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30. August 2003, 13:29 Uhr

Anglizismen

DFB-Chef ist "Sprachpanscher des Jahres"

"Signature shirts", "reversible tops" und "home and away shirts" - der Fanartikelkatalog des Deutschen Fußballbundes strotzt nur so von Anglizismen. Dem DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder brachte das nun eine zweifelhafte Auszeichnung ein.

Gerhard Mayer-Vorfelder: "home and away-shirts"
DDP

Gerhard Mayer-Vorfelder: "home and away-shirts"

Dortmund - Der Verein Deutsche Sprache (VDS) wählte den DFB-Boss zum "Sprachpanscher des Jahres 2003". Mit dem Titel wollen die Sprachschützer jährlich auf "besonders bemerkenswerte Fehlleistungen im Umgang mit der deutschen Sprache" hinweisen - wie die "home and away-shirts" des DFB.

"Solche Imponier-Anglizismen sind schlichtweg überflüssig. Uns gefällt die Vermanschung der deutschen Sprache mit der englischen zu Denglisch nicht", sagte der Vereinsvorsitzende Walter Krämer am Samstag in Dortmund.

Mehr als jede dritte der mehr als 2100 von Vereinsmitgliedern abgegebenen Stimmen ging an den DFB-Präsidenten. Knapp an dem fragwürdigen Titel vorbei schrammte die Deutsche Kultusministerkonferenz. Der Grund für deren Nominierung: Neben der Einführung von "Bachelor", "Girls' day" und der neuen deutschen Rechtschreibung sei sie für den Englischunterricht ab der dritten Klasse verantwortlich.

Der ebenfalls nominierte Peter Hartz, Vorsitzender der gleichnamigen Kommission zur Reform des Arbeitsmarktes, der die Deutschen ins "job center", zum "case management" inklusive "bridging" mit "key account" schicken will, rangierte auf dem dritten Rang der Hass-Liste von insgesamt 16.000 abstimmungsberechtigten Vereinsmitglieder.

"Die ganze Sache ist ein Witz", so lautete die erste Reaktion des "Sprachpanschers" Gerhard Mayer-Vorfelder: "Mir zu unterstellen, ich sei ein Liebhaber von Anglizismen, ist wohl das Absurdeste, das ich seit langem gehört habe." Dem Verein Deutsche Sprache gehe es wohl im Wesentlichen darum, sich selbst populistisch in Szene zu setzen. Er habe bereits vor seiner Nominierung Formularbriefe von VDS- Mitgliedern bekommen, "die mir in englischer Sprache mitteilten, dass es nicht 'home shirt', sondern Heimtrikot heißen müsse". Sein Antwortbrief an den Verein sei ohne Reaktion geblieben.

Nach der Erfahrung des VDS-Vorsitzenden und Wirtschaftsprofessors Walter Krämer haben sich bislang die wenigsten "Sprachpanscher" nach ihrer Auszeichnung tatsächlich gebessert. Ein positives Beispiel sei die 1997 gewählte Modeschöpferin Jil Sander. Nach einst von Anglizismen nur so strotzenden Sätzen der Sorte "Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander" habe sie kürzlich ein Zeitungsinterview in klarem Deutsch gegeben.

Auch Ex-Bahnchef Johannes Ludewig, der "Sprachpanscher 1999", habe grundsätzlich Einsicht gezeigt. "Er wollte aus "Rail and Fly" tatsächlich "Zug zum Flug" machen", erinnert sich Krämer heute. Doch dann wurde Ludewig drei Tage später als Bahnchef entlassen.

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