Aristokraten-Treffen in Berlin Royal mit Käse

Wenn ein Graf über Könige schreibt, sind satirische Spitzen Ehrensache. Bei der Berliner Präsentation des neuen Buchs von Alexander von Schönburg durfte sich auch das Volk fürstlich amüsieren: Die Premiere geriet zu einer wirren Plauderei über die Zukunft der Monarchie.

Von Jenny Hoch


Spätestens, seitdem der Spiegelsaal des Schlosses von Versailles ein Museum ist und für die Festivitäten gekrönter Häupter nur noch in Ausnahmefällen zur Verfügung steht, stehen die Könige Europas vor großen Problemen: Nicht genug, dass sie völlig entmachtet wurden, sie werden noch dazu einfach nicht mehr ernst genommen. Stattdessen haben sie hauptberuflich die undankbare Rolle der Volks-Entertainer übernommen.

Man denke etwa an Prinz Harry, der sich im Nazi-Kostüm die Kante gab, an Prinzessin Stephanie von Monaco, die sich den x-ten Leibwächter / Zirkusdirektor / Artisten schnappt, an Ernst August von Hannover, den "Prügelprinzen", der erst auf einen Journalisten und dann auf einen Discothekenbesitzer einschlug und außerdem auf der Expo gegen den türkischen Pavillon urinierte. Oder an Ferfried von Hohenzollern, der sich von einer wasserstoffblonden, silikongepolsterten "Busenmacherwitwe" den Kopf verdrehen ließ. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen.

Das sind die Royals, wie sie die Welt heute kennt und liebt und deren Verfehlungen die Klatschpresse Woche für Woche genüsslich ausbreitet. Blau schimmert da nicht mehr das Blut in den Adern der Hoheiten, sondern höchstens der Likör in den Cocktails der enthemmten Aristokraten.

Wie gut, dass es zumindest einen gibt, der sein Familienwappen und auch die seiner Adelskollegen unverdrossen hochhält: Graf Alexander von Schönburg. Der kleine Bruder von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis und Ehemann von Irina Prinzessin von Hessen, einer Verwandten der Queen, ist als Journalist und Adels-Insider so etwas wie Deutschlands letzter Societykolumnist für die gehobenen Stände.

Als solcher hat er es sich zur Aufgabe gemacht, das Ansehen "seiner Kreise", wie sich von Schönburg mit ungebrochenem Willen zur Distinktion ausdrückt, zu heben und das Bild des zwar schrulligen und allzu oft verarmten, aber durch und durch kultivierten Adels zu bewahren.

Der Graf, der zwar mit einem klingenden Namen, aber nach eigenem Bekunden nicht mit einem klingelnden Geldbeutel aufwarten kann, machte sogar aus seiner pekuniären Not eine Tugend. Er sanierte sich mit der Bestsellerfibel "Die Kunst des stilvollen Verarmens", in der er eine würdevolle Haltung in finanziell klammen Zeiten propagierte.

Auch bei seinem jüngsten Werk "Alles, was Sie schon immer über Könige wissen wollten, aber nie zu fragen wagten" ging der ehemalige "Park Avenue"-Chefredakteur wieder äußerst pragmatisch vor. Da der Versailler Saal, über den es im Buch heißt: "ein Palast, wie es in der gesamten Menschheitsgeschichte nie zuvor einen gegeben hat und wie es ihn auch nie mehr geben kann", seine Möglichkeiten übersteigt, mietete er zur Präsentation seiner Königsgeschichten kurzerhand den Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus in Berlin Mitte.

Der hat zwar deutlich weniger Grandezza als das berühmte Vorbild, dafür aber den morbiden Charme des Verfallenen, der dem Wesen der Veranstaltung sehr zupass kam. Schließlich wurden - neben einer Handvoll Journalisten und anderem Fußvolk - gleich mehrere hochwohlgeborene Häupter, alles wohlbekannte Namen aus den Geschichtsbüchern, erwartet: Feodora Prinzessin zu Hohenlohe, Josef von Habsburg-Lothringen, Georg Friedrich Prinz von Preußen und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, um nur einige der klingenden Namen zu nennen.

Küss' die Hand...

Anfangs übten die Herrschaften derart vornehme Zurückhaltung, dass einem bange wurde, ob sich der schummrig erleuchtete Saal überhaupt noch füllen würde. Vielleicht war die adlige Verwandtschaft ja erzürnt über die Indiskretionen zu Hause geblieben, die von Schönburgs Buch verspricht: "Was tun Royals, wenn sie 'unter sich' sind?", "Sind Könige auch beim Sex höflich?", "Was hat die Queen in ihrer Handtasche? (Und andere royale Geheimnisse)".

Aber mitnichten, es dauerte nur nicht das übliche akademische Viertelstündchen, sondern eine satte aristokratische Dreiviertelstunde, bis alle eingetrudelt, alle Handküsse ausgetauscht und alle Sitzgelegenheiten gefunden hatten.

Was dann kam, ist irgendwo zwischen faszinierender Familienfeier und bizarrem Monarchistentreffen anzusiedeln. Prinz Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und Autor des Benimm-Bestsellers "Manieren", mühte sich als Co-Präsentator redlich, seinem "lieben Freund" Alexander ernsthafte Fragen zum Thema Monarchie zu stellen. Etwa: "Müssen wir der Idee der konstitutionellen Monarchie adé sagen oder wird sie wieder erstarken?"

"Bei Königs" zu Hause

"Äh, ja…", wand sich von Schönburg sichtlich von der Rolle, und zog sich dann gewohnt eloquent aus der Affäre. Eines habe der Königsthron gemeinsam mit der Jungfräulichkeit, sagte er, "ist sie einmal verloren, bekommst du sie nicht wieder". Das muss man von Schönburg zugute halten: Er mag zwar der Faszination von Königshäusern und anderen Adelsgeschlechtern hoffnungslos erlegen sein, ein unverbesserlicher Monarchist ist er nicht. Seine Botschaft: Die Aristokratie heute ist Lifestyle und Geisteshaltung, von der man sich eine Scheibe abschneiden kann, aber keine Institution mit tatsächlichem Machtanspruch.

Das ist auch die Stärke seines neuen Buches "Alles über Könige". Alexander von Schönburg versteht es, höchst amüsant über die merkwürdigen Sitten und Gepflogenheiten "bei Königs" zu plaudern und unangestrengt historische Einblicke zu liefern. Das Ganze garniert er mit einer Reihe persönlicher Anekdoten und Fotos. Doch wirkliche Enthüllungen oder gar ein Plädoyer für den Fortbestand der Monarchie liefert er natürlich nicht.

Das muss er auch gar nicht, denn während sich von Schönburg und Wossen Asserate auf der winzigen Bühne in Clärchens Ballhaus in langwierigen Detailfragen über die Königssalbung und den kosmischen Aspekt der Monarchie verloren, sprang plötzlich Fürstin Gloria aus der ersten Reihe auf und rief mit glockenheller Stimme: "Alle Menschen sind gleich!"

Das musste über 300 Jahre, nachdem Voltaire diesen aufklärerischen Gedanken unters Volk gebracht hat, wirklich noch einmal gesagt werden.


Alexander von Schönburg: "Alles, was Sie schon immer über Könige wissen wollten, aber nie zu fragen wagten", Rowohlt Berlin Verlag, 256 Seiten, 17,90 Euro



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