Antiamerikanismus Von Fakten und Reflexen

Angela Merkel weilt zum Antrittsbesuch in den USA. Ihre offene Kritik am Gefangenenlager Guantanamo ist ein gutes Zeichen: Das in der deutschen Öffentlichkeit herrschende Patt zwischen anti- und pro-amerikanischen Reflexen kann nur durch einen immer wieder neuen Blick auf die Wirklichkeit gelöst werden.

Von Reinhard Mohr


Manchmal ist das Leben doch ein Film. Oder eine Fernsehserie. Oder eine Doku-Soap. Wie neulich auf einer Geburtstagsparty in Berlin, Prenzlauer Berg. Eine runde 30 wurde gefeiert. Viele schöne Frauen, etwas weniger schöne Männer. Zu kalifornischem Weißwein und deutschem Bier gab es italienische Antipasti. Zwei Journalistenkollegen, natürlich Männer, unterhielten sich angeregt über geheime CIA-Flüge, die Verschleppung des Deutschen Khaled el-Masri, versteckte US-Gefangenenlager in Osteuropa, Guantanamo, Abu Ghureib, illegale Abhörpraktiken der NSA und den aktuellen Stand der Dinge im Irak.

Sternenbanner der USA: Auf Reflex folgt Gegenreflex

Sternenbanner der USA: Auf Reflex folgt Gegenreflex

Dass der Feldzug der amerikanischen Truppen im Frühjahr 2003 durch offenkundig falsche, wahrheitswidrige, ja teils bewusst erlogene Begründungen legitimiert worden war, betrachteten beide Gesprächspartner inzwischen als historische Tatsache. Man war noch nicht ganz fertig mit der politischen Tour d'Horizon - der eine der beiden war inzwischen vom kalifornischen Weißwein auf deutsches Bier umgestiegen - da gesellte sich zwanglos ein weiterer Partygast an den Tisch.

Als er erfuhr, worüber man gerade sprach, legte sich ein wissendes Lächeln über sein Gesicht. Ja, ja, beim Thema Amerika wisse man kaum, wo man anfangen und wo man enden solle, und schon stiegen die einschlägigen Vokabeln wie schwarzgeränderte Schaumblasen aus seinem Mund: Rassismus gegenüber Schwarzen, Indianerverfolgung, Todesstrafe, Folter, Vietnam, Chile, Nicaragua, der ganze Nahe Osten samt Israel, Balkan-Krieg, Afghanistan, Irak, die notorische Weigerung, den Internationalen Gerichtshof anzuerkennen, geplante Umweltfrevel in Alaska und das unglaubliche Unwissen der Amerikaner in Geschichte und Geografie, man glaube es kaum...

Wie soll man verteidigen, was nicht zu verteidigen ist?

Natürlich war die Litanei längst nicht vollständig, Hollywood, McDonald's und Coca-Cola fehlten, aber man fühlte sich dennoch ein bisschen an Kurt Tucholskys "Herrn Wendriner" erinnert, der beim Thema "Urlaub an der Ostsee" auch nicht mehr zu stoppen war.

Einem in der Runde reichte es dann doch irgendwann, und obwohl er gerade so schön auf Anti-Bush-Kurs gewesen war, legte er das Ruder um und hielt dagegen. Warum "Afghanistan" denn eigentlich so selbstverständlich ins Schuldregister der USA gehöre und nicht aufs Konto der Sowjetunion beziehungsweise Russlands, von Tschetschenien ganz zu schweigen? Oder sind die verheerenden Feldzüge mit Zehntausenden Toten schon vergessen? Und warum redet beim Thema Folter fast niemand (außer Amnesty International) über China, die aufstrebende Weltmacht?

Dass einmal die drei Millionen Toten der maoistischen Kulturrevolution erwähnt werden, erwartet man in einem Partygespräch sowieso nicht, auch nicht, dass die jährlich Tausenden Toten in den chinesischen Bergwerken oder jene monströsen Umweltkatastrophen im Reich der Mitte zur Sprache kommen, gegen die geplante Ölbohrungen der Amerikaner in Alaska - derzeit sowieso auf Eis gelegt -, ein ökologischer Klacks wären.

Aber noch während er sich derart echauffiert, bemerkt er, dass es ihm Amerika andererseits auch ziemlich schwer macht. Soll man etwa den Vietnam-Krieg verteidigen, den selbst der damalige US-Verteidigungsminister McNamara längst für schlimmer als ein Verbrechen hält, nämlich für einen historischen Fehler? Soll man all die Interventionen im lateinamerikanischen "Hinterhof" der USA rechtfertigen, die in der Regel Diktatoren und Folterknechte an die Macht brachten oder dort beließen? Soll man die amerikanische Nahost-Politik als taktisch-strategische Meisterleistung preisen oder gar die nachgewiesenen Folterpraktiken im Irak und anderswo als kleine Ausrutscher der Weltmacht Amerika entschuldigen - nun, da all dies in der amerikanischen Öffentlichkeit selbst leidenschaftlich diskutiert und kritisiert wird?

