Theatermacherin Anta Helena Recke "Wir sind in der Kunst nicht in der Schule"

Sie ist eine Aufsteigerin der Theaterszene, in den Münchner Kammerspielen präsentiert Anta Helena Recke nun "Die Kränkungen der Menschheit". Hier spricht sie über Eurozentrismus, Grabenkämpfe und didaktische Minimalziele.

Regisseurin Anta Helena Recke: "Freud ist nicht aus seiner weißen Matrix herausgekommen"
@zombienanny

Regisseurin Anta Helena Recke: "Freud ist nicht aus seiner weißen Matrix herausgekommen"

Ein Interview von


Zur Person
    Anta Helena Recke, geboren 1989, ist eine der wenigen nicht-weißen Regisseurinnen im deutschsprachigen Theaterbetrieb und zugleich bildende Künstlerin. Sie ist in München aufgewachsen, hat deutsche und senegalesische Vorfahren und bezeichnet sich selbst als "Schwarze"; die Bezeichnung "person of color", sagt sie, werde vor allem deshalb von vielen weißen Journalisten benutzt, "weil die Selbstbezeichnung 'Schwarz' vielen als etwas erscheint, das man nicht sagen darf und sie sich mit einem englischen Begriff eher auf der 'richtigen' Seite wähnen".

DER SPIEGEL: Frau Recke, Sie sind berühmt geworden mit Ihrer Version von "Mittelreich", in der Sie die ursprünglich mit weißen Schauspielern besetzte Münchner-Kammerspiele-Inszenierung einer Regiekollegin 2017 mit ausschließlich nicht-weißen Schauspielern besetzten. In ihrer neuen Produktion "Die Kränkungen der Menschheit", die am Donnerstag in München Premiere hat, soll es laut Ankündigung um "die europäische Krankheit" gehen. Worin besteht die?

Szene aus: "Die Kränkungen der Menschheit"
Gabriela Neeb

Szene aus: "Die Kränkungen der Menschheit"

Recke: Aus der Unfähigkeit, die eigene Perspektivität als solche wahrnehmen zu können. Sigmund Freud hat drei große Kränkungen beschrieben, die der menschlichen Eigenliebe im Lauf der Geschichte zugefügt wurden. Die Feststellung, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Die Erkenntnis, dass der Mensch vom Affen abstammt. Und die Einsicht, dass der Mensch sein Unterbewusstsein nicht kontrollieren kann. Die vierte Kränkung hat Freud übersehen. Sie besteht darin, dass die Vorstellung, von einer universellen Menschheit auszugehen, sich als falsch erwiesen hat. Das Selbstbild, dass er beschrieb, meinte nur den christlichen, weißen, europäischen Mann.

DER SPIEGEL: Warum hat Freud übersehen, dass er selbst an dieser europäischen Krankheit litt? Hätte nicht gerade er als Jude eine Abweichung von diesem universell gesetzten Selbstbild bemerken müssen?

Recke: Weil er aus seiner weißen Matrix nicht herausgekommen ist. Er war sich seiner spezifischen Perspektivität nicht bewusst. Ihm fehlte das Wissen darüber, was es bedeutet, weiß zu sein - in dem System, in dem er sich bewegte und in dem wir Europäer uns bis heute bewegen - nämlich, sich alle Menschen unterzuordnen, die nicht europäisch, christlich, männlich und weiß sind.

DER SPIEGEL: Das klingt ziemlich abstrakt. Wie wird Ihre Beschäftigung mit der (so die Ankündigung) "eurozentrischen Behauptung einer universellen Menschheits- und Kunstgeschichte" auf der Bühne aussehen?

Recke: Sie haben Recht, unser Ausgangspunkt ist eine abstrakte Gedankenkonstruktion. Aber wir machen daraus ein totales Bildertheater. Es geht um Blickverhältnisse, um Perspektiven, um den Vorgang des Sehens.

Szene aus "Die Kränkungen der Menschheit"
Gabriela Neeb

Szene aus "Die Kränkungen der Menschheit"

DER SPIEGEL: Welche Rolle spielt das in der Ankündigung des Stücks angeführte und sensationell erfolgreiche Musikvideo "Apeshit" von Beyoncé Knowles und Jay-Z, in dem die beiden unter dem Namen The Carters durch den Pariser Louvre tanzen, während alle möglichen, meist von weißen Künstlern stammenden Kunstwerke von nicht weißen Sängern und Tänzern nachgestellt werden?

