Architekten-Avantgarde Schlau auf dem Bau

Den norwegischen Architekten von Snøhetta gelingt es, teure Prestigegebäude einfach und zugleich raffiniert, avantgardistisch, aber volksnah zu bauen. Schönster Beweis: Oslos neues Opernhaus.

Von Dirk Meyhöfer


Könige, Präsidenten und Oberbürgermeister haben ein Herz für grandiose Opernhäuser. Sydney hat schon lange so eines unter den weltbekannten Schalendächern. Dem dänischen Königreich hat vor wenigen Jahren der reichste Mann im Staate und Besitzer der Maersk-Reederei, Arnold Mærsk Mc-Kinney Møller, einen gläsernen Musikkasten geschenkt. In Island plant man noch eifrig - und in Oslo weiht man diesen April ein. Allerdings ist das Haus, anders als man hätte befürchten können, kein Mahnmal elitärer Politiker-Eitelkeit sondern eine schmiegsame Schöne, die sich sanft aus dem Hafenbecken erhebt. Und sie ist eine Frau fürs Volk. Entworfen und gebaut haben den Opernpalast die Osloer Architekten von Snøhetta (etwa Schneekoppe), ein Büro benannt nach einem der höchsten Berge Norwegens. Das Team überzeugte die Wettbewerbsjury 2000 mit einem urdemokratischen Konzept: Die Stadt sollte dem Hafengebiet entrissen und an die Bürger zurückgeben werden, Kultur sollte sich breitmachen.

Snøhetta hat diesen Plan prächtig umgesetzt. 50.000 individuell geschnittene Marmorblöcke aus schneeweißem Carrara und Granit formen mal sanft geneigte, mal steile, aber immer begehbare Dächer. Mittendrin stakt ein gläserner Kubus heraus wie ein Eisberg. Das Dach über dem Zuschauerraum ist ein begehbarer, öffentlicher Platz. Der Zuschauerraum aus Eiche für 1300 Menschen ist nahezu intim.

Die Werkstätten öffnen sich zur Stadt und können von den Osloern eingesehen werden, die Büros reihen sich rund um einen lichten Innenhof, die Balletttänzer üben mit weitem Blick in den Fjord. Und: Das Opernhaus hat kein eigenes Parkhaus. Der Zugang von der Stadt erfolgt über eine provisorische Fußgängerbrücke - bis in wenigen Jahren die Stadtautobahn hier in einem Tunnel verschwinden und das Areal endgültig dem Fußvolk gehören wird.

Architektur und Landschaft statt Design-Schnickschnack

Das Büro Snøhetta ist eine der interessantesten internationalen Neuentdeckungen der letzten Jahre. In Deutschland ließen die Osloer erstmals 1998 mit der neuen norwegischen Botschaft am Berliner Tiergarten aufmerken. In den nächsten Jahren bauen die Osloer weltweit: Das WTC Cultural Museum am Ground Zero in Manhattan etwa, und das Ras Khaimah Convention Centre in Al Khamah; in Nachbarschaft zu einem neuen Stadtteil, für den Rem Koolhaas den Masterplan entwickelt hat.

Das Team um Thorson hat einen eigenwilligen Stil entwickelt, besonders was die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen betrifft. Damit sind nicht nur die Ingenieure und Landschaftsplaner, sondern vor allem Künstler gemeint. Wie bei ihrem Großprojekt der gläsernen Bibliothek in Alexandria von 2001, wirkte Olafur Eliasson, das isländische Enfant terrible der Kunstszene, mit an den Feinheiten der Dachlandschaft. Eliasson ist - wie Snøhetta - eine Art Grenzgänger. Er beschäftigt sich mit physikalischen Phänomenen wie Licht und Wasser, weltberühmt sind seine künstlichen Wasserfälle. Mit ihm hat Kjeil Thorsen 2007 auch den jährlichen Pavillon für die Serpentine Gallery im Londoner Hyde Park gestaltet.

"Vielleicht", sagt Snøhettas Prinzipal Thorson, "können wir hier in der norwegischen Ruhe vieles andenken, was anderswo schwierig ist". Was er damit meint, demonstriert vor allem jenes spektakuläre Dach: In Deutschland wäre es schon in der ersten Bauvorprüfung gestrichen worden. Trotzdem ist Thorsons Architekturbotschaft einfach: Architektur und Landschaft kreuzen, auf Design-Schnickschnack verzichten, stattdessen auf ingenieurmäßige Eindeutigkeit setzen. So wird die Oper nur durch drei Materialien dominiert: Marmor, Glas und Holz.

Die aberwitzige Summe von 42 Milliarden norwegischer Kronen (rund 500 Millionen Euro) hat das Norwegische Königreich in die Hand genommen. Es war dennoch gut beraten: Die Leute von Snøhetta haben ein Stück lebendiger Stadt gebaut. Alle, die demnächst Norwegens Hauptstadt Oslo per Schiff erreichen, werden nicht nur von den Backsteindoppeltürmen des Rathauses begrüßt, sondern von einer künstlichen Schnee- und Eislandschaft; der vermutlich demokratischsten Oper der Welt, einer wahren Volksoper.



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