Ressentiments mit genialer Filtervorrichtung

Natürlich nicht. Aber die Party-Litanei des Antiamerikanismus, die vielen Deutschen so leicht über die Lippen geht wie die Bestellung von Weißbier im sommerlichen Biergarten, hat etwas unangenehm Wohlfeiles, Billiges und Bequemes. Nicht zuletzt deshalb, weil sie voller deutscher und europäischer Selbstgerechtigkeit steckt. Ihr Moralismus folgt dabei allzu oft der Struktur des klassischen Ressentiments, und nicht zufällig sind antiamerikanische Einstellungen blitzschnell mit antisemitischen Einstellungen kurzgeschlossen. In manchen Reaktionen auf die Terroranschläge vom 11. September 2001, in den Verschwörungstheorien zwischen "CIA", "Wall Street" und "Mossad", kam dies ganz offen zum Ausdruck. Nicht selten vereinen sie sich zu einem kompakten, vermeintlich fortschrittlichen Weltbild.

In dem kommt die arabische Unfähigkeit zur Demokratie allerdings so wenig vor wie die Tatsache, dass ohne amerikanische Truppen während des Zweiten Weltkriegs Europa womöglich bis heute unter einer faschistisch-stalinistischen Herrschaft leben müsste. Dass etwa der jahrelange Beschuss von Sarajevo durch die serbische Soldateska Anfang der neunziger Jahre erst durch gezielte amerikanische Bombardements dauerhaft beendet wurde, hat der friedliebende Europäer natürlich auch längst vergessen.

Ressentiments zeichnen sich durch eine geniale Filtervorrichtung aus: Objektive Fakten und Informationen, die ins Vorurteilsklischee passen oder zu passen scheinen, werden begierig aufgesogen. Solche aber, die nicht passen, bleiben im Sieb hängen und kommen in die schwarze Tonne des Vergessens. So kann es passieren, dass Ressentiment und Tatsache zuweilen deckungsgleich sind - aber eben nur dort, wo es dem Ressentiment passt, nicht dort, wo es die Wirklichkeit erzwingen würde.

Merkwürdige Arbeitsteilung

Seit vielen Jahren hat sich in Sachen Antiamerikanismus eine merkwürdige Arbeitsteilung etabliert: Die einen hüten ihre Ressentiments und sehen sich bei jeder neuen Enthüllung nur vollauf bestätigt; die anderen, es scheint die deutlich kleinere Gruppe zu sein, polemisieren ebenso unermüdlich gegen sie an und entlarven stets aufs neue das Ressentiment der anderen. Zur Revanche müssen sie sich wiederum gefallen lassen, von ihren ewigen Kontrahenten als Kriegstreiber, opportunistische Renegaten und pro-amerikanische Speichellecker geschmäht zu werden. Selbstverständlich steht der jeweils andere unter strengem Ideologieverdacht, während man selbst nur kritisch auf die reinen Fakten schaut. Und die sprechen ja für sich. Siehe oben.

Ressentiments sind nicht zuletzt Reflexe auf eine schwierige, oft schwer durchschaubare Welt. Doch auch der Kampf gegen sie kann reflexhafte Züge tragen. So ist der polemische Anti-Antiamerikanismus nicht ganz frei davon, stets bloß auf die neuesten Bewegungen des Ressentiments zu starren und sie umgehend und gleichsam spiegelbildlich zu beantworten - mit dem automatischen Gegen-Reflex. Den beherrscht man noch im Schlaf.

Reflex gegen Reflex - auf Dauer eine ziemlich unbefriedigende Ordnung des Denkens. Aus der Ferne erinnert sie an jene dramatischen Zeiten in den späten dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, als westeuropäische Kommunisten, die vor Hitler geflohen waren, reflexhaft Stalin verteidigten, obwohl sie von dessen Verbrechen wussten. Jede Kritik an Stalin, so glaubten sie, hätte nur Hitler genutzt: Fatales Lagerdenken.

Während es allerdings damals tatsächlich um Leben und Tod ging, geht es heute "nur" um intellektuelle und moralische Aufrichtigkeit. Und es gibt sie, die Chance zum Aufbrechen der Reflexe. Sie besteht darin, immer wieder einen neuen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen, die sich ebenso verändert wie das Denken. Angela Merkels deutliche Kritik an dem US-Gefangenenlager Guantanamo, in dem seit genau vier Jahren rund 500 Terrorverdächtige jenseits aller rechtsstaatlichen Normen interniert sind, ist ein gutes Zeichen.

Mit der im Vorfeld ihrer heutigen USA-Reise kaum verhüllten Forderung, das Lager endlich zu schließen, ging sie weiter als Irak-Kriegs-Gegner Gerhard Schröder es jemals getan hat.

Auch die zurückliegende Debatte über den "Fall Masri", Folter in Geheimgefängnissen und die Grundsätze des Rechtsstaats insgesamt, der sich selbst im Kampf gegen schlimmste Terrorgefahr nicht eigenhändig preisgeben darf, trug die Züge eines neuen, alten Konsenses der abendländischen Zivilgesellschaft: Folter ist verboten, ebenso wie die willkürliche Verschleppung von Menschen durch staatliche Behörden und die dauerhafte Inhaftierung ohne Anklage und Gericht. Demokratische Selbstverständlichkeiten, die man sich auch von jenen nicht nehmen lassen sollte, die sie nur wieder in ihre nächste Party-Litanei des Antiamerikanismus einbauen werden.

Sei's drum. Amerika hat unsere Kritik verdient. Unsere Bewunderung verliert es deshalb nicht.



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