Ferda Ataman

ARD-Journalistin mit Kopftuch Die falsche Strategie

Eine deutsche Journalistin verschleiert? Das geht nun wirklich nicht, finden manche Zuschauer. Die ARD reagiert prompt: Das Kopftuch sei gesetzlich vorgeschrieben. Was aber, wenn es freiwillig wäre?
Natalie Amiri

Natalie Amiri

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Foto: Thomas Lobenwein
Foto: Thomas Lobenwein

Ferda Ataman, Jahrgang 1979, ist Journalistin, Mitgründerin der "Neuen deutschen Medienmacher" und Sprecherin der "Neuen Deutschen Organisationen", einem Netzwerk von mehr als 100 Initiativen, die sich bundesweit für Vielfalt und gleichberechtigte Teilhabe einsetzen. Sie lebt in Berlin.

Natalie Amiri, Leiterin des ARD-Auslandsbüros in Teheran, berichtet derzeit viel über die Proteste in iranischen Großstädten, die gegen das Regime stattfinden. Sie ist eine von wenigen deutschen Journalisten, die vor Ort akkreditiert sind. Das pikante Detail: Die Korrespondentin trägt dabei ein Kopftuch, oder besser: ein schalähnliches Tuch, das auf dem Hinterkopf liegt und ein paar Strähnen freilässt. Der Aufschrei unter Zuschauern war offenbar so groß, dass sich die ARD genötigt sah, hier für "Aufklärung" zu sorgen.

Die Redaktion von tagesschau.de schickte Korrespondentin Amiri ein paar Fragen für ein Interview . "Viele Zuschauer möchten gerne wissen, warum Sie bei der Berichterstattung für die ARD ein Kopftuch tragen", so der Einstieg. "Es ist keine Frage der eigenen Entscheidung", rechtfertigt sich diese. Als ARD-Korrespondentin müsse sie sich an die Schleierpflicht in Iran halten. "Es gab schon öfter Vorschläge von Zuschauern, einen Mann als Korrespondenten zu schicken. Ich finde diesen Vorschlag weniger emanzipiert, als dass ich mich hier im Iran an das Gesetz halte und als Frau berichte."

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Noch einmal fürs Protokoll: Ein paar Zuschauer verlangen, eine Frau vom Dienst abzuziehen, um gegen die Unterdrückung der Frau vorzugehen. Das ist das perfide an der Debatte über das Kopftuch: dass sich hier oft antimuslimischer Rassismus mit Sexismus paart. Und ja: Eine Journalistin mit Kopftuch im deutschen Fernsehen abschaffen zu wollen, hat - gelinde gesagt - rassistische Züge. Allerdings ist die Irritation nicht verwunderlich: Mir ist keine muslimische Journalistin in einem öffentlich-rechtlichen Sender bekannt, die praktiziert und ihre Haare bedeckt. Es ist also erst mal gewöhnungsbedürftig, ganz bestimmt.

Widerspruch zwischen Deutschsein und Kopftuchtragen

Weil das Thema so ein herrlicher Aufreger ist, haben zahlreiche Onlinemedien wie "Süddeutsche" , "Focus" , "Stern"  die scheinbar wichtige Nachricht gemeldet: "Warum eine deutsche Reporterin Kopftuch trägt", so die Überschrift. Alles nicht freiwillig, bloß keine Sorge! Und sie zementieren dabei wie selbstverständlich einen vermeintlichen Widerspruch zwischen Deutschsein und Kopftuchtragen. Entweder - oder. Beides geht nicht.

Muslime werden als "nichtdeutsch" wahrgenommen. Das wird auch in der Gleichsetzung von "Migranten" und "Muslimen" deutlich. Manche Journalisten-Kollegen rufen Sprecher muslimischer Communitys an, wenn sie Fragen zu Migration haben. Oder Migrantenverbände, wenn sie Fragen zum Islam haben. Dabei sind viele Muslime gar keine Migranten. Und nur ein Bruchteil der Eingewanderten ist muslimisch - bei einem Muslimenanteil von knapp sechs Prozent in der gesamten Bevölkerung  eigentlich selbstverständlich.

Die Redaktion von tagesschau.de sieht nichts Verwerfliches in ihrem Vorgehen. Sie habe sich "nicht genötigt" gesehen, erklärt sie auf Anfrage. "Die Redaktion hat viele User-Fragen bekommen, warum die Kollegin ein Kopftuch trägt, und darauf geantwortet", teilt eine Sprecherin mit. Klingt harmlos. Ist es aber nicht.

Freiwillig oder unfreiwillig

Denn spannend ist doch die Frage: Was, wenn Natalie Amiri das Kopftuch freiwillig trüge?

Diese Antwort wäre offenbar keine Option. Das macht beispielsweise ihr Kollege Fritz Frey in einem Tweet deutlich. Der ARD-Journalist und SWR-Fernseh-Chefredakteur schrieb auf Twitter zu ihrem Interview: "Berechtigte Frage - gute Antwort." Der Artikel sei besonders lesenswert, weil "auf unaufgeregte Weise vermittelt wird, wie unsere Kollegin im Iran arbeitet".

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Aber wäre es nicht viel unaufgeregter, den Ressentiments der Zuschauer anders zu begegnen als mit Beschwichtigung?

Der Fall ist ein gutes Beispiel dafür, wie unkritisch die meisten Medien mit muslimenfeindlichen Kommentaren umgehen. Denn ob Amiri ihren Kopf aus religiösen Gründen bedeckt oder nicht - das geht die Zuschauer nichts an. Oder würde man auch ein Interview mit homosexuellen Kollegen zu ihrer sexuellen Orientierung führen, wenn die Zuschauer dazu "Fragen" haben? Oder zu ihrer ethnischen Herkunft, wenn die Kollegen eine dunkle Hautfarbe haben?

Ressentiments als sachliches Argument

"Viele Zuschauer möchten gerne wissen, warum Sie ein Kopftuch tragen." Die Frage ist nicht harmlos. Die Beunruhigung der Zuschauer beim Anblick eines Kopftuchs sollte uns zu denken geben und tatsächlich nicht ignoriert werden. Die Antwort darauf kann aber nicht sein, die Leute zu beruhigen, in dem man klarstellt, dass das Kopftuch da natürlich nicht hingehört, aber leider nicht anders machbar ist. Der Versuch, Ressentiments als sachliches Argument zu behandeln und sie nicht als solche zu benennen, ist der falsche Ansatz.

Denn es gibt nur zwei Möglichkeiten:

  • A) Die Journalistin trägt das Tuch auf dem Kopf freiwillig.
  • B) Die Journalistin trägt das Tuch, weil es vorgeschrieben und alternativlos ist.

Beides sollte kein Grund sein, sich zu rechtfertigen. Will man die vielen Zuschaueranfragen dazu thematisieren, hätte man das klarstellen müssen: Eine deutsche Journalistin könnte ein Kopftuch tragen.

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