Arabische Humor-Konferenz Bin lachen

Eine Berliner Konferenz über "Humor in der arabischen Kultur" will das westliche Klischee vom spaßfeindlichen Islam korrigieren - und tanzt schön akademisch um den heißen Brei herum.

Von Malte Herwig


Kennen Sie den? "Muslime sind auf der ganzen Welt für ihren Humor bekannt". Mit diesem Spruch buhlte im Frühjahr die kanadische Islam-Sitcom "Little Mosque on the Prairie" um Zuschauer – und erreichte beachtliche Einschaltquoten mit harmlosen Ramadan-Scherzen und Witzen über rigide Imame in einer kleinen kanadischen Provinzgemeinde.

In Zeiten des Terrors prägen miesepetrige Mullahs und asketische Fanatiker das Islambild im blödelgewohnten Westen. Burkas und Blondinenwitze, weiß man mittlerweile, das kann nicht gut gehen, seit im Westjordanland Koran und Kalaschnikow gleichzeitig geschwenkt werden, wenn der Imam die Sittlichkeit gefährdet sieht. Von Mohammed ganz zu schweigen. Seit dem Streit um die dänischen Propheten-Karikaturen gilt der Weltwinkel zwischen Ankara, Teheran und Islamabad als No-go-area für Satiriker.

Doch schon Aristoteles wusste: Das Geheimnis des Humors ist die Überraschung. Daher haben die Organisatoren der Konferenz über "Humor in der arabischen Kultur" schon gewonnen, die von Donnerstag bis Samstag an der Freien Universität Berlin stattfindet. Denn die behaupten: Es darf gelacht werden im Islam.

Allerdings nähert man sich dem Thema eher in einem Eiertanz, also wissenschaftlich. Vortragsthemen sind der "schariarechtlichen Erörterung des Scherzens" und den "provokativen Grenzbereichen im arabischen Witz" gewidmet.

Humor, hoch umzäunt

Und das ist gut so. Es wird eine Art Heiligendamm-Gipfel der Humorforschung angeboten, akademisch hoch umzäunt. Gleichzeitig tobt in Köln ein Streit darüber, ob die Nachbarschaft zwei hohe Minarette einer geplanten Moschee ertragen kann.

"Die arabische Welt ist keineswegs humorlos", sagt der Göttinger Islamwissenschaftler Ulrich Marzolph. "Wie auch? Humor ist schließlich ein menschliches Grundbedürfnis."

Marzolph, Tagungsteilnehmer, ist Erzählforscher. Außerdem ist er Autor eines Standardwerks über den klassischen arabischen Humor im 9. bis 13. Jahrhundert. Wahrscheinlich kennt keiner mehr mittelalterliche Witze, und keiner kann sie besser erzählen.

Gott und Mohammed seien als Witzfiguren zwar tabu, sagt Marzolph, aber über den Koran konnten die alten Araber durchaus ulken – und derartige Fragen sollen auf der Konferenz ein für allemal geklärt werden. Von einem generellen Lachverbot im Islam, wie es strenge Imame verkündet haben, könne keine Rede sein. Der Prophet selbst soll ein feinsinniger Scherzbold gewesen sein: "Der Überlieferung nach lachte Mohammed selbst gelegentlich so intensiv, dass seine Backenzähne sichtbar wurden".

Blödeleien über Beter

Recht derb ging es beim iranischen Autor al-Abi (gestorben 1030) zu. In seiner siebenbändigen Anekdotensammlung wimmelt es von Zoten, Schwulenwitzen, Blödeleien über Beduinen und besonders eifrige Beter. Lauten und leisen Furzen widmete der Chronist des levantinischen Latrinenhumors ein eigenes Kapitel. Marzolph: "Da gibt es keinerlei Gürtellinie".

Das Mittelalter war die goldene Zeit des arabischen Witzes. Nur die Chinesen hatten mehr humoristische Kurzprosa, sagt Marzolph. Um Chinesenwitze allerdings herrscht derzeit eher Ruhe – was aber ist aus der islamischen Witzweltmeisterei geworden? Muss denn jede Mohammed-Karikatur mit einer brennenden Botschaft beantwortet werden?

Die Humorproduktion im Orient wird durch politische Restriktionen zusätzlich erschwert. Im iranischen Pressegesetz heißt es in Artikel 4, Absatz 6, Ziffer 8: Verboten sind "Verleumdung der staatlichen Institutionen, Organe und jeglicher Amtsträger sowie Beleidigung natürlicher oder rechtlicher Personen, die nach den religiösen Gesetzen Achtung genießen". Ahmadinedschad-Witze sollten danach besser unterbleiben.

Der Witz ist mittlerweile in den Untergrund gegangen, doch selbst das World Wide Web wird durchkämmt von religiösen Spaßfeinden. Auf der Website islamisforyou.com ermahnen Internet-Imame die Gläubigen: Scherzen erleichtere zwar die Seele, aber "wer zu viel lacht oder Witze reißt, verliert Respekt". Ein bisschen Spaß muss sein, aber nicht zu viel!

Kuhglocken oder Komik

Seit Freud wissen wir, dass der Witz vom Tabubruch lebt. Deshalb haben gerade autoritäre Regime die schärfsten Satiriker und bissigsten Spötter hervorgebracht, während die Schweizer eher für Käse und Kuhglocken bekannt sind. Politische Witze also kämpfen im Mullah-Regime und den Autokratien der arabischen Welt an vorderster Front, und ihre Urheber riskieren Leib und Leben.

Leichter haben es Allahs Komiker eben doch im Westen, wie die Comedy-Truppe um den US-Muslim Azhar Usman mit ihrem Kabarettprogramm "Allah Made Me Funny" zeigt. Darin veräppelt Usman – Künstlername "Bin Laughin’" – reaktionäre Glaubensbrüder ebenso wie westliche Vorurteile über Araber in der Welt nach 9/11.

Einer von Usmans Standardwitzen: "In Amerika hassen mich die Leute, weil ich Muslim bin. Im Ausland ist es schön, mal nur dafür gehasst zu werden, dass ich Amerikaner bin".

Der Witz, gesteht Usman, komme so gut wie überall an, außerhalb der USA.



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