Tier und Mensch in der Kunst Alles für die Katz

Streicheln verboten. Kuscheln auch. "Oh, wie süß?" Fehlanzeige. Die Dortmunder Ausstellung "Arche Noah" spielt mit den Perspektiven der Mensch-Tier-Beziehung, 14 Kreuzwegstationen und Ost-Berliner Schlachthof inklusive.

Von Vivien Timmler


Vielleicht schläft es ja nur, das Gewohnheitstier. Vielleicht ruht er sich ja nur kurz aus, der Hase. Und vielleicht - nein, das Hähnchen da oben am Kreuz ist definitiv tot. Genau wie die anderen beiden auch. Der Unterschied: Das Hähnchen ist von Menschenhand gestorben. Von Menschenhand, als Massenware. Und trotzdem ist es nicht die Kritik an der modernen Tierhaltung, die Deborah Sengls Werk "Via Dolorosa" ausmacht. Es ist die Art, wie sie diese inszeniert, nämlich als Kreuzweg, in 14 Stationen.

Für Sengl scheint der Weg des Tieres ein Leidensweg zu sein. Aber welche Rolle spielt der Mensch darauf? Begleitet er das Tier? Vermag er es am Ende zu retten? Oder wer rettet hier eigentlich wen? Solche Fragen stellt die umfangreiche Schau "Arche Noah" im Dortmunder Museum Ostwall.

Im "Großen Zoologischen Garten" (1912) von August Macke ist die Welt noch in Ordnung. In scheinbar völligem Einklang leben Mensch und Tier zusammen, begegnen sich in inniger Vertrautheit, nichts scheint den Moment zerstören zu können. Für andere Künstler ist dies eine Utopie.

Nur wenige Meter weiter zieht in einer Video-Installation von Donatella Landi ein eingepferchter Bär seine ausweglosen Kreise. Anna Jermolaewa bringt die letzten Minuten eines spanischen Stierkampfes auf den Bildschirm - doch das Video läuft rückwärts, und das Tier liegt schon zu Beginn in seiner eigenen Blutlache. Und Tue Greenfort (mit gleich drei zeitgenössischen Werken in der Ausstellung vertreten) stellt in seinem "Knut-Protokoll" auf Floatglasscheiben die menschliche Besessenheit zu herrschen zur Schau.

Raupen entpuppen sich als Künstler

800 Kilo schwer ist das schwarze Boot, das Büffel, Zebra, Bär und Löwe zu stemmen haben. Untragbar scheint die Last, die dort "Auf dem Rücken der Tiere" ruht. Und genau so wollte es Christiane Möbus, die mit ihrem an die Arche Noah angelehnten Werk der Ausstellung ihren Namen gegeben hat: Sie spielt mit der biblischen Geschichte, inszeniert die Arche als Schicksal, das die Tiere selbst zu tragen haben - und das sie tragen. Souverän. Ein Mensch oder ein Gott, der ihnen zu Hilfe eilt? Nicht nötig, nein danke.

Nur wenige Gramm wiegen dagegen die Werke der Künstlerin Joos van de Plas. Bei ihr ist das Tier nicht auf sich allein gestellt - sie entdeckt das Tier als "Mitarbeiter" in der künstlerischen Produktion. So gibt sie Raupen nicht nur Zweige und Blätter als Nahrung, sondern lässt ihnen auch Baumaterial wie bunte Pappe, Federn und Kunststoffteilchen zukommen. Diese verwenden die Raupen intuitiv für ihre Puppen, die ihnen zum Schutz bei ihrer Entwicklung zum Schmetterling dienen. Die leeren Puppen - auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar - nehmen schließlich die Gestalt eines filigranen Kunstwerkes an, entstanden aus der Interaktion von Mensch und Tier. Ein kleines Wunder der Natur.

Heftige blutrote Orgie

Das Gegenteil von Interaktion erwartet den Besucher im angrenzenden Raum. Der Name "Schlachthaus Berlin" lässt vermuten, was Jörg Knoefel dort hinter den meterhohen Blechplatten verborgen haben mag. Unregelmäßig säumen Schwarzweiß-Fotos anfangs den labyrinthartigen Weg, die Blutspritzer auf Kleidung und Wänden sind nur zu erahnen. Sobald klar ist, dass man hier ein Tier auf dem Weg zu seiner Hinrichtung begleitet, stellt sich ein mulmiges Gefühl ein.

Das Ganze gipfelt in einer kurzen, aber heftigen blutroten Orgie am Ende des Labyrinths - doch während die Leidensgeschichte des Tieres hier vorbei ist, muss der Besucher wieder zurück, vorbei an eben den Fotos, die er gerade schon einmal sah. Erst beim Umkehren wird so die Dimension der Grausamkeit dieses Schlachthauses wirklich greifbar. Immerhin gibt es einen Weg zurück; das Tier hatte diesen nicht.

Und trotzdem: Mit Tierschutz hat die Ausstellung nur im Entferntesten etwas zu tun. Vielmehr lehrt sie uns etwas über unsere Blickwinkel. Wie hierarchisch wir über das Tier versuchen zu bestimmen, wird erst deutlich, wenn wir uns in dieses hineinversetzen. Wenn wir in die Knie gehen und "Face to Face" (Künstler: Hung-Chih Peng) den Standpunkt des Hundes einnehmen. Hautnah dabei sind, wenn er sich hechelnd einen Kampf mit anderen Straßenhunden liefert. Wenn er von oben herab behandelt wird, als sei er ein lästiges Insekt. Wenn wir bemerken, dass wir uns einerseits mit riesigen Tierköpfen auf Augenhöhe solidarisieren, während überdimensionale Tierzeichnungen bedrohlich über unseren Köpfen hängen.

Erst dann merken wir: Das Tier als solches ist ganz schön klein. Wir aber auch.


Ausstellungsangaben:
Arche Noah. Über Tier und Mensch in der Kunst." Museum Ostwall Dortmund, bis 12. April 2015.
Ausstellung für Tiere. Vorplatz Museum Ostwall Dortmund, 18. März bis 19. April 2015.



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Alex G 24.03.2015
1. Ausstellung nichts für Kinder
Wir haben vor einem Monat den Fehler gemacht mit unseren Kindern die Ausstellung und noch das Kunstmuseum anzuschauen. Wir waren fast die einzigen, die sich in dem riesigen Dortmunder U aufhielten. Wenn die Kinder etwas berühren wollten, so wurde man gleich zurechtgewiesen. Dieses Gebäude ist ein riesiges Subventionsgrab. Das beste war, dass man die Karten noch für den richtigen Zoo verwenden kann. Auch die aktuelle Ausstellung in der DASA ist meilenweit besser.
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