Anwaltsserie "Shark" Haifisch mit Beißhemmung

Anwälte gehören zum Serienfernsehen wie Ärzte und Cops. Mit dem brillanten James Woods als Shark tritt jetzt ein neuer Typus des Advokaten auf den Plan: der Zyniker, der erst die Seiten und dann die Moral wechselt. Ein Projekt mit Tücken.

So sieht also ein Haifischbecken aus: James Woods (vorne) als Shark und seine bissigen Helfer
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So sieht also ein Haifischbecken aus: James Woods (vorne) als Shark und seine bissigen Helfer

Von Daniel Haas


Wenn er in seinem Maserati durch Los Angeles braust und Mackie Messers legendäre Zeilen singt, dann weiß man natürlich schon, was Sache ist: dieser Haifisch, der hat Zähne. Shark, so der Spitzname von Sebastian Stark, ist der schärfste, erfolgreichste Rechtsverdreher der Westküste.

Man kennt solche Typen aus zahllosen Courtroom-Dramen und Gerichtsserien. Zuletzt trat der moralisch zwielichtige, fachlich stets brillante Anwaltsdandy in Gestalt von James Spader in Erscheinung. Der amüsierte und verwirrte in "Boston Legal" mit süffisanten Plädoyers, begleitet von William Shatner ("Raumschiff Enterprise") in der Rolle des tattrig-erotomanen Staranwalts Denny Crane.

Stark ist tatsächlich die Raubtierversion dieser beiden Juraclowns. "Ich fresse Staatsanwälte zum Frühstück", sagt er gleich im Pilotfilm, um anschließend einen notorischen Frauenprügler vor dem Gefängnis zu bewahren. Weil man nicht den x-ten Aufguss des Prinzips "Cooler Anwalt besiegt ignorante Staatsanwälte in schlecht sitzenden Anzügen" präsentieren konnte, muss Stark die Seiten wechseln: Nachdem sein Mandant kurz nach dem Freispruch seine Frau ermordet, stürzt der Advokat in eine Depression.

Gemein und gut

Die Rettung und Chance auf ethische Generalüberholung: das Angebot des Bürgermeisters, als stellvertretender Bezirksstaatsanwalt den Bösen böse einzuheizen. Eine hübsche Prämisse, sie funktioniert schon deshalb, weil James Woods die Hauptrolle spielt. Der auf Schurkenrollen abonnierte Darsteller ("Es war einmal in Amerika") gibt den Hai als Jäger, der sich so lange in die Fakten verbeißt, bis der Fall gewonnen ist.

Weil Serien letztlich immer als Familienromane funktionieren, hat auch Stark eine Entourage: vier Junganwälte, die der Hai zu Piranhas des Ermittlungswesens drillt. Und eine 16-jährige Tochter (Danielle Panabaker), durch die sich die moralisch-gesellschaftlichen Konflikte ins Private verlängern lassen. So wird Stark selbst zum Fall: Als tendenziell asozialer Gerichtsartist verschaffen ihm seine Schützlinge eine späte Erziehung des Herzens.

Dies könnte der Serie zum Verhängnis werden: Der Fiesling darf nur bis zu einem gewissen Grad domestiziert werden; am besten sogar, er bleibt resistent gegen moralische Begradigungen des Charakters. Bei den Arztserien, dem Bruderformat der Anwaltsreihe, kann man das sehr gut beobachten: In der Romanzenanstalt von "Grey's Anatomy" war nach vier Staffeln nur noch die zwanghaft ehrgeizige Assistenzärztin Christina (Sandra Oh) zu ertragen, alle andern versanken in Selbstmitleid und Therapiegefasel. Dr. House (Hugh Laurie), der tablettensüchtige Superdiagnostiker, wird hingegen von Staffel zu Staffel fieser. Die Folge: steigende Quoten, Emmys und ein sicherer Platz im Serienolymp.

Hai mit Beißhemmung?

Dass Stark bereits in der vierten Folge einen dubiosen Ex-Kollegen anblafft, sein Spitzname Shark gelte nicht mehr, ist ein schlechtes Omen: Das Gerichtsfernsehen kann einen Hai gut gebrauchen, wer Goldfische mag, muss sich "Ally McBeal" anschauen.

Auch der Vorwurf von Starks Tochter, er habe sich nicht geändert, sondern nur die Seiten gewechselt, verheißt nichts Gutes. Am Ende der ersten Staffel steht womöglich ein liebender Familienvater, der Biss mit zynischen Kommentaren verwechselt.

Schließlich ist der Fiesling, der Freak, der Spinner - das gehört zum Stilprinzip guter Serien - immer auch ein Darling. Das nervige Kleinstadtfaktotum (Kirk in den "Gilmore Girls"), der großmäulige Vampirpunk (Spike in "Buffy, die Vampirjägerin"), der sexistische Angeber (Fish in "Ally McBeal"): Sie haben sich zu Kultfiguren des Serienfernsehens gemausert; neben den strahlenden Helden glänzen sie mit Ambivalenz und Mut zur Inkorrektheit. Spätestens seit Larry David in der Comedy "Curb your Enthusiasm" als intellektuelles Ekelpaket seine Umwelt malträtiert, ist das Asoziale endgültig im Fernsehen salonfähig geworden.

Ob Stark/Shark das Zeug hat, sich gegen Integritätszwänge zu wehren? In seiner Luxusvilla jedenfalls hat er zwecks Prozessvorbereitung einen kompletten Gerichtssaal nachbauen lassen. "Die kommt aus der O.-J.-Simpson-Verhandlung", sagt er und zeigt auf eine Lampe. Wie fies muss man sein, um so eine Requisite schick zu finden? Wir werden sehen.


"Shark", ab heute immer montags, 21.05 Uhr, Vox



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