Margarete Stokowski

Reaktion auf Berlin Weihnachten fällt nicht aus

Wie soll man Weihnachten feiern, nach dem Schock von Berlin? Jetzt ist es wichtig, nach Hause zu fahren, gemeinsam mit der Familie zu diskutieren und zu trauern - und sich auf die Werte zu besinnen, für die dieses Fest steht.
Trauernde in Berlin

Trauernde in Berlin

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Weihnachten fällt nicht aus. Es kann aber gut sein, dass einigen die Worte "O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit" nicht über die Lippen kommen werden, denn Gnade hat die Zeit gerade wenig übrig.

Derjenige, der am Montagabend mit einem Lkw in einen Weihnachtsmarkt gefahren ist, konnte mindestens zwölf Menschen töten und Dutzende verletzen. Wie viele er auf längere Sicht in Angst und Schrecken versetzen kann, hängt auch von uns ab.

Obwohl man noch nicht viel über den mutmaßlichen Terroranschlag am Berliner Weihnachtsmarkt sagen kann, sind einige seiner Folgen schon absehbar. Wir wissen noch nicht sicher, wer es war, was er wollte und ob er mit jemandem zusammengearbeitet hat. Und viele wissen noch nicht, ob jemand tot oder verletzt ist, den sie kennen. Was aber schon feststeht ist, dass einige jetzt Angst haben und andere versuchen werden, diese Angst auszunutzen. Sie sind längst dabei.

Aber genauso sicher ist auch, dass viele in den nächsten Tagen nach Hause fahren werden, um Weihnachten zu feiern, so gut es geht. Sie werden dort vielleicht auch auf Menschen treffen, die politisch anders denken als sie selbst. Kann sein, dass es der Onkel ist, der überlegt, jetzt doch mal AfD zu wählen, kann sein, dass es die eigene Mutter ist, die findet, dass die Ausländer schlecht erzogene Kinder haben. Viele von uns kehren dieser Tage für eine Weile in ein Milieu zurück, aus dem sie sich mit guten Gründen entfernt haben, oder das sich von ihnen entfernt hat, was aufs selbe rauskommt.

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Foto: Polizei Berlin

Es wäre ohnehin das letzte Weihnachten vor der Bundestagswahl, zu der höchstwahrscheinlich zum ersten Mal seit langer Zeit eine rechte Partei einen zweistelligen Stimmenanteil erhalten wird. Nun ist es noch das erste Weihnachten nach einem mutmaßlichen Terroranschlag mit Dutzenden Opfern in Deutschland. Es ist genau so bitter, wie es auch eine Chance ist.

Weihnachten mit der Familie ist ein guter Ort für Diskussionen. Denn entweder Ihre Familie liebt Sie bedingungslos, so wie Sie sind, dann werden Sie gestärkt daraus hervorgehen. Oder nicht, und dann ist es eh schon verloren. Dann können Sie auch richtig streiten. Lassen Sie Ihre komischen Verwandten ausreden. Sie haben den ganzen Abend Zeit zu antworten. Vielleicht kriegen Sie währenddessen eine SMS von einer Freundin: "Meine Oma hat grad den Holocaust geleugnet." Dann wissen Sie, dass es bei anderen vielleicht noch schlimmer läuft als bei Ihnen.

Was ändert der Anschlag von Berlin? Was ändern die Ermittlungen? Was wäre das Schlimmste, das jetzt über den Täter rauskommen könnte? Dass er ein ähnliches Profil hat wie der Verdächtige im Freiburger Mordfall? Heißt es dann wieder: Diesen einen hätte man nicht ins Land lassen sollen, dann wäre es nicht passiert? Was rein logisch stimmt, aber nur schwer zu politischen Schlüssen führt.

Gibt es ein Ereignis, das dazu führt, dass wir sagen müssen, wir sollten geflüchteten Menschen mehr misstrauen oder hätten ihnen bereits mehr misstrauen müssen? Gibt es ein Ereignis, das dazu führt, dass wir sagen müssen, wir müssen "umdenken" im Sinne derer, die uns Angst machen wollen vor denen, die zu uns kommen oder schon da sind? Es gibt kein solches Ereignis. Wenn wir so tun, als sei der Anschlag von Berlin ein solches Ereignis, machen wir den Täter mächtiger, als er ist.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Trauer ist etwas, das sich nicht wegreden lässt, Schock ebenso. Beide werden stärker, wenn man sie ignoriert. Aber Trauer und Schock sind, auch weil sie so intim sind, etwas, worauf wir bestehen können, ohne deswegen denen in die Arme zu laufen, die uns Solidarität ausreden wollen.

Nach den Anschlägen in Utøya und Oslo im Sommer 2011 sagte der damalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg in seiner Trauerrede: "Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit." Obwohl man sah, dass er sich beim Reden sehr zusammenreißen musste, waren es Worte, die vielen Menschen geholfen haben. Sie wirken noch heute.

In Polen deckt man an Heiligabend den Tisch immer für eine Person mehr, als man erwartet. Es soll ein Zeichen dafür sein, dass man einen Gast aufnehmen würde, wenn einer käme, denn, na ja, Sie kennen die Weihnachtsgeschichte. Meistens kommt dann doch keiner. Ich kann nicht alles empfehlen, was Polen zurzeit so machen. Aber das ist ein guter Brauch.

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