Sibylle Berg

Angst Das It-Girl unter den Gefühlen

Angst ist das Gefühl der Stunde. Hilft nicht, macht keine gute Laune, wirkt aber ansteckend. Besser wäre, gegen sie laut zu werden.
Lauter Protest: Pussy Riot auf dem Roten Platz, Moskau 2012

Lauter Protest: Pussy Riot auf dem Roten Platz, Moskau 2012

Foto: DENIS SINYAKOV/ REUTERS

Das Zeitfenster in dieser Publikation macht aus meinem komplett zeitnah geschriebenen Text einen absoluten Zuspätkommer. Aber es ist wie bei einem wunderbaren Fest, bei dem schon alle besoffen unter dem Tisch liegen - die Freude über die Besucher, die erst am Morgen mit frischen Brötchen eintreffen, ist doch eine überbordende.

Also reden wir noch einmal ganz kurz über die Diskussion von Herrn Tellkamp und Herrn Grünbein in Dresden. Das Thema "Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?" wurde an dem Abend hervorragend beantwortet: Hier kann jeder reden. Und jeder widersprechen. Vorbereiten muss man sich auch nicht wirklich, Zahlen und Fakten sind unwesentlich, eventuell der neuen Wissenschaftsskepsis (Eliten) geschuldet.

Das eigentliche Thema des Abends war: die Angst. Und darüber kann man auch Jahre später noch schreiben, denn sie hat schon für viel Elend und Erstschläge gesorgt.

Viele reifere Menschen haben heute also: Angst. Das It-Girl unter den Gefühlen. Verwirrenderweise ist deren Ursprung momentan unklar - draußen sieht alles aus wie immer. Die Jahreszeiten machen ihren Job, die Uhr an der Wand und die Verwandten sind auch noch da. Alles geht seinen normalen Lebensweg, der irgendwie in Ordnung ist, aber prächtig, prächtig ist es eben auch nicht. Das Dasein hatte man sich fetter vorgestellt.

Die präsente Einfachheit im Osten

Was ist, wenn jetzt alles einfach so weiterginge. Oder noch schlimmer - wenn sich etwas ändert. Ob dieses Paradoxons kapitulieren die Synapsen. Es entsteht noch mehr Angst. Kein gutes Gefühl, es vereitelt, wenn es zum Dauerzustand wird, logisches Denken.

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Berg, Sibylle

Wunderbare Jahre: Als wir noch die Welt bereisten

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 192
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Wovor fürchtet sich jemand wie Herr Tellkamp, der in der DDR-Diktatur aufwuchs, heute? Wovor haben sie Angst, die Menschen, die sich noch an die präsente Einfachheit im Osten erinnern sollten? Die Luft verpestet von brennenden Mülltonnen, Häuser, die auseinanderfallen, Knappheit der Heizmaterialien, arme Alte, die auf dem Land hocken und auf die Altenpflegerin warten, die einmal in der Woche kommt, um die Windeln zu wechseln; undichte Fenster, feuchte Wohnungen, übersichtliche Auswahl der Nahrungsmittel, synthetische Mistkleidung, die Aussicht, sein Leben in diesem kleinen Gefängnis zu verbringen, unter permanenter Bewachung durch Sicherheitsorgane, und der berechtigten Sorge, wegen seiner eventuell parteikritischen Meinung verhaftet zu werden.

Stacheldraht an den ehemaligen Grenzanlagen

Stacheldraht an den ehemaligen Grenzanlagen

Foto: Peter_Förster/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Wovor haben sie Angst heute im Osten und Westen - wenn sie nicht aus Versehen alleinerziehend sind, in der Pflege arbeiten, langzeitarbeitslos sind, wenn sie, wie Herr Tellkamp, als Angehöriger der Mittelschicht in einem Land leben, in dem man seine Ärzte frei wählen kann, selbst wenn man als Nicht-Privatversicherter auf einen Termin warten muss, was unter anderem daran liegt, dass jeder heute zu einem Facharzt tigern möchte, nachdem er seine wichtige Krankheit im Netz diagnostiziert hat.

Verteidigen wir die Demokratie!

Ein Land, in dem die Versorgung der Bürger und Bürgerinnen im Krankenhaus weltweit führend ist. In dem die meisten Straßen nicht voller Löcher sind, in denen kleine Kälber versinken, die Bildung kostenlos, die Säuglingssterblichkeit kaum messbar, die Verkehrsverbindungen im Vergleich mit der Restwelt sehr in Ordnung, kostenlose Bibliotheken, die Gewaltverbrechen im Rückgang begriffen und so weiter. Wenn man dann noch über seine Stadt, sein Land hinzublicken möchte - verbessern sich für alle Menschen der Erde langsam die Lebensbedingungen .

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Die Anzahl der Kriege geht zurück, die Gleichberechtigung nimmt langsam zu. Humanistische, demokratische Entwicklungen sind ein sehr langsamer Prozess, den man aktiv unterstützen müsste.

Mutig ist es nicht, jedem Gefühl unreflektiert Ausdruck zu verleihen, sondern, gegen die Angst laut zu werden. Verteidigen wir die Demokratie, solange wir, auch als Künstler, es noch können .

Ob wir Angst haben oder nicht - das Ende ist vorprogrammiert. Hoffen wir, dass wir in Freiheit leben. Und sterben.

Anmerkung der Redaktion: Die Diskussion zwischen Tellkamp und Grünbein fand in Dresden statt, nicht in Leipzig wie zunächst geschrieben.