der "Cinnamon Apple Sponge Cake" zum Nachtisch ist in seinem eher französisch geprägtem Charlotte-Aufbau einerseits Verbeugung vor den frankophilen Bevölkerungsgruppen der Südstaaten, zugleich aber auch Erinnerung an eine der großen Folklore-Figuren des Landes: Johnny Appleseed, ein Wanderprediger, zog im 18. Jahrhundert mit einem Kochtopf als Hut durch das Land, hatte die Taschen stets voller Apfelsamen und pflanzte im Mittleren Westen Tausende Apfelbäume - die wiederum damals zu einer der wenigen, stets verfügbaren Süßungsmittelquellen der Siedler wurden.

Jagdtier aus Obamas Heimat

In der Vorspeise, die als Stew irische und jüdische Anspielungen beinhaltet (es kommt zum Beispiel "kosher salt" zum Einsatz), taucht in kleiner Menge auch die Idaho-Kartoffel als Gruß an den öden Knollenstaat auf, während das Grundkonzept mit Meeresfrüchten vom Hummer bis zum schwarzen Kabeljau ein echter Ostküsten-Küchenklassiker sein könnte.

Zum Autor
Foto: Gunter Glücklich
Der in Hamburg lebende Autor Peter Wagner, Jahrgang 1960, kocht länger, als er für Geld schreibt: Seit seinem 16. Lebensjahr ist das Schnibbeln, Simmern und Sautieren sein liebstes Hobby. Als furchtloser Esser mag der hauptberufliche Musikkritiker im Grunde alles, solange es mit Liebe und Verstand aus frischen Zutaten gekocht wird. Weitere Wagner-Rezepte finden Sie auf seiner Männerkochseite www.kochmonster.de
Obama, der angeblich ein halbwegs essbares Chili in der heimischen Küche zustande bringen kann, mag am liebsten die Linguine mit Shrimps von seiner Frau Michelle und wird den Stew wohl eher wegputzen als das in seiner Gesamtheit tendenziell überambitionierte Hauptgericht.

Der Fasan, das wichtigste Jagdtier in Obamas Heimatstaat Illinois, wird bestrichen mit mediterranem Gewürzöl (ein Gruß an Europa), gefüllt mit Aprikosen und Knoblauch sowie dem im Mittleren Westen angebauten und von den Indianern früher als frostbeständigem Kohlehydrat-Spender sehr geschätzten Wildreis (ein Gruß an die Native Americans) und begleitet von einem Püree aus Süßkartoffeln, welche die westwärts ziehenden Siedler zusammen mit Maiskolben als Carbonvorrat immer auf dem Planwagen hatten.

Sehr elegant auch der Schwenk zu Obamas langjähriger Nikotinleidenschaft: Die im Püree eingesetzte Melasse dient Shisha-Rauchern bekanntlich dazu, ihren Wasserpfeifentabak schön feucht zu halten. Wenigstens ist diese Zutat saisonunabhängig zu bekommen - ganz im Gegensatz zu den Oregon-Sauerkirschen im Chutney, das mit Kreuzkümmel den Latinos zuwinkt, mit Cidre-Essig und Dijon-Senf Internationalität beweisen soll und mit kalifornischen Rosinen die ansonsten nur mit den begleitenden Weinen vorkommende Westküste grüßt.

Michelle mit einem Blubberwein

Dass alle drei Weine inklusive des traditionell vom Sekthaus Korbel gelieferten Schaumweines aus Kalifornien stammen, hat im Vorhinein zu leichten Verstimmungen in anderen Staaten geführt, weswegen Ende der Woche beim "First Lady's Toast" in Chicago Michelle mit einem Blubberwein von "Cooper's Hawk Winery & Restaurants", einem der größten Produzenten aus Illinois, anstoßen will.

Mindestens so interessant wie die verwendeten Zutaten sind die Speisen, die nicht auf dem Mittagsplan stehen: kein Truthahn, keine Erdnüsse und vor allem kein Rindfleisch - hier ist "change" als rigorose Abkehr von den Vorlieben des cowboybestiefelten Amtsvorgängers auch zwischen den blendend gebleachten Bonzen-Beißerchen zu spüren.

Nach 15 Stunden Einkaufen, Vorbereiten, Schnippeln, Simmern, Braten, Anrichten und Servieren wissen wir nun endlich, dass wir das Obama-Lunch auch in Deutschland auf den Tisch bekommen können.

Nur: Kann man es auch essen?

Yes, we can!

Lesen Sie hier nun die Rezepte für das "Inaugural Luncheon" zu Ehren Barack Obamas. Die Zubereitungszeit für das Drei-Gänge-Menü beträgt ungefähr sieben Stunden. Zehn Personen werden davon satt.

Los geht's mit der Vorspeise:



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Celestine, 20.01.2009
1. Bon appétit Mr. President!
Zitat von sysopBevor Barack Obama regieren kann, muss er vernünftig essen: Hummer und Fasan, drei Gänge, gefühlte 14.000 Kalorien. Peter Wagner hat das offizielle Amtseinführungs-Menü vorgekocht - und darin zuhauf politische Botschaften entdeckt. SPIEGEL ONLINE zeigt das Rezept zum Nachmachen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,602265,00.html
Ein höchst amüsanter und informativer Artikel - stimmt mich aufs Zuschauen der Feierlichkeiten gut ein. Werde an das eine oder andere Rezept dabei denken. Die Fotostrecke ist diesmal auch ziemlich einfallsreich. Mein Favorit ist Foto Nr. 4 - ist zwar ein Fasan, aber dabei musste ich schallernd lachen und an die berühmten Fotos von Helmut Newton mit dem Motiv chicken denken ...
pu_king81, 20.01.2009
2. Hier stellt sich die Frage
Hier stellt sich die Frage ob wirklich 14000 (oder gar 14.000) Kalorien gemeint sind. Denn die meisten werden nach 14000 Kalorien immer noch hungrig sein. Laut jogmap habe ich uebrigens heute schon ca. 1000 KILOkalorien verbrannt. Bei dem Menue muesste ich ja verhungern!1elf Gruss, pu
heinrichp 20.01.2009
3. Nein Danke
Zitat von sysopBevor Barack Obama regieren kann, muss er vernünftig essen: Hummer und Fasan, drei Gänge, gefühlte 14.000 Kalorien. Peter Wagner hat das offizielle Amtseinführungs-Menü vorgekocht - und darin zuhauf politische Botschaften entdeckt. SPIEGEL ONLINE zeigt das Rezept zum Nachmachen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,602265,00.html
Muss man so etwas essen, grins Nein danke, lieber Sauerkraut mit Kartoffelpuffer und Schweinemettwurst. Botschaften hin oder her, was deftiges gibt Power und Energie, und das braucht der neue US- President!!
***p.k*** 20.01.2009
4. Zutaten
Naja, ich weiß ja nicht, wer die Zutaten, insbesondere den Hummer photographiert hat. Jedenfalls kommen in meine Küche keine derart kleinen Hummer... Auch ansonsten kann ich dem Menu nur wenig abgewinnen. Weniger ist eben oft mehr...
cariku 20.01.2009
5. So ein quatsch!
oh my god, da hat ja aber jemand das Menu fuer was es wert sein soll analysiert! Kosher salt ist ein gaengiger Begriff fuer Salz in sehr vielen Rezepten, juedisch hin oder her. Wenn die nun gefillte fish servierten haetten, ja das waere ein Nicken in die Richtung der juedischen Waehlerschaft gewesen, aber kosher salt dazu zu erklaeren ist es nur wirklich an den Haaren herbeiziehen. Und nur weil die Kartoffeln aus Idaho kommen, wie fast alle Kartoffeln weil Idaho eben DER Kartoffelproduzent der USA ist, heisst dass noch lange nicht dass Idaho sich jetzt gebauchpinselt fuehlen muss. Himmel, ne Kartoffel kann ja manchmal auch nur ne Kartoffel sein. Ebenso wie Molasses. Mensch, nun macht aber mal nen Punkt. Wahrscheinlich wird der arme Barack so ueberweltig sein von den Ereignissen, dass man erstmal sehen muss, was er denn ueberhaupt runter bringen wird. Wie man soviel Analyse in ein Essen auf einer grossen dt. Nachrichten website bringen kann- raetselhaft.
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