Sibylle Berg

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Hass ist das Letzte, was jetzt hilft

Wir können Helene Fischer hören, so viel wir wollen: Wir bekommen die alte Welt nicht wieder. Dauernd entdecken wir neue Dinge, vor denen wir Angst haben. Wir müssen lernen, dass Hass nicht hilft.
AfD-Chefin Frauke Petry

AfD-Chefin Frauke Petry

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Die Weltbevölkerung leidet an kollektiver Nervenschwäche. Fragile Nerven machen feige. Die Grünen haben anscheinend Angst, sich hinter einen ihrer besten Leute, Volker Beck, zu stellen, die Kanzlerin hat Angst, dass ihr alles um die Ohren fliegt, die Menschen haben abwechselnd eine Furcht vor den Terroristen, der Überfremdung, den Asylbewerbern, den Rechten, den Russen,  der Veränderung der Welt im Allgemeinen und ihres Lebens im Besonderen.

Fast alle befürchten, dass ihre Zukunft nicht brillant wird, die meisten zu Recht. Die Jungen, die bis Dreißigjährigen, wissen wenigstens, was sie bedroht. Sie wissen um Selbstausbeutung, wissen um die Geschwindigkeit der Begabten, die Unbarmherzigkeit derer, die sich erlauben können, aus hedonistischen Gründen zu arbeiten. Die Jungen fürchten sich nicht vor Zuwanderern, sie haben Angst, dass die Welt bald nur noch aus zwei Klassen bestehen wird: den Superreichen und dem Rest.

Die Zeit ist hart für jene, die die Ursachen ihrer Angst nur als dräuendes Gemurmel wahrnehmen. Der Feind hinter jedem Baum - und sie bewegen sich, diese verdammten Bäume; die Breitseite Angst geht heute an jene, die das Leben noch sicherer erlebt haben. Die vor dem Internet. Die Digital-Immigrants, die noch an Renten glaubten, an Leistung, an Sprüche wie: Was man begonnen hat, muss man auch zu Ende bringen. Schon klar. Durchziehen. Schlechte Beziehungen, unsinnige Ausbildungen, Hobbys. Ich fand den Spruch schon immer preußisch dämlich, heute ist er gefährlich, denn die Unflexiblen wird es zuerst erwischen.

Die diffuse Angst vor Veränderungen

Wir bekommen die alte Welt nicht wieder. Da können Teile der Bevölkerung Helene Fischer hören, bis sie brechen, es wird nicht mehr so wie in der kurzen Periode nach den Sechzigerjahren und vor dem Internet. Vor der vierten industriellen Revolution. Vor den Völkerverschiebungen, vor der Überbevölkerung, vor dem Wahnsinn des Neoliberalismus. An manchen Tagen scheint aus der leisen Angst, aus der vagen Ahnung, von der keiner weiß, was es genau ist, eine Panik der Gewissheit zu werden. Anschläge, der Daesh , die Massen, die um die Erde und in unseren Vorgarten wandern, und der schwindende Wohnraum. Was, wenn man das zu Ende denkt? Das kann doch keiner.

Lieber die Augen schließen und sich sagen: Es wird schon nicht so schlimm werden, obwohl doch kaum einer ahnt, wie das aussehen soll, dieses "schlimm". Und all die Bedrohungen, die unsere Sicherheit durch eine sich rasend entwickelnde Welt erfährt, soll wer eigentlich abwenden? PolitikerInnen? Warum sollen die das können? Beraten sie sich mit den führenden WissenschaftlerInnen der Welt? Soll Frau Petry uns retten, die gegen den falschen Feind loszieht, um Wähler zu gewinnen, weil sie Macht will, weil sie nicht verstanden hat, dass politische Macht ein Scheiß ist gegenüber der Macht der Großkonzerne. Merkel, die Rechte, die Linke, die Mitte, und Beck ist nicht da.

Und nun? Sollen wir heulen? Oder soll sich jeder selber helfen, niemandem vertrauend? Mit Handfeuerwaffen, aber auf was schießen? Auf die Banken? Die Umwelt? Kann mich die Einsicht überleben lassen, dass eine Veränderung nur der gut überstehen wird, der flexibel im Geist bleibt? Die Überschrift über dem anstehenden, unangenehmen Denkprozess heißt: Mich wird keiner retten. Das kann ich nur alleine schaffen. Und Hass ist das Letzte, was einem dabei hilft.

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Foto: SPIEGEL ONLINE