Recke: Das Video war als Assoziation wichtig, wird aber nicht gezeigt. Es gibt lediglich eine referentielle Verbindung. Wir arbeiten mit Motiven des Museumsraums. Weil mein Ensemble nicht rein weiß ist, entsteht ein anderer Blick auf europäische Kultur. In der war die Perspektivität gesetzt und mit dieser Setzung sind die Betrachterin oder der Betrachter dem Bild eingeschrieben. Wir alle sind mit den Bildern der europäischen Kultur aufgewachsen, das prägt unseren Blick.

DER SPIEGEL: Erhoffen Sie sich von Ihrer Aufführung, dass sich bei den Zuschauerinnen und Zuschauern ein neues Verständnis einstellt, das sie etwas dazulernen?

Recke: Nein. Wir sind in der Kunst nicht in der Schule. Es gibt keine richtige Deutung eines Aufführungserlebnisses. Es wäre schade und falsch, wenn man den Museumsbesuch oder eine Aufführung wie in der Schule herunterbricht auf die Frage nach richtig oder falsch. Als würde man dem Publikum eine Aufgabe wie "Analysieren sie diese Kurzgeschichte" stellen und Punkte für richtige Antworten vergeben. In einer Theateraufführung gibt es viele Möglichkeiten der Auseinandersetzung. Es geht nicht um den einen richtigen Eindruck, sondern darum, dass man offen wird für das, was an jenem Abend tatsächlich passiert. Für mich macht gerade dieser Punkt das Theater und das konzeptionelle Arbeiten spannend: dass es für jeden anders funktioniert.

DER SPIEGEL: Aber gilt nicht doch als Ihr didaktisches Minimalziel, dem Publikum die Fragwürdigkeit der eigenen Wahrnehmung klarzumachen?

Recke: Mir geht es nicht um die Fragwürdigkeit der Wahrnehmung, sondern um ihre Anwesenheit. Sie in Frage zu stellen, hieße schon, sie zu bewerten. Ich will die Wahrnehmung selbst zum Thema machen, ohne Bewertung. Sie ist auf spezifische Art und Weise immer da.

DER SPIEGEL: Viele Theater im deutschsprachigen Raum bemühen sich derzeit, ihre Ensembles diverser zu besetzen und mehr nicht-weiße Künstler auf und hinter der Bühne zu beschäftigen. Gehört diese Öffnung der Theater zu den Zielen Ihrer Arbeit?

Recke: Falls das wirklich so ist, würde ich es begrüßen. Aber es ist nicht direkt das Ziel meiner künstlerischen Arbeit. Für mich sind die politische Handlungsebene und die Kunst getrennt voneinander existierende Räume.

Szene aus "Die Kränkungen der Menschheit"
Gabriela Neeb

Szene aus "Die Kränkungen der Menschheit"

DER SPIEGEL: Die Münchner Kammerspiele, zu deren Erfolgen Ihre zum Theatertreffen eingeladene "Mittelreich"-Inszenierung gehört, sind in der Lokalpolitik und in manchen Medien stark kritisiert worden, der Intendant Matthias Lilienthal wird im nächsten Jahr abtreten. Wie schätzen sie die Situation des Theaters ein?

Recke: Ich finde es sehr schade, dass Lilienthal gerade jetzt aufhört. Jede Intendanz braucht ein paar Jahre Anlauf und ich habe das Gefühl, dass genau jetzt eine supergute Zeit losgehen könnte. Aber ich kann seinen Entschluss auch verstehen. Teile der Münchner Presse und des Publikums sind mit Lilienthals Intendanz sehr reaktionär umgegangen, indem sie Grabenkämpfe austrugen. Wie im Streit über die Berliner Volksbühne stellte man Dichotomien gegeneinander und behauptete zum Beispiel, es ginge um die Frage, ob man herkömmliche Dramen spielt oder Performancekunst zeigt. Statt über Inhalte stritt man über solche angeblichen Gegensätze, ohne dass die meisten überhaupt wussten, was diese Begriffe "Performance" und "Schauspiel" bedeuten.

DER SPIEGEL: Sie sind in München aufgewachsen und arbeiten heute viel in anderen Städten. Wie beurteilen Sie das aktuelle kulturpolitische Klima in München?

Recke: Bis Lilienthal in den Kammerspielen anfing, gab es kaum ein Publikum für zeitgenössische Ästhetiken in der Stadt. Das ist jetzt wirklich anders. Inzwischen ist eine neue Generation von Zuschauerinnen und Zuschauern da. Ein Publikum, das echtes Interesse zeigt. Ich freue mich, hier zu arbeiten.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels konnte der Eindruck entstehen, Sigmund Freud sei selbst christlichen Glaubens gewesen. Wir haben die Passage präzisiert.

"Die Kränkungen der Menschheit", ab 26.09.2019 in den Münchner Kammerspielen

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