Neuentdeckung "Angels in America" Werden die Engel uns retten?

Zwischen Erlösung und Vergebung: In London wird nach 25 Jahren wieder Tony Kushners wegweisendes Epos "Angels in America" aufgeführt. Das Stück mit Star-Cast ist sensationell gut - und auch in Deutschland zu sehen.

Helen Maybanks

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Eine Frau, in Bronze gegossen, wacht im New Yorker Central Park über die Spaziergänger: der "Engel über den Gewässern", der Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Unter ihm ruht der Bethesda-Brunnen, auf ihm versammeln sich oft die Tauben. In London am National Theatre steht eine Version des berühmten Engels auf der Bühne, umrahmt von lila Neonleuchten. Sie scheint den zweiteiligen, insgesamt achtstündigen Theaterabend "Angels in America" zu überwachen, während sich auf der Drehbühne die Szenen abspielen.

Bethesda also. Der Name der mythenumwobenen Zisterne in Jerusalem, wo auch Jesus seine Wunder vollzog. Kranke warten hier laut Neuem Testament auf einen Engel, der in den Teich herabsteigt und das Wasser bewegt. Wer dann hinabsteigt, soll von allen Krankheiten befreit werden. Erlösung ist so auch ein wichtiges Motiv in Tony Kushners Epos "Angels in America", eins der wichtigsten zeitgenössischen Theaterstücke, das alle bedeutende soziale Fragen wie HIV/Aids, Politik, Identität, Klasse, Religion und Tod verhandelt.

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Angels in America in London: Halluzination, Illusion, Vision

Das Stück, für das Kushner den Pulitzerpreis erhielt und das HBO 2003 unter anderem mit Meryl Streep und Al Pacino als Miniserie verfilmte, erzählt die Geschichte einer Gruppe Menschen, die versuchen, die Welt der Achtzigerjahre in New York zu verstehen - und die wichtigsten sozialen Konfliktfelder gleichsam in sich tragen. Im Mittelpunkt stehen zwei Paare: Auf der einen Seite Prior (Andrew Garfield), ein Ex-Entertainer und weißer angelsächsischer Protestant, der HIV-positiv ist, und sein jüdischer Partner Louis (James McArdle), der mit der Krankheit des Geliebten nicht umgehen kann.

Auf der anderen Seite: Harper Pitt (Denise Gough), die sich in eine valiumschwere Fantasiewelt flüchtet, während ihr Mann, der naive Mormone und Anwalt Joe, nachts durch die Parks cruist und irgendwann zufälligerweise auf Louis trifft. Dazu kommen viele weitere Charaktere - die Ex-Dragqueen Belize, der skrupellose Anwalt Roy Cohn, die nach einem Weg suchen, mit der Welt umzugehen - ihrer aller Geschichte ist eine des Konflikts zwischen Stasis und Veränderung und eine von den Verletzungen und Neujustierungen, die Aufbrüche mit sich bringen.

Regisseurin Marianne Elliot kurbelt in ihrer Londoner Inszenierung das Tempo und den Rhythmus an und kontrastiert dadurch das spartanische und sich doch ständig verändernde Setdesign, das geprägt ist von Betonoptik und Neonleuchtröhren. Jede Szene spielt in einer eigenen offenen Box, es gibt keine Interaktionen außerhalb dieser Räume, zumindest nicht im ersten Teil.

Ständig wechseln die Dialoge zwischen den Paaren hin und her. Halluzination, Illusion, Vision verschwimmen so für den Zuschauer - auch weil die Schauspieler ihn mit flirrenden Performances in das Stück hineinziehen und nicht mehr loslassen: Andrew Garfield spielt Prior gewöhnungsbedürftig flamboyant, als übertrieben im Camp verhafteten schwulen Mann, spricht aber seine Sätze akzentuiert und messerscharf. Denise Gogh verleiht ihrer Harper Macht durch ihr nuanciertes Spiel und ihr von Müdigkeit geplagtes Gesicht. Russell Tovey mimt Joes Naivität, als habe er niemals etwas anderes gespielt. Und Nathan Stewart-Jarrett verzaubert als Drag-Queen Belize mit Glitter, Witz und Attitüde.

Die Macht des Bösen

Und dazwischen Kushners Figur des windigen Anwalts Roy Cohn, dessen größte Errungschaft ist, dafür gesorgt zu haben, dass zwei wegen Spionage verurteilte Kommunisten auf dem elektrischen Stuhl landen. Eine Figur, dem real existierenden umstrittenen Anwalt Roy Cohn nachempfunden, der als konservativer Hardliner galt und unter anderem Nixon, Reagan, aber auch Donald Trump beriet, bevor er 1986 an Aids starb.

Die Dialoge, die Kushner seinem Cohn in den Mund legt, sind auf erschreckende Weise weitsichtig, weil sie einen bis heute existierenden Konservatismus illustrieren, der aus Lügen, Verrat und Drohungen besteht. "Am I a nice man? Fuck nice!", sagt Cohn. Und: "They say terrible things about me in The Nation? Fuck The Nation!" Ständig zu viel, hyperaktiv und einfach die Dinge rausposaunen: Wer Macht hat, gewinnt. Ende.

Im Stück ist Cohn der Bösewicht, der Antagonist, den Kushner komplex beschreibt und Lane genau so spielt. Nah und distanziert zugleich, zwischen Mensch und Monster. In einer Szene sitzt Cohn bei seinem Hausarzt, der ihm sagt, dass er seiner Meinung nach HIV-positiv sei. Cohn wird darauf hin wütend, HIV und Aids bekämen nur Schwule und er sei nicht schwul - sondern ein heterosexueller Mann, der mit Männern Sex hat. Denn Schwule seien ohne Macht, und er habe schließlich viel Macht. Später stirbt Cohn auch im Stück an den Folgen seiner HIV-Erkrankung.

Das Tröstliche aber: Alle seine schrecklichen Taten werden ihm von der Community vergeben - konkret von Belize, die schwarze Ex-Dragqueen, arbeitet als Krankenpfleger und versorgt ihn im Krankenhaus. Nach Cohns Tod sagt er:

"He was a terrible person. He died a hard death. (...) A queen can forgive her vanquished foe. It isn't easy, it doesn't count if it's easy, it's the hardest thing. Forgiveness. Which is maybe where love and justice finally meet. Peace, at last."

Eine Königin, die ihrem besiegten Feind vergeben kann - Kushner lässt vor dem Bethesda-Brunnen auch seine queere Utopie aufleben von einer Welt, in der Vergebung immer möglich ist. Es ist auch eine Utopie, in der die unterschiedlichsten Menschen gemeinsam etwas aufbauen. Die Zukunft könnte aus dieser Perspektive gar nicht schlecht aussehen. Könnte.


Deutsche Zuschauer können an der Londoner Inszenierung teilhaben: In einigen Kinos wird die Aufführung live übertragen. Hier die teilnehmenden Kinos.

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