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11. September 2016, 17:06 Uhr

Völkermord an den Armeniern

"Meinen Eltern fehlten die Worte"

Ein Interview von Margherita Bettoni

Die Bundesregierung distanziert sich diplomatisch von der Armenien-Resolution. Janine Altounians Eltern überlebten den Völkermord. Hier erzählt sie, wie das Trauma noch immer ihr Leben bestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Altounian, im Juni verabschiedete der Deutsche Bundestag die Armenien-Resolution, die die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord verurteilt. Nun erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert, die Resolution sei für die Bundesregierung nicht verbindlich. Wie haben Sie diese Geste erlebt?

Altounian: Das war ein Stück weit eine Leugnung. Die Position der Bundesregierung ist realpolitisch gesteuert. Die Türkei ist ein wichtiger Partner, außerdem leben in Deutschland viele Deutschtürken. Auch Obama wollte den Völkermord an den Armeniern anerkennen, hat es aber nicht gemacht, weil Amerika Interessen in der Türkei hat. So läuft es in der Politik. Deutschland müsste aber überlegen, wie man das umgehen kann. Ich bin zwar häufig eine Pessimistin - trotzdem denke ich, dass man für die Wahrheit kämpfen muss.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern haben den armenischen Völkermord überlebt. Erinnern Sie sich, wann Sie das zum ersten Mal begriffen?

Altounian: Schon als Kind hatte ich das Gefühl, dass meine Eltern einer großen Katastrophe entkommen waren. Das Leben war für sie ein wie ein großes Unglück. Doch ihnen fehlten die Worte, um den Völkermord zu beschreiben. Meine Mutter war vier Jahre alt, als sie deportiert wurde, sie war noch nicht mal eingeschult. Meine Eltern waren türkischsprachig aufgewachsen, dennoch redeten sie mit mir armenisch. Sie besaßen keine Sprache dafür, nicht die komplexen Wörter, um einen Völkermord zu erklären. Trotzdem gab es das Seufzen und den wiederkehrenden Satz meiner Großmutter: "Wir haben alles verloren, wir haben alles dort hinterlassen."

SPIEGEL ONLINE: Und wann haben Sie realisiert, dass die Vergangenheit Ihrer Eltern Teil eines kollektiven Geschehens war?

Altounian: Als Erwachsene habe ich angefangen, mich für einen Kreis armenischer Intellektueller zu interessieren, der in Paris lebte. Ich habe die Seminare der armenischen Historikerin Anahide Ter Minassian besucht. Sie hat mir ein Buch empfohlen: "Un génocide exemplaire" ("Ein exemplarischer Völkermord") von Jean Marie Carzou. Als ich es gelesen habe, wusste ich, dass ich die Folgen eines historischen Traumas erlebt hatte, einen armenischen Völkermord.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschäftigen sich seit über 40 Jahren mit den Folgen dieses Traumas für die Nachkommen. Warum beeinflusst etwas, das man selbst nicht erlebt hat, das eigene Leben?

Altounian: Weil man spürt, dass es den Eltern nicht gut geht. Ich ahnte, dass meine Mutter kein wahres Lebensglück erlebt hatte. Und das hinderte mich daran, selbst eine zufriedene Frau zu werden. Weil mir daheim das ersehnte Frauenvorbild fehlte, war es am Ende die Schule, die mich rettete. Ich bin später Deutschlehrerin geworden, weil meine Lehrerinnen für mich das Bild zufriedener, intelligenter Frauen verkörperten. Darin liegt auch eine gewisse Tragik: Wenn man so will, habe ich mein Leben nicht ausgelebt. All das, was ich gemacht und geschrieben habe, habe ich getan, um meiner Familie das zurückzugeben, was sie verloren hatte.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater verfasste 1920 ein Tagebuch über seine Deportation. 1978 haben Sie es übersetzen lassen und später veröffentlicht. Was hat dieses Dokument in Ihnen ausgelöst?

Altounian: Mein Vater ist 1970 gestorben. Erst nach seinem Tod ist mir eingefallen, dass meine Mutter einmal von einem Manuskript geredet hatte. Mein Vater hatte es "Tout ce que j'ai enduré de 1915 à 1919" ("Alles, was mir zwischen 1915 und 1919 widerfahren ist") genannt. Es war auf Türkisch verfasst, nutzte aber das armenische Alphabet. Ich habe es übersetzen lassen, und beim Lesen bekam ich einen großen Schock. Da stand Schwarz auf Weiß, was meine Eltern nie verbalisieren konnten, was ich aber ständig in meiner Kindheit gespürt hatte. Ich hatte schon eine erste Psychotherapie hinter mir. Aber das Tagebuch meines Vaters war für mich ein solcher Schlag, dass ich eine zweite Therapie anfangen musste.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Armenier durch den Völkermord verloren?

Altounian: Vor allem Bindungen. Die Bindung zum Land, das einmal ihre Heimat war. Dann ihre Kultur. Ich bin armenischsprachig aufgewachsen, kann aber komplexe Verhältnisse in meiner Muttersprache nicht ausdrücken. Oft denke ich, dass ich an meinem Armenisch arbeiten müsste. Aber ich tue es nicht, weil das heißen würde, in einer Melancholie zu ertrinken. In einer Melancholie, die durch Zerstörung entstand, weil durch den Völkermord die Fähigkeit verloren ging, Gedanken auf Armenisch zu artikulieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der Meinung, dass erst die zweite oder dritte Generation die Wörter findet, um über ein kollektives traumatisches Erlebnis zu berichten. Wieso?

Altounian: Die Generation der Überlebenden ist hilflos: Sie besitzt weder die Kultur, noch die Sprache, das Geld, oder die Beziehungen, um ein Trauma aufzuarbeiten. Ich musste mir zunächst die Sