Street-Fotograf Andrew Savulich Chronist der wilden Nächte

Es sind Bilder vom Leben und Sterben: Andrew Savulich hielt das raue New York der Achtziger fest. Jetzt sind seine besten Fotos erstmals in einem Buch erschienen. Eine Begegnung mit dem bescheidenen Künstler.

Andrew Savulich/ Steidl

Von , New York


"Bauarbeiter in Aufzugschacht gestürzt", krächzt es über den Polizeifunk. Andrew Savulich setzt sich in seinen klapprigen Toyota, die Kamera auf dem Beifahrersitz, darunter ein zerknitterter Stadtplan.

"Ein guter Job", freut sich Savulich. Doch dann bleibt er im Stau stecken. Als er schießlich in Midtown ankommt, ist die Action vorbei: "Sie haben den Kerl gerade abtransportiert."

Der Bauarbeiter war 24 Stockwerke tief gefallen und starb. So wird es einen Tag später in der "New York Daily News" stehen, für die Savulich, 65, als Fotograf arbeitet. Doch seine Bilder zeigen diesmal nur das Nachspiel: geschockte Kollegen des Toten und die Fassade des Wolkenkratzers.

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"Früher war ich schneller", murmelt Savulich, als er nach der Arbeit beim Bier in einer Kneipe hockt. "Da war noch nicht so ein Verkehr wie jetzt."

Nicht nur der Verkehr hat sich geändert. Savulich muss es wissen, seit Ende der Siebzigerjahre fotografiert er das Leben und Sterben auf den Straßen New York Citys: Morde, Suizide, Unfälle, Überfälle, Schlägereien, Festnahmen. Als Fotograf und Polizeireporter hat er wie kein anderer diese Stadt dokumentiert, die angeblich nie schläft. Seine Aufnahmen zeigen, dass das früher auch stimmte.

Jetzt sind Savulichs beste Bilder erstmals als Buch erschienen: "The City", 134 Schwarzweißfotos aus den wilden Jahren zwischen 1980 und 1995, als New York noch gefährlich war; rau, düster, authentisch. Damals wusste man nie, wer die Nacht überleben würde. Heute ist New York eine Hochsicherheitsfestung für Touristen und Disney-Figuren.

Savulich ist einer der letzten Chronisten der alten Zeiten. Seine Fotos offenbaren die damalige Unberechenbarkeit: Der Mann, der zwischen zwei U-Bahn-Wagen fiel. Der Fahrradkurier, zusammengeschlagen von aufgebrachten Autofahrern. Drag Queens um drei Uhr nachts, Obdachlose in Müllsäcken, ein angeschossener Zuhälter in den Armen seiner Nutte. Mafiaboss John Gotti auf dem Weg zum Verhör; es sollte das letzte Foto sein, dass den Unterwelt-Paten in der Öffentlichkeit zeigte, bevor er im Gefängnis starb.

Und immer wieder Tote: Allein 20 Bilder zeigen Mord-, Unfall- oder Suizidopfer. Erschossen, erstochen. Auf der Straße, im Auto, im Chinatown-Kino, im East River, an einer Schlinge vom Baum baumelnd. Für Savulich war die Kamera sein "Schutzschild" vor dem Horror, wie er sagt.

Für Savulich ist das keine Kunst

Jahrelang postierte er sich mit seinem Wagen am Times Square, Ecke 46th und Broadway, hörte den Polizeifunk, wartete. Allein der Standort garantierte "eine Menagerie", mittlerweile ist der Times Square ein Vergnügungspark für Selfie-Süchtige.

Dass seine Arbeit mal als Kunst gelten würde, sei ihm nie in den Sinn gekommen. Bis heute nicht. "Ich wusste zwar immer, da ist was Echtes dran", sagt Savulich. "Aber ich war nie besonders gut darin, mich selbst zu vermarkten."

Savulich wuchs in Pennsylvania auf, verdingte sich zunächst als Bauarbeiter und Gärtner, landete 1975 in New York und blieb. Er jobbte als Freelancer, bis ihn das Boulevardblatt "Daily News" 1993 anheuerte, das erste feste Gehalt seines Lebens.

Die Kneipe macht dicht, Savulich steigt wieder in seinen Toyota. In Chinatown kommt er an eine Kreuzung, auf der ein Mann im Schneidersitz hockt, leise singt und den Verkehr blockiert. Hupen, Schreie. Passanten nähern sich, reden auf ihn ein, machen Handy-Fotos.

Savulich springt aus dem Auto, drückt den Auslöser. Feierabend? Kennt er nicht.

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