Fotostrecke

Stadtschloss: Seine Geschichte in Bildern

Foto: Soeren Stache/ dpa
Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Anschlag auf die Sinne

Das Berliner Stadtschloss wird ästhetisch und ökonomisch eine Katastrophe. Sein Bau ist genauso mut- und planlos wie die Politik der Bundeskanzlerin. Deshalb ist der historistische Klotz das perfekte Symbol der Merkel-Jahre.

Wer ein Symbol sucht für die seltsame, sphinxhafte Macht der Angela Merkel, der muss ins Zentrum dieser Macht schauen, in die Mitte der Mitte, wo etwas wächst, das so leer ist und in seiner Hohlheit so auftrumpfend wie der wurstige Wilhelminismus, der sich darum herum ausbreitet.

Es ist ein Gebäude ohne Plan. Das wird man später auch einmal über das Werk der Angela Merkel sagen. Es ist der reine Dezisionismus - Symbol einer Politik, die nur eine Verkettung von Entscheidungen ist. Jede Entscheidung für sich war opportunistisch und falsch - zusammengenommen sind sie mehr als ein demokratisches Fiasko: Das ist der graue Grobian, der da aus tausend hohlen Augen auf Berlin schaut, das plumpe, gewalttätige Stadtschloss, ein Anschlag auf die Sinne, ein ästhetisches Verbrechen.

Man muss sich ja mal erinnern: Hier wurde wirklich Gleiches mit Gleichem bezahlt. Die DDR riss das Hohenzollernschloss ab, das nur noch eine Ruine war, weil das alte Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hatte. Und das neue Deutschland riss dann das Parlament der DDR ab, den Palast der Republik, weil die den Kalten Krieg verloren hatte.

Kaum mehr als Staub und Lügen

Es gab tausend Ideen für diesen Ort, es gab Künstler, die hier etwas Neues entstehen lassen wollten, es war die Chance für Mut und Spaß und Intelligenz und Freiheit, es hätte der Anfang sein können für etwas, von dem aus die Stadt sich hätte anders definieren können - es wäre eine andere Stadt geworden, wenn an diesem Ort eine andere Architektur zugelassen worden wäre, wenn man die Moderne ausgehalten hätte, wenn Offenheit nicht manche Menschen überfordern würde: Was aber dann passierte, war ein Akt der Demütigung, der Auslöschung, des Exorzismus. Seither schlägt hier das kalte Herz des Historismus.

Der Plan für dieses Schloss ist dabei in einer Zeit entstanden, in der der Reaktionär noch reaktionär war und auch noch wusste, was er tat - er wollte über den Riss des Judenmordes die Hand reichen zum alten, zum besseren, zum deutschen Deutschland. Heute aber ist von diesem reaktionären Denken nur mehr die Geste geblieben, das traurige Pathos einer angehängten Barockfassade, eine Art Disney-Preußen, das die ganze Gegenwart drum herum in ein Museum zwängt.

Von diesem Ort aus verwandelt sich Berlin zu Stein - es ist die Petrifizierung einer einst offenen Stadt mit tausend Möglichkeiten und einer Euphorie, einem positiven Geist, wie er in Deutschland selten war: Und in einzelnen Stadtvierteln, weit weg von der Mitte, findet man diese Energie auch noch, bei den Kanadiern, Spaniern, Franzosen, Amerikanern, die wahrscheinlich noch nie Unter den Linden waren, warum auch, hier findet man kaum mehr als Staub und Lügen.

Rückbau vor dem Aufbau

Es ist eine Mischung aus schludrigem Revanchismus und dem Primat des Ökonomischen, wie sie typisch ist für das Berlin der Merkel-Jahre: Das immerhin in der Kohl-Zeit geplante Kanzleramt, die Abgeordnetengebäude an der Spree und auch der Reichstag mit seiner Kuppel gewinnen dagegen mit jedem Jahr, eine Art Super-Size-Me-Bonn, jedenfalls offen und groß in der Geste - und nicht dieser Heimlichtuer-Lobbyismus, wie er sich in dem ganzen surrealen Stadtschloss-Kommando zeigt, wo ein paar Herren mit Manschettenknöpfen und zu viel Zeit ihr dünkelhaftes Hobby ausleben durften - auf Kosten der Steuerzahler.

Hier kann man sehen, wie so etwas passiert, wie etwas entsteht, das vollkommen sinnlos ist, das niemand wirklich will und sich niemand leisten kann: Es ist ein Stück absurdes Theater mitten im Merkel-Land, das sich, so ist die herrschende Meinung, durch "Pragmatismus" und "Realismus" auszeichnet - was sich aber, schaut man auf das Schloss, als Unsinn erweist. Merkel macht einfach, was sie macht, es ist eine Politik der Tautologien, die sich selbst ihre Legitimation verschafft.

Es ist also ein Merkel-Monument, dieser Bau, dessen Verlauf man als eine Art Real-Zeit-Performance der Postdemokratie bei der Arbeit sehen kann: steigende Millionenkosten von 590 plus plus, ungewisser Ausgang, ein Prestigemann aus London, die Vermischung von Privatem und Öffentlichem, die letztlich nur zu einem Verlust an Öffentlichkeit führt, weil dort, wo einmal Platz war, jetzt ein Gebäude steht, das der Demokratie, die keine Paläste braucht, ein Palast ist.

Tautologien, wie gesagt, el-Sisi, G7, Grexit: Es sollen im späteren Humboldtforum im Stadtschloss übrigens jeweils mittwochs um 16 Uhr die Straßensperren für den ägyptischen Diktator nachgestellt werden und auch die Hinrichtung seines Vorgängers Mursi, es soll ein lebensgroßes Modell von Schloss Elmau dort stehen und gleich daneben ein Berg, gebaut aus den Beschimpfungen von Gianis Varoufakis.

Wenn es überhaupt so weit kommt, dass das Stadtschloss eröffnet wird. Eine Berliner Künstlerin hat schon eine Initiative für den Rückbau  des Schlosses gestartet. Oder man sprengt es einfach noch mal, das wäre wohl die ästhetisch und möglicherweise auch die ökonomisch beste Lösung.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.