Georg Diez

Nach Ansbach und München Eine Art der Ausgrenzung

Wen nennen wir Amokläufer, wen Terrorist? Bei der Antwort geht es nicht nur um sprachliche Feinheiten. Sondern darum, wie eine Gesellschaft ihre Probleme ausblendet.
Polizei in Ansbach

Polizei in Ansbach

Foto: Matthias Schrader/ AP

"Ich bin Deutscher", rief David Sonboly, der Attentäter von München, während er weiter Menschen umbringen wollte, die er ganz offensichtlich nicht für Deutsche hielt.

Can L. etwa, 14 Jahre alt, sein Großvater kam 1966 aus der Türkei nach Deutschland, Dijamant Z., der 20-jährige Sohn eines Polizisten aus dem Kosovo, oder Huseyin D., 17 Jahre alt, seine Eltern sind Griechen.

Sonboly war, nach allem, was man weiß, ein Rassist mit rechtsextremen Motivationen. Er war kein Amokläufer, der aus einem diffusen Gefühl von Wut und Weltekel heraus agierte. Sein Motiv, sein Name war Hass.

Sonboly war ein Terrorist, er hatte ein System von Überzeugungen, die seine Tat leiteten, er bereitete die Tat gezielt vor, er hatte explizite gedankliche Verbindungen zu Anders Breivik, Rassist, Terrorist, Massenmörder wie Sonboly.

Warum also nennen fast alle Medien - auch SPIEGEL ONLINE - David Sonboly, der in Deutschland aufwuchs, einen Amokläufer? Und warum ist dann der Attentäter von Ansbach, Mohammad Daleel, ein Syrer, der seit zwei Jahren in Deutschland lebte, der, nach allem, was man weiß, nicht besonders religiös und aktuell von Abschiebung bedroht war, ein Terrorist?

Es geht hier ja um weit mehr als um ein paar sprachliche Feinheiten. Es geht darum, wie eine Gesellschaft auf eine Tat reagiert, wie und wo sie nach den Gründen sucht, den Ursachen, bei sich, bei anderen, lieber weit weg oder doch in den eigenen Gemeinden, Schulen, Neubauvierteln.

"Ich werde hier immer wie ein Ausländer behandelt werden", sagte Can L.s Vater Hasan der "Washington Post".  Er ist in Deutschland geboren, er arbeitet bei BMW. Er erzählt davon, wie er von der Polizei schikaniert wurde, nachdem sein Sohn ermordet wurde, "weil ich so aussehe, wie ich aussehe, weil ich heiße, wie ich heiße".

Die einfachen Antworten

Warum also redet kaum jemand nach dem Terror von München, denn es war Terror, es war das, was die Amerikaner ein "hate crime" nennen, warum redet kaum jemand über Rassismus?

Dass die CSU die Möglichkeit nutzt, mehr Polizei und Überwachung und das Militär auf den Straßen zu fordern, überrascht nicht. Und auch Angela Merkels Law-and-Order-Mann Thomas de Maizière hat als Antwort mehr Härte parat.

Das ist traurig und falsch in einer Situation, in der die Angst langsam hysterisch zu werden droht, in der sich die unterschiedlichen Attacken und Anschläge zu einem unübersichtlichen Bild einer allgemeinen Bedrohungslage verbinden - und es ist gefährlich, weil so - mal wieder - die einfachen Antworten gesucht werden.

Was also brachte David Sonboly dazu, Türken und Araber zu hassen? Was heißt, er wurde "gemobbt"? Gibt es Wurzeln seiner Tat, die in einem speziell iranisch-arischem Denken beruhen? Und vor allem: Warum scheint es so, dass sich eher ausländische Medien für diese Fragen interessieren?

In der "New York Times", der "Washington Post" und auf BBC, um nur ein paar zu nennen, gab es Geschichten, die sich speziell mit den Opfern beschäftigten, Deutsche mit türkischen, albanischen, griechischen Wurzeln, die Gesichter eines "neuen Europa", wie die "Washington Post" schrieb, die Gesichter eines neuen Deutschland.

"Wir diskutieren über das Falsche"

In Deutschland konzentriert man sich traditionell mehr auf die Frage, wer der Täter war. Auch das hat bestimmte Konsequenzen: Die Antworten findet man hier leichter im Sicherheitsapparat, in verschärften Gesetzen oder der Frage, ob Ego-Shooter-Spiele Ego-Shooter produzieren.

Weitergehende gesellschaftliche Fragen werden dabei ausgeblendet. Die Antworten auf diese Fragen wären auch ungleich komplizierter, sie wären nicht im Sicherheitsapparat zu finden, sondern eher an den Schulen, im Sozialbereich, bei der Frage, wie hoch die Hürden sind, dass sich jemand in Deutschland nicht heimisch fühlt, selbst nach 45 Jahren.

"Wir diskutieren über das Falsche", sagt der Konfliktforscher Ulrich Wagner,  der etwa für eine bessere Integration plädiert, was von der gesamten Gesellschaft ein Umdenken erfordert und nicht vom Einzelnen. Die "Gefühle von Benachteiligung und Ausschluss", so Wagner im Deutschlandfunk, seien oft Grund für solche Taten, sie müssten ernst genommen und besser aufgelöst werden.

Jeder Fall ist anders. David Sonboly war in psychiatrischer Behandlung, sein Motiv kann auch Rache für erlittene Kränkungen gewesen sein, unterfüttert allerdings von rechtsextremen Motiven. Und Mohammad Daleel war als gewalttätig bekannt, er soll Sympathien für den IS gehabt haben, der Auslöser für seine Tat mag die drohende Abschiebung gewesen sein.

Die Taten von München und Ansbach verhalten sich auf jeden Fall zueinander, aber anders, als auf den ersten Blick ersichtlich: David Sonboly fühlte sich an den Rand gedrängt, genau von der Art von Ausgrenzung, die die repressive Reaktion auf das Attentat von Ansbach wohl bestärken wird.

Terror ist immer erst mal eine Antwort. Es geht darum herauszufinden, auf welche Frage.

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