Arabischer News-Kanal "Warum sollte al-Dschasira anti-amerikanisch sein?"

Der internationale Ableger des arabischen Senders al-Dschasira ist erst seit fünf Monaten auf Sendung. Dennoch hat es seitdem geschafft, den weltweiten Nachrichtenmarkt zu beeinflussen, sagt der US-Medienexperte Mohammed el-Nawawy im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE: Herr Nawawy, seit fünf Monaten sendet al-Dschasira auch auf Englisch. Macht es einen Unterschied, ob ich al-Dschasira International oder CNN kucke?

Nawawy: Ja, ganz bestimmt. Viele Menschen fragen: Wozu brauchen wir noch einen englischsprachigen Nachrichtensender, wir haben doch schon CNN. Aber ich glaube, es gibt wirkliche Unterschiede. Al-Dschasira International ist der erste nicht-westlichte Nachrichtensender, der die westlichen Stationen und ihre Kontrolle über den Nachrichtenfluss herausfordert. Der Sender bietet eine frische Perspektive auf internationale Themen. Der Nachrichtenfluss hat sich in gewisser Weise sogar umgekehrt: Statt dass die Informationen aus dem Westen kommen und an den Rest der Welt gesendet werden, hat al-Dschasira International eine Plattform geschaffen, von der aus sie Menschen in anderen Teilen der Welt ansprechen können. Das ist auch der Anspruch des Senders: Wir geben denen eine Stimme, die keine haben.

SPIEGEL ONLINE: Nigel Parsons, der Manager von al-Dschasira International, hat einen "entschieden anderen Ton als bei den etablierten westlichen Sendern" versprochen. Zu Recht?

Nawawy: Ja. Zum Beispiel deckt der Sender Teile der Welt ab, die von den westlichen Medien traditionell vernachlässigt wurden, nicht einmal unbedingt in der arabischen oder muslimischen Welt, sondern zum Beispiel in Lateinamerika oder Afrika. Außerdem setzt al-Dschasira International nicht so sehr auf Schlagzeilen-Journalismus, sondern hat die Anzahl der Beiträge zugunsten von mehr Hintergrundstücken reduziert. Westliche Nachrichtensender setzen mehr auf O-Ton-Journalismus.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht al-Dschasira International mit den heißen Themen um? Wie bezeichnt der Sender zum Beispiel Selbstmordattentäter.

Nawawy: Was al-Dschasira International macht, unterstützt meine These der "Kontextobjektivtät", nach der ein Sender genau auf sein Zielpublikum achtet. Al-Dschasira International zum Beispiel spricht im Kontext des palästinensisch-israelischen Konfliktes nicht von "Märtyrern", sondern von Selbstmordattentätern. Der Sender versteht, dass er auch nicht-arabisches Publikum ansprechen muss.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt also Unterschiede zwischen al-Dschasira International und dem arabischen Original?

Nawawy: O ja! Es ist zwar dieselbe Firma, aber es sind zwei völlig unterschiedliche Redaktionen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sagen, dass al-Dschasira Qualitätsjournalismus bietet? Oder gibt es da Probleme?

Nawawy: Es gibt immer Qualitätsprobleme, so wie es auch keinen perfekten Sender gibt. Aber das Schöne an al-Dschasira ist die Kultur der Selbstreflexion: Bevor jemand anders es tut, kritisiert al-Dschasira sich selbst. Ich würde sagen, die Schwachstellen sind derzeit vielleicht am ehesten, dass bestimmte Regionen außer Acht gelassen werden und dass sie die eine oder andere Dokumentation zu viel zeigen. Aber sie sind auch erst fünf Monate auf Sendung. Für ein endgültiges Urteil muss man noch ein bisschen warten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bei al-Dschasira International auch religiöse Programme wie bei dem arabischen Original?

Nawawy: Kürzlich gab es eine Dokumentation über Frauen bei der Hisbollah. Aber auch der arabische Kanal hat ja eigentlich nur ein wirklich religiöses Programm, "Scharia und Leben".

SPIEGEL ONLINE: Einige Beobachter finden, dass al-Dschasira International anti-amerikanischer sei als das Original. Stimmt das?

Nawawy: Ich glaube nicht. Das Problem beginnt damit, dass die US-Regierung, insbesondere nach dem 11. September 2001, al-Dschasira sehr negativ dargestellt hat. Die Menschen müssen aber verstehen, dass ein Sender nicht unbedingt antiamerikanisch ist, nur weil er nicht amerikanisch ist. Warum sollte al-Dschasira antiamerikanisch sein? Es gibt im nahen Osten sehr antiamerikanische Sender, zum Beispiel den Hisbollah-nahen Sender al-Manar. Aber hat al-Manar so viel Erfolg wie al-Dschasira? Nein! Auch al-Dschasira International ist nicht sonderlich anti-amerikanisch.

SPIEGEL ONLINE: Al-Dschasira wurde in der Vergangenheit oft als Qaida-Sprachrohr beschimpft, weil der Sender Reden von Osama Bin Laden veröffentlichte. Wie geht al-Dschasira International mit diesem Thema um?

Nawawy: Ihre Berichterstattung ist umfassender. Sie legen nicht solch einen Schwerpunkt auf dieses Thema wie der arabische al-Dschasira-Kanal.

SPIEGEL ONLINE: Wie ergeht es den prominenten westlichen Journalisten, die al-Dschasira International eingestellt hat, zum Beispiel dem ehemaligen BBC-Korrespondenten Rageh Omar und dem früheren CNN-Moderator Riz Khan?

Nawawy: Ich glaube, das war ein kluger Schritt von al-Dschasira International. Zunmächst war ich skeptisch. Aber auf diese Weise haben sie letztlich mehr Ausgewogenheit erreicht. Sie müssen außerdem ja auch die westliche Mentalität ansprechen. Und deshalb macht es Sinn, dass wohlbekannte Gesichter westlicher Journalisten zu sehen sind: Denen hört man zu. Al-Dschasira International gewinnt so an Glaubwürdigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, al-Dschasira International habe mittlerweile ein beachtliches Publikum in Europa, Australien, Teilen Asiens und sogar in Israel gewinnen können. Aber in den USA gibt es keinen großen Satelliten- oder Kabelanbieter, der den Sender führt. Wieso?

Nawawy: Viele Anbieter wollen ihre Kunden nicht vor den Kopf stoßen. Sie wollen nicht als der Anbieter gebrandmarkt werden, der "den Terrorsender" im Angebot hat. Das ist engstirnig. Die Menschen haben ein Recht darauf, unterschiedlichen Perspektiven ausgesetzt zu werden. Als ich letztes Semester ein Seminar über Medien im Nahen Osten abhielt, das ließ ich meine Studenten auch al-Dschasira schauen. Viele haben es dann abonniert, weil sie es interessant fanden.

Das Interview führte Yassin Musharbash

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