ARD-Günstling Jan Ullrich Radler kassiert, Sender laviert

Sechsstellige Jahreshonorare zahlte die ARD ihrem Sportsfreund Jan Ullrich. Wer aber warum das Geld bei dem Sender locker machte, will niemand genau wissen. Ignoranz macht das Rennen.

München – Zunächst schien es nur eine harmlose Interviewantwort zu sein. Die "Exklusivverträge" mit Jan Ullrich und Erik Zabel habe man bis zum Jahresende gekündigt, sagte ARD-Sportkoordinator Hagen Bossdorf Ende August im SPIEGEL. Aber wer genauer über diese Aussage nachdachte, kam um die Frage nicht herum: Wieso bekam er überhaupt Geld von dem Fernsehsender? Wer wusste von den Zahlungen? Und wofür wurde das Geld der Gebührenzahler ausgegeben?

Es geht um sechsstellige Summen, pro Jahr, seit 1999. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" zahlte der öffentlich-rechtliche Sender dem Radprofi am Ende jährlich 195.000 Euro. Das ergebe der letzte Vertrag, der auf den 1. Januar 2003 zurückdatiert ist. Als Gegenleistung musste Ullrich für exklusive Interviews und zwei bis drei ARD-Events im Jahr zur Verfügung stehen sowie Einblicke in sein Training gewähren. Leistungen, für die es nicht üblich ist, zu zahlen.

Laut "Süddeutsche Zeitung" will bei der ARD kaum jemand etwas von den "Mitwirkendenverträgen" gewusst haben. Sportkoordinator Boßdorf, der auch Ullrichs Biografie "Ganz oder gar nicht" schrieb, sagte jedoch, den Vertrag hätten zumindest die Sportchefs des Senders gekannt. Die aber erklärten, nicht mit der Sache in Verbindung gebracht werden zu wollen – und auch nie davon gehört zu haben. Der Intendant des Saarländischen Rundfunks, Fritz Raff, betonte, dass er den jüngsten Ullrich-Vertrag auch nicht gekannt habe. Der Saarländische Rundfunk unterzeichnete den ersten Vertag 1999.

Die schwammige Erklärung der ARD-Programmdirektion gegenüber SPIEGEL ONLINE: Man wisse zwar nichts Genaueres über die Abmachung und die Konditionen, es sei jedoch ein "vollkommen korrekter Vertrag" gewesen. Jan Ullrich sei schließlich nicht nur für Interviews bezahlt worden, der Sportler habe auch für Interviews sowie für Reportagen und das "Tagebuch der Tour de France" zur Verfügung gestanden. In anderen Sportarten habe es solche Verträge jedoch nicht gegeben. Es sei lediglich darum gegangen, den "sportlichen Helden" Ullrich im Programm besser zu präsentieren.

Dem "SZ"-Bericht zufolge musste das Geld vierteljährlich in einer Tranche von 48.750 Euro auf ein Schweizer Konto Ullrichs überwiesen werden. Ausdrücklich werde in der Abmachung darauf hingewiesen, dass in der Summe auch die Steuern enthalten seien, die der Radprofi in der Schweiz zu zahlen hatte. Aus den Vertragdetails gehe zudem hervor, dass Ullrich für einen Etappensieg bei der Tour de France zusätzlich 20.000 Euro von der ARD bekam.

Je besser er fuhr, umso mehr Geld floss auf sein Konto: Für einen Tour-Sieg waren noch einmal 65.000 Euro vereinbart. Für einen Erfolg bei der Deutschland-Tour standen Ullrich 40.000 Euro zu, ein Podestplatz brachte 20.000 Euro ein. Bei einem Nicht-Antreten bei den beiden Rundfahrten waren Abzüge von 40.000 Euro beziehungsweise 25.000 Euro fällig.

Als Ullrich 2002 das erste Mal unter Dopingverdacht geriet, setzte die ARD die Zahlungen an den Radsportler aus. In dem Vertrag gab es einen Passus, dass bei erwiesenem Doping der Kontrakt gekündigt wird. Das Geld erhielt Ullrich von der Rechteagentur Sport A, ein Gemeinschaftsunternehmen von ARD und ZDF. Doch beim ZDF scheint niemand etwas von diesem Vertrag zu wissen, sagte ein Sprecher gegenüber der "FAZ".

nkl/ddp

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.