Anschlag in Halle Der Sturm, vor dem wir euch gewarnt haben

Von Max Czollek
Deutschland ist ein Land, in dem der Hass auf Andere mühelos vom Wahlkreuz in die Vernichtung übergeht. Es genügt nicht, ein paar Sicherheitskameras bereitzustellen - wir brauchen einen antifaschistischen Konsens.
Ein Polizeiauto steht vor einer Synagoge in Stuttgart: Was ist das für ein Zustand?

Ein Polizeiauto steht vor einer Synagoge in Stuttgart: Was ist das für ein Zustand?

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Max Czollek, geboren 1987, studierte Politikwissenschaften und promovierte am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Seit 2009 ist er Mitglied des Lyrikkollektivs G13 und Mitherausgeber der Zeitschrift "Jalta - Positionen zur jüdischen Gegenwart". Sein Buch "Desintegriert euch" erschien vergangenes Jahr bei Hanser, sein Gedichtband "Grenzwerte" 2019 beim Verlagshaus Berlin.

Gestern saß ich fassungslos vor meinem Laptop in Buenos Aires, wo ich mich gerade für ein Lyrikprojekt aufhalte. Nicht überrascht. Fassungslos. Am Mittwoch hat ein Terrorist in Halle Jagd auf Juden gemacht. Mit einem Gewehr und einer Schutzweste bewaffnet und vier Kilogramm Sprengstoff im Kofferraum seines Autos lief der Mann zur Synagoge. Es befanden sich nach Angaben der Gemeinde zwischen 70 und 80 Menschen darin. Aber in die Synagoge kam er nicht, weil die Tür nicht nachgab, als er auf sie schoss. Und zwei Menschen wurden dennoch von ihm umgebracht. Ehre ihrem Andenken.

In Buenos Aires gab es 1994 den schwersten Bombenanschlag der Geschichte Argentiniens auf die Zentrale der jüdischen Gemeinde, damals kamen über 80 Menschen ums Leben. Gestern hat uns nur eine stabile Tür vor dem möglicherweise schlimmsten Anschlag auf Juden und Jüdinnen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg geschützt. Das ist ein großes Glück. Wir sollten nicht ein weiteres Mal darauf vertrauen.

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Sachsen-Anhalt: Tödliche Schüsse in Halle

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Es ist klar, wie es jetzt weitergeht: die Sicherheit vor den Synagogen wird verstärkt werden, wie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle (Saale), Max Privorozki, gefordert hat. Die Juden werden damit einmal mehr so behandelt, als seien sie wertvolles Porzellan, das in Deutschland besonderer Pflege bedarf, ich kenne das. Meine gesamte Kindheit und Jugend über ging ich auf eine Schule mit Sicherheitszaun und Wärmekamera. Das war normal für mich und meine Freunde und Freundinnen. Obwohl das als Zustand natürlich überhaupt nicht in Ordnung ist. Nach Halle wird es unvermeidbar sein, noch mehr Kameras zu installieren, Gebäudeschutz zu beauftragen und bessere Sicherheitstüren in die Synagogen und jüdische Schulen zu bauen. Mir fällt ja auch nichts Besseres ein.

Aber was ist das für ein Zustand?

In einem Statement kurz nach dem Angriff sprach die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer von einem "Alarmzeichen". Aber das ist kein Alarm, das ist die Katastrophe. Alarmzeichen waren es, als halbe Schweinehälften vor die Synagogen geschmissen wurden, Menschen auf der Straße angepöbelt oder ein Politiker von einem Vogelschiss sprach. Das hier ist der Sturm, vor dem wir euch gewarnt haben. Und wir, das sind die, die seit Jahren die Gefahr rechter Angriffe unterstreichen, die den NSU, die Ermordung von Walter Lübcke, den Aufstieg der AfD, die Hetzjagd von Chemnitz und die brennenden Asylunterkünfte als Zeichen deuteten.

An dieser Stelle zeigt sich einmal mehr diese deutscheste aller Weigerungen, anzuerkennen, dass es sich bei rechten Morden wie denen in Halle zwar um den Angriff eines einzelnen Mannes handeln mag, aber nicht um einen Einzeltäter. Allein, weil der Terrorist eine Helmkamera trug, den Anschlag also für ein reales Publikum ins Internet übermittelte. Nazismus und Hass auf Andere, der mühelos den Schritt vom Wahlkreuz zur Vernichtung geht, gehört zu diesem Land. Anderes lässt sich aus der Geschichte bis heute - bis Halle - schwerlich lernen.

Es ist keine Option, Nazis zu umwerben

Das Video der Helmkamera des deutschen Attentäters von Halle zeigt, wie der Mann mehrfach über "Juden" und "Kanaken" schimpft und zwei Leute erschießt, einen davon in einem Dönerladen. Bin ich der einzige, der dabei an den NSU denkt, an die jahrelang unerkannt gebliebenen neonazistischen Morde an Migranten? Wir sollten uns noch einmal vor Augen führen, was ein Rechtsextremer hier in aller Deutlichkeit demonstriert hat: Die neu-alten Rassisten meinen auch Juden. Wer ein Deutschland ohne Kanaken oder Muslime will, will auch eins ohne Juden.

An dieser Einsicht müssen die politischen Strategien und Bündnisse nun ausgerichtet werden. Halle hat sichtbar gemacht, dass die neue Rechte, deren deutlichstes Symptom die AfD ist, eine Bedrohung für alle Menschen darstellt, die nicht ihrer Vorstellung von Deutschtum entspricht. Das kommt nicht von ungefähr, sondern es hat lange Tradition in Deutschland. Aber mindestens so lang ist die Tradition dagegen. Auch das sehe ich in den Reaktionen auf Halle.

Video: Halle am Tag danach

SPIEGEL ONLINE

Es ist keine Option, den Nazis und Völkischen nun einfach das Feld zu überlassen, weil sie gewaltvoller sind. Es ist auch keine Option, sie zu umwerben und zu verharmlosen und dann jedes Mal wieder überrascht zu sein, wenn sie schießen. "Wenn sie in ihren Sälen hetzen, / sagt: "Ja und Amen - aber gern! / Hier habt ihr mich - schlagt mich in Fetzen!" / Und prügeln sie, so lobt den Herrn." - Kurt Tucholsky hat in seinem Gedicht "Rosen auf den Weg gestreut" schon alles gesagt, was dazu zu sagen ist.

Die Reaktion auf Halle muss selbstverständlich mehr sein als Betroffenheit. Sie braucht konkrete Vorstellungen davon, was sich verändern muss, damit sich so etwas nicht wiederholt. Das manifestiert sich auch in einer Einsicht, die unter ostdeutschen Juden und Jüdinnen vielleicht verbreiteter gewesen ist als unter westdeutschen: Dass es nach der Shoah nicht genügt, ein paar Sicherheitskameras und dicke Türen bereitzustellen, damit die Dinge sich nicht wiederholen. Sondern, dass es einer anderen Gesellschaft bedarf.

Die Einsicht, dass Antifaschismus und Antirassismus Teil sein muss der Staatsräson nach 1945, dass also links und rechts keineswegs gleich weit entfernt sind von der bürgerlichen, post-nationalsozialistischen Mitte, ist heute nicht die herrschende politischen Einstellung. Sie sollte es aber sein.

Denn wenn dieses Land 2019 nicht auf einem antifaschistischen Konsens basiert - dann weiß ich auch nicht, worauf.

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