Architekt Wladimir Ossipoff Hawaii-Träume aus Beton

Bauten mit magischen Geheimnissen: Der russische Architekt Wladimir Ossipoff hat auf Hawaii an die 600 tropische Wohnträume und naturnahe Zweckbauten realisiert - und ist heute fast vergessen. Doch nun feiert das Deutsche Architekturmuseum seine Wiederentdeckung mit einer fulminanten Ausstellung.


Kalte Füße, kalter Wind, kalte Blicke - wen es in unseren Breiten allzu kühl anweht, der träumt sich weg in tropische Gefilde. Und dem, der sich die bauliche Szenerie seiner Tagträume bislang nur mit Palme, Sonnenliege und Bambushütte auszumalen wusste, dem sei Ossipoff empfohlen: Wladimir Ossipoff, geboren 1907 im russischen Wladiwostok, aufgewachsen in Tokio und Kalifornien und ab 1931 auf Hawaii lebend, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1998 an die 600 Bauprojekte entwarf und ausführte.

Ossipoff baute zwar auch Bürogebäude, Kirchen, Clubs, Schulen und Krankenhäuser, aber vor allem gelangen ihm tropische Wohnträume. Seine eleganten Privathäuser wie das Goodsill oder das Liljestrand House könnten gut Schauplatz glamouröser Filmszenen sein, in denen Frauen in fließenden Seidenkleidern traumverloren in die tropische Sternennacht hinausschauen, dort lehnend, wo Innen- und Außenraum fließend miteinander verwoben sind. Mit derartigen baulichen Schmuckstücken war Ossipoff jahrzehntelang der einflussreichste Architekt auf Hawaii. Er baute mit an dem, was man als "tropische Moderne" bezeichnen könnte, und doch kennen ihn heute bei uns nur die Experten.

Das könnte sich ändern. Eine umfassende Ossipoff-Ausstellung gastiert nach Stationen in Honolulu und den USA jetzt im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. Und Dean Sakamoto, Kurator der Schau und selbst gebürtiger Hawaiianer, weiß seine Begeisterung zu vermitteln: "Wenn man in einem Gebäude von Ossipoff ist, fühlt man ein magisches Geheimnis. Alles mutet so richtig an, das Verhältnis von Drinnen und Draußen, von Schatten und Licht, und alle Wege zum Haus und alle Bewegungen in ihm ergeben sich vollkommen natürlich."

Schon durch seine Herkunft hatte Ossipoff europäische, asiatische, amerikanische und pazifische Einflüsse in sich aufgenommen. Entsprechend ist auch seine Architektur ein synthetisierendes Projekt. So gestaltete er etwa den Hauptterminal des Honolulu International Airport als offene Halle. Sie kommt ohne Türen aus, während sie die ständig wehenden Passatwinde zur Klimatisierung nutzt. Hier, wie auch in vielen seiner anderen Bauten, lehnt sich der Entwurf an die Gestalt des inseltypischen Lanai an: einen wandlosen, nach allen Seiten hin offenen Bau, der mit einem Dach aus Stroh oder getrockneten Blättern gedeckt ist.

Schon durch seine Kindheit in Tokio hatte der Architekt ein besonderes Verhältnis zur japanischen Ästhetik und ihrem Prinzip des Shibui, der Vorstellung von einer einfachen, subtilen und unaufdringlichen Schönheit. Dem Shibui entsprechend erzeugte Ossipoff mit minimalen Mitteln Wohnlichkeit - etwa mit Schatten und Zonen von Dunkelheit. Und oft ließ er die Bauten dem natürlichen Verlauf eines unebenen Geländes folgen, statt den Grund zu begradigen und ihm die Architektur aufzuzwingen. Dazu orientierte er ihre Ausrichtung sensibel an den Windrichtungen und der Sonneneinstrahlung, um möglichst ohne Klimaanlage auszukommen.

Barack Obama im Himmel auf Erden

Oft integrierte er einheimische Baumaterialien, etwa Hölzer mit klingenden Namen wie ko'a und ohi'a. Oder er verwendete Sandstein von der Küste, reicherte Betonwände mit lokalem Vulkansgestein an und nutzte ungeglättete Baumstämme als tragende Elemente. So arbeitete er einer anderen, gewissermaßen glokalen Moderne zu, die nicht kühl Prinzipien exerziert, sondern sensibel auf die Natur, auf menschliche Bedürfnisse und lokale Besonderheiten reagiert.

Ossipoff war temperamentvoll, manchmal ruppig, oft amüsant. Er kochte gut, unternahm gern Picknickausflüge und tanzte schon mal, nur mit Hüfttuch bekleidet, zwischen noch leichter geschürzten Hawaiianerinnen. Vor allem aber war er ein Pragmatiker, der jedes Theoretisieren über Architektur ablehnte und auch Einflüsse durch Kollegen nicht zugab. Trotzdem fühlt man sich bei vielen seiner Häuser an die Entwürfe von Frank Lloyd Wright erinnert. Und oft ist die Nähe zu den experimentellen Bauten der berühmten Case Study Houses, die in den Nachkriegsjahren in Kalifornien neue Wohnformen erkundeten, nicht zu übersehen.

Ossipoffs Lebensweg war wiederholt von wichtigen Ereignissen der Weltgeschichte bestimmt. Das Ende des russisch-japanischen Krieges hatte seinen Vater als Militärattaché nach Tokio geführt, die Revolution von 1917 verhinderte die Rückkehr der Familie ins heimatliche Russland, und 1931 hatte die Weltwirtschaftskrise den angehenden Architekten dazu gebracht, sein Glück auf Hawaii zu suchen. So scheint es wie eine nette posthume Pointe, dass auch ein Mann, der heute die Weltpolitik entscheidend mitbestimmt, mit Ossipoffs Wirken in Verbindung steht: Barack Obama.

Der US-Präsident hat seine Highschool-Jahre an der Punahou Schule in Honolulu verbracht, für die Ossipoff Klassenräume und eine spektakuläre, in einen Quellteich hineinragende Kapelle gebaut hat. In seiner Autobiographie beschreibt Obama einen Gang über den Campus zusammen mit seinem Großvater. "Zum Teufel, Bar," habe damals der Opa zu ihm besagt, "das ist keine Schule, das ist der Himmel auf Erden!"


"Hawaii Moderne: Die Architektur von Vladimir Ossipoff", Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt, bis 14. Juni 2009



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