Nachkriegs-Bestseller "Anonyma"-Tagebücher sind zum Teil nicht authentisch

Zu den nachträglich aufgenommenen Passagen zählen unter anderem persönliche Reflexionen über den politischen Zusammenbruch des NS-Regimes: Der Bestseller "Anonyma" ist in großen Teilen nicht authentisch.

Filmszene mit Nina Hoss in "Anonyma - Eine Frau in Berlin"
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Filmszene mit Nina Hoss in "Anonyma - Eine Frau in Berlin"

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Der Bestseller "Anonyma. Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945" über die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Rotarmisten ist in großen Teilen nicht authentisch. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte bei SPIEGEL+.)

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Heft 26/2019
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Das hat die Historikerin Yuliya von Saal nach Sichtung der Originalmanuskripte festgestellt. Die 2003 von Hans Magnus Enzensberger wiederveröffentlichten Tagebücher bestehen nach Recherchen der Wissenschaftlerin des Münchner Instituts für Zeitgeschichte nur zu 35 Prozent aus Aufzeichnungen aus dem Frühjahr 1945.

Das berichtet der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe. Ein größerer Teil wurde von der "Anonyma"-Autorin, der Journalistin Marta Hillers, erst in den Fünfzigerjahren hinzugefügt.

Hillers selbst war in den ersten Wochen nach Kriegsende immer wieder vergewaltigt worden. Zu den nachträglich aufgenommenen Passagen zählen vor allem persönliche Reflexionen über den politischen Zusammenbruch des NS-Regimes, den Umgang mit den sowjetischen Soldaten und den Alltag im kriegszerstörten Berlin. Zudem hat die "Anonyma"- Autorin den Originaltext in vielen Details verfälscht oder zugespitzt. Bemerkungen etwa, die ihre Distanz zum Nationalsozialismus dokumentieren sollten, wurden erst für die Buchveröffentlichung eingefügt.

Die Studie von Yuliya von Saal wird in der kommenden Ausgabe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (67/2019) erscheinen.

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insgesamt 3 Beiträge
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noalk 23.06.2019
1. Ist das jetzt so schlimm?
Wir nehmen es zur Kenntnis. Ist im Prinzip ja auch nichts Neues, dass die Authentizität der Hillerschen Tagebücher, die als Erzählung veröffentlicht wurden, angezweifelt wird. Im übrigen ist es ein Merkmal aller Tagebücher, dass sie subjektive Elemente enthalten. Das wird am historischen Gesamtgehalt nicht viel ändern.
geotie1 23.06.2019
2.
Meine Mutter wurde in den Kriegsjahren zum Ende hin mehrmals vergewaltigt. Kurz vor ihrem Tod ging diese Passage des Lebens mindestens 100 Mal und mehr am Tag durch den Kopf, besonders als die deutschen, die genau wussten was da passierte, laut darüber lachten. Wenn in dem Buch vielleicht viele Passagen enthalten sind, die angeblich nicht passiert sind, dann kann man diese Vergewaltigungen mit den hinzugedichteten Passagen verrechnen. Dann kommt die Sache, die Schmach schon hin! Was meiner Mutter sehr gestört hatte, war am Anfang eigentlich nicht die Vergewaltigung, wobei ich das nicht herunterreden will, sondern die Leute von heute die von Stolz, Ruhm und Ehre im Krieg daherschwafeln. Ein Menschenschlag, der nicht einmal ansatzweise unter dem Krieg gelitten hatte. Wahrscheinlich auch, weil viele solche Leute auch kein Gewissen für solch unmenschliche Taten zeigten und zeigen!
MisterD 26.06.2019
3. Völlig egal?
Oder ist die grundsätzliche Geschichte mit Vergewaltigungen usw. auch falsch? Nö die stimmt...
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