Umgang mit Merkels Zittern Einfach mal still sein

Angela Merkel zittert - und fast jeder kommentiert es. Dabei ist es nicht bemerkenswert, dass jemand, der einen harten Job macht, auch körperliche Symptome zeigt.

Angela Merkel: Sie nimmt Termine wahr, sie gibt Interviews, sie empfängt Staatsbesuch.
Lukas Coch/EPA-EFE/REX

Angela Merkel: Sie nimmt Termine wahr, sie gibt Interviews, sie empfängt Staatsbesuch.

Eine Kolumne von


In Deutschland gilt Meinungsfreiheit. Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten, so heißt es im Grundgesetz - das heißt aber nicht, dass man zu allem eine Meinung haben muss. Man darf auch einfach mal ruhig bleiben und die Klappe halten, vor allem bei Dingen, die einen nichts angehen. Die Zitteranfälle von Angela Merkel wären eine gute Gelegenheit dazu.

Das Gegenteil passiert. Zu Angela Merkels Zittern findet man öffentliche Statements von Ärzten, die sie nie untersucht haben, und Psychologen, die nie mit ihr gesprochen haben. Man findet Meinungen und Anekdoten von Schauspielerinnen, Schriftstellern, Politikwissenschaftlern. Eine "Kommunikationsexpertin" rät Merkel zu "mehr Mut", ein Arzt erklärt, sie soll immer schön viel Wasser trinken, der SPIEGEL zeigt die Videos von Merkel und interviewt eine Schriftstellerin, die selbst mal unter Zitteranfällen litt, ein Journalist diagnostiziert Panikattacken.

Die "Süddeutsche" lässt ihre Leser*innen diskutieren, ob das Zittern sie was angeht, und als wäre das alles nicht genug, twittert auch noch Hans-Georg Maaßen: "Der Gesundheitszustand eines Regierungschefs ist keine Privatsache. Die Menschen in Deutschland haben ein Recht zu erfahren, ob der Regierungschef gesundheitlich noch in der Lage ist, sein Amt mit ganzer Kraft auszuüben." Ja, offensichtlich ist "er" in der Lage.

Merkel hat sich mehrfach zu ihrem Zustand geäußert, sie hat erklärt, dass es ihr gut geht und sie nichts zu berichten hat, sie hat den Regierungssprecher und die stellvertretende Regierungssprecherin das ebenfalls sagen lassen. Sie hat beteuert, dass sie um die Verantwortung ihres Amtes weiß und auf ihre Gesundheit achtet - warum zählt das nicht? Warum sollte Merkel mehr sagen - und vor allem: Wer will wirklich die Antwort wissen? Wozu? Was fängt man mit dieser Information an? Wozu sollte die Öffentlichkeit wissen, ob die Zitteranfälle von einer Erkrankung herrühren oder von Stress, ob sie eine Nebenwirkung von Medikamenten sind oder Mutmaßungen über Vitamin-B12-Mangel stimmen? Was soll das alles?

Merkel "schuldet dem Souverän ein ärztliches Attest", hieß es im "Tagesspiegel". Warum? Wofür? Dafür, dass sie sich hinsetzen darf, während die Hymne gespielt wird? Ein Attest muss man vorlegen, wenn man nicht zur Arbeit kommt, aber Merkel arbeitet. Sie nimmt Termine wahr, sie gibt Interviews, sie empfängt Staatsbesuch.

In einer Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der "Augsburger Allgemeinen" sagten 59 Prozent der Befragten, Merkel müsse keine detaillierte öffentliche Auskunft über ihren Gesundheitszustand geben, das sei ihre Privatsache. 34 Prozent der Befragten waren für eine öffentliche Auskunft. Aber was würde man mit dieser Auskunft anfangen?

Eventuell ein bisschen Stress

Eine Volksabstimmung, ob es nun okay ist, dass sie weiter arbeitet? Eine Parlamentsdebatte darüber, ob es gerechtfertigt ist, dass Merkel eventuell ein bisschen Stress hat, weil die Zukunft Europas unklar ist, ihre Mutter vor Kurzem gestorben ist, ein Parteikollege von einem Nazi erschossen wurde - was ja irgendwie nachvollziehbar wäre? Was ist mit all den anderen Menschen, die in Deutschland Politik machen und wichtiger Ämter innehaben, aber seltener gefilmt werden als Merkel - müssen die auch Atteste abgeben und wenn ja, an wen?

"Ich denke, dass meine Aussage, dass es mir gut geht, Akzeptanz finden kann", hat Merkel über ihren Gesundheitszustand gesagt, aber ihr Pech ist, dass das Zittern sichtbar ist und Leute sich einfach zu gern verhalten wie würdelose kleine Geier, die ihre eigene Schwäche auf alles projizieren. Geil, ein Makel. Als wäre es überhaupt etwas Bemerkenswertes, dass ein Mensch, der einen sehr harten Job hat, auch mal körperliche Symptome hat.

Es gibt Millionen von Menschen, die täglich ihre Arbeit gut machen, obwohl sie krank sind oder unter Stress stehen. Es gibt auch Millionen von Menschen, die gesund und fit sind und ihre Arbeit trotzdem schlecht machen.

Es gibt Menschen, die vor jedem öffentlichen Auftritt Durchfall kriegen oder hinterher Migräne, es gibt Menschen, die Politik nur machen können, wenn sie Antidepressiva oder andere Psychopharmaka nehmen, und das alles ist normal und in Ordnung und geht niemanden etwas an, außer die Leute und ihre Ärzt*innen. Es gibt für Politiker*innen keine Verpflichtung, irgendwelche körperlichen Belange öffentlich zu machen, solange sie ihre Arbeit machen.

Trotzdem wird mit Merkel momentan abwechselnd umgegangen wie mit einem Kind, das beim Sport gefehlt hat, oder einem seltenen Naturereignis, das man unbedingt gesehen haben sollte. Den Tiefpunkt der Debatte hat definitiv der Sender Antenne Bayern freigegraben, der eine Lippenleserin engagierte, um herauszufinden, was Merkel während eines Zitteranfalls vor sich hinsprach. Wie tief kann man sinken?

"Ich schaffe das", soll sie angeblich gemurmelt haben, aber es wäre auch nicht verwunderlich gewesen, wenn sie einfach die ganze Zeit "leckt mich alle am Arsch" gemurmelt hätte.



insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
TLB 16.07.2019
1. nahezu 60%...
...der Befragten sind also der Meinung, dass sich Frau Merkel nicht äußern müsse. Warum Frau Stokowski arbeiten Sie sich jetzt an den 34% (sagen wir also einfach ein Drittel der Befragten) ab, von denen wiederum sich einige hundert von 80.000.000 Einwohnern Deutschlands geäußert haben? Lassen wir die doch der Meinung sein, Frau Merkel müsse sich auch äußern,w as sie heute Abend im fernsehen schaut, oder ob sie lieber Pfefferminz- oder Salbeitee trinkt. Lassen wir doch 34% der Meinung sein, sie müssten die Schuhgröße Merkels wissen oder deren Lieblingsfarbe. Einfach lassen. Morgen ist ein neuer Tag
abocado 16.07.2019
2. So ist es!
Dem ist nichts hinzuzufügen.
DougStamper 16.07.2019
3. Hmmm
Frau Stokowski, ich teile ihre Meinung, finde es aber einfach traurig, dass sie zur kommentarfüllung die ganzen Ergebnisse wieder geben. Sie bemängeln etwas aus den richtigen Gründen und doch findet man in ihrem Beitrag alles bemängelte. Das ist jetzt wie beim gaffen bei einem Unfall, man regt sich über Gaffer auf und postet dazu passend das Bild des Unfallopfers. Wäre denke ich auch ohne gegangen.
peterpeterweise 16.07.2019
4. Einfach mal still sein ....
.... bedeutet für Frau Stokowski ausschweifend darüber zu schreiben, wie toll es ist, still zu sein. Danke.
spon-facebook-10000145733 16.07.2019
5. Finde den Fehler
Bemängelt, dass die Leute über Merkels Zittern reden. Redet dann ausufernd über Merkels Zittern. Kannst dir nicht ausdenken.
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