Anne-Frank-Ausstellung Zwischen Glück und Grauen

Anne Frank ist sowohl Symbolfigur des nationalsozialistischen Völkermords als auch literarische Ikone. Von der berühmten Tagebuchschreiberin kann man sich jetzt ein neues, differenzierteres Bild machen - mit bisher unveröffentlichten Fotos, die in New York, Amsterdam und Berlin gezeigt werden.


 Tagebuchautorin Frank: Bilder mit ambivalenter Aura
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Tagebuchautorin Frank: Bilder mit ambivalenter Aura

Er überlebte als einziger der Familie die Nazidiktatur: Otto Frank, Vater der legendären Anne Frank, deren Tagebuch nach den Kriegsjahren weltberühmt wurde. Frank starb 1980 im schweizerischen Basel, bis dahin hatte er mit großem Engagement das literarische Vermächtnis seiner Tochter kultiviert, gefördert und verbreitet.

Frank war auch ein passionierter Hobbyfotograf, der die Familiengeschichte in Bildern festhielt: Siebzig, bisher größtenteils unveröffentlichte Fotos aus den Jahren 1927 bis 1942 sind jetzt in der New Yorker Kraushaar-Galerie zu sehen. Parallel präsentieren das Anne-Frank- Haus in Amerstam und das Anne-Frank-Zentrum in Berlin die wertvollen Bilder. Sie zeigen private, oft heitere Familienszenen - ein unschuldiges Panorama des Privaten mit dem Wert des zeithistorischen Dokuments.

Von der heraufziehenden Katastrophe verraten die Bilder auf den ersten Blick allerdings nichts: Frank, der mit seiner Familie 1934 nach Holland emigrierte, hoffte, das Land würde sich wie im ersten Weltkrieg neutral verhalten. Die Kritikerin Roberta Smith bemerkt in der "New York Times", die Familienbilder hätten eine ambivalente Aura: Sie zeigten eine vermeintlich heile Welt, die doch vom Grauen überschattet war. Es liege etwas Bedrückendes in diesen hartnäckig fröhlichen Fotos, so Smith. "Man kann sich vorstellen, dass die Bilder von 1941 von einem Mann gemacht wurden, der wusste, dass er seine Familie in die Schweiz hätte bringen müssen, wohin seine Mutter und Brüder geflohen waren."

Überhaupt scheint die Ausstellung mehr als nur ein historischer Bilderreigen mit einer längst zur Ikone gewordenen Autorin als Hauptfigur zu sein. Die Bilder seien schwierig, kommentiert Smith, man würde hin und her geworfen zwischen ungemütlichen Überlegungen. Zum Beispiel könne man angesichts der Fotos spüren, dass Franks Privatleben in unnötiger Weise ausgebeutet und der Betrachter durch Impressionen eines märchenhaft sorgenfreien Lebens manipuliert werde. Solche Bilder ließen Franks Schicksal letztlich aber um so schrecklicher erscheinen; die Extreme zwischen Sicherheit und Gewalt, Luxus und Not träten noch deutlicher hervor.

Die Ausstellung könnte dem institutionalisierten Anne-Frank-Bild neue Aspekte hinzufügen. Otto Frank wurde nach seinem Tod vielfach kritisiert, das Bild seiner Tochter idealisiert zu haben. Nicht zuletzt seine Bearbeitung des Tagebuchs gilt als problematisch. Frank soll beispielsweise Schilderungen von Annes sexueller Neugier und Passagen über seine instabile Ehe gemildert haben, auch der Hass der Tochter auf die Deutschen soll entschärft worden sein. Der "New York Times" zufolge zeige die Ausstellung, dass Ottos Idealisierung der Tochter lange vor ihrem Tod begonnen hat.

Franks Aufzeichnungen zählrn bis heute zu den meist verkauften Büchern der Welt, sie wurden in über 55 Sprachen übersetzt. Am 12. Juni dieses Jahres wäre die Amsterdamer Tagebuchschreiberin 75 Jahre alt geworden. Als Symbolfigur des nationalsozialistischen Völkermords ist sie jedoch höchst aktuell und - wie die Ausstellung beweist - immer wieder neu zu entdecken.


"Anne Frank und ihre Familie - Fotografien von Otto Frank" vom 11. Juni bis 12. September 2004, jeweils von 12 bis 20 Uhr (außer montags) in den Räumen des Anne-Frank-Zentrums, Rosenthaler Straße 39, 10178 Berlin.



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