Angst, Hass, Hetze Die neue Generation PolitikerInnen und ihr Irrtum

Nationen spalten, Unfrieden stiften und den Reichtum weniger vermehren: Kann man machen, bringt nur nichts. Am Ende ist die Geschichte der Menschheit intelligenter als ihre ProtagonistInnen. Ein offener Brief.

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Eine Kolumne von


An alle autoritären nationalradikalen PolitikerInnen,

(Begriff gelernt von Herrn Heitmeyer)

vielleicht erreicht mein offener Brief Sie im Probenraum, in dem Sie sich einmal im Monat treffen. Ein wenig Parolen schreien und sich umarmen. Und dann wieder schreien. Je dümmer, desto besser. Ihrem Menschenbild gedankt. Danach darüber lachen, wie dumm die Menschen sind.

Der Probenraum, in dem Sie, VolksvertreterInnen aus Polen, Guatemala, Ungarn, England, Deutschland usw., vor dem Spiegel Parolen mit dem Motto üben: Wie erreiche ich es, an die dumpfsten Gedanken in Menschen zu appellieren, also dieses Aufzucken von Bösartigkeit, das man beim Stuhlgang hat. Wie kann ich mit unbewegtem Gesicht in kürzester Zeit möglichst wirkungsvoll denunzieren? Wie kann ich den Menschen mit starken aber sparsamen Gesten von meiner Führungsstärke überzeugen?

Vielleicht lesen Sie den Brief auch nachts, wenn Sie nicht schlafen können, weil da kurz wieder das Gefühl von Versagen wach geworden ist, das Sie durch Ihr Leben begleitet. Das Versagen, es nicht an die Spitze geschafft zu haben, zu denen, die Sie finanzieren, Sie benutzen, Sie verachten.

Ihr Größenwahn ist Attitüde

Vermutlich ahnen Sie, dass der wirklichen Elite nie wieder ein Fehler wie Hitler unterlaufen wird. Ein Irrer, ein Größenwahnsinniger. Ihr Größenwahn ist Attitüde. Sie sind nicht mehr als kontrollierbare Handlanger. Nie werden Sie dazugehören. Zur wirklichen Elite. Zu denen, die die Welt beherrschen. Nicht durch die Kraft Ihres Verstandes, sondern schlicht wegen Ihres Reichtums.

Und Sie, Herr und Frau Populist, wollen so gerne dazugehören. Wenn schon kein unermesslicher Reichtum, dann doch wenigstens in der Nähe der Macht sein. Gesehen werden, befehlen können, Spuren in dieser verdammten Welt hinterlassen. Wie schön das klingt.

Dann nichts wie ran. Weitermachen. Die Bevölkerungen von dem, was gerade passiert, ablenken. Vom Abbau der Sozialstaaten, von einem neuen neoliberalen faschistoiden weltumspannenden System, das wenigen noch mehr Reichtum bringen wird. Mit dem sie dann irgendwas machen können. Was kann man mit 100 Milliarden machen? Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Sie, werte PolitikerInnen, werden es auch nie erfahren.

Sie machen nur Ihren Job: Die Bevölkerungen gegeneinander aufhetzen, die alten Parameter von links und rechts wieder beleben, Sündenböcke finden, Staaten zerschlagen, alles Soziale eliminieren, denn Reiche haben wirklich keine Lust mehr, für Leute aufzukommen, die es nicht geschafft haben, ordentlich zu erben oder irgendeine Scheißplattform zu gründen. Darum gibt es euch.

Da ist nur Angst, aber kein Plan

Ihr seid die VollstreckungsbeamtInnen der Gier, die VollzugshelferInnen in einem Krieg gegen Normal- und GeringverdienerInnen, HenkerInnen des Sozialstaates und Hampelmänner und -frauen eines asozialen Systems, das sich weltweit etablieren will: ein paar Feudalherren und die Völker, die weit von Ihnen entfernt leben, und viele, die dann eben - nicht mehr überleben werden.

Ihr pöbelt und hetzt, ihr fördert das Schlechteste im Menschen zutage, und ihr seid ohne Scham. Nur Angst habt ihr. Angst davor, aufzufliegen. Angst davor, dass ihr nach euren Plänen gefragt werdet, denn da sind keine Pläne. Da ist nichts, was die Welt zu einer besseren werden lässt. Der Klimawandel, den gibt es nicht in eurer Agenda, denn die Umrüstung von Industrie und Wirtschaft würde teuer für eure Gönner. Ihr seid gegen gute Bildung, denn kluge BürgerInnen, das wissen wir seit Lenin, sind eine Gefahr für Despoten. Ihr seid gegen ein gutes Gesundheitswesen, denn wer kein Geld hat, kann aussterben.

Außer Hetze und Bosheit habt ihr nichts zu dieser Welt beizutragen

Ihr seid gegen alles, was es der Mehrheit der Menschen ermöglicht, ein menschenwürdiges Leben zu führen, und ihr habt keine Antworten. Außer Parolen und Gebrüll. Außer Hetze und Bosheit, die ihr hinter Phrasen versteckt, habt ihr nichts zu dieser Welt beizutragen. Außer Unfrieden, Elend, Verwüstung und ihr ahnt es. Ihr ahnt, dass ihr vielleicht nicht einmal einen Platz in einer "Gated Community" bekommt, wenn euer Plan aufgeht, der nicht einmal euer Plan ist.

Liebe autoritäre nationalradikale PolitikerInnen,

die dritte Möglichkeit ist, dass ihr diesen Brief nicht lest oder dass ihr einfach aus eurer Rolle nicht mehr rauskommt. Vielleicht ist es an der Zeit, ein Aussteigerprogramm zu initiieren, na oder...

Warum eigentlich? Ihr habt Missgunst und Unfrieden über die Menschen gebracht, ihr habt zu Morden aufgerufen, direkt oder indirekt. Ihr seid TäterInnen. Seht zu, wie ihr mit dieser Schuld klarkommt. Eure Zeit ist jetzt. Sie wird vorübergehen, wie alles, was rückwärtsgewandt und dumm ist. Und ihr werdet nicht einmal in einem Geschichtsbuch weiterleben. Kommt damit klar.



insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
hkl2013 17.08.2019
1. Eine Polemik,,
und sonst nix. Da gefaellt mir Gauck schon besser, weil er ueber die Empoerungsrhetorik hinausgeht. Zuhoeren, Analysieren und Punkt fuer Punkt wiederlegen, anders kommen wir an der Bauchrechten nicht voerbei.
herumnöler 17.08.2019
2. Ich fürchte, ...
... Frau Berg will damit sagen, dass sie neidisch ist auf die, die wenigstens etwas aus ihrem Leben machen und nicht gleich ab Geburt auf den Tod warten. Es sei ihr gesagt: Es macht einfach SPASS, andere in die Pfanne zu hauen, und Spass ist der Sinn des Lebens, solange es keinen anderen gibt. Was sollen wir auch sonst tun, wo wir doch eigentlich alles haben?
ImUmkehrschluss 17.08.2019
3. Dieser wunderbare Brief
geht natürlich nur an Trump und die AfD, dann alle andern Parteien und Politiker sind megahuman, friedliebend, zärtlich und deeskalierend !
bigroyaleddi 17.08.2019
4. Danke
für diese glasklaren Aussagen und dafür, dass sie einmal hier so richtig gut zusammengefasst wurden. Werde mir diesen Text speichern. Viel besser kann man es nicht sagen.
trompetenblume 17.08.2019
5. Das merkwürdige Wesen der Lüge
Danke, fühlt sich gut an, was Sie schreiben. Ich frage mich manchmal: Was denkt der Lügner eigentlich über seine eigene Lüge? Im Regelfall wissen diese Menschen ja, dass Sie lügen. Starren die abends im Bett auf ihre Raufaser und denken über eine noch geilere Lüge nach? Fragt der Lügner sein Liebste "Wie war ich Schatz?" Sehr arme Menschen sind das.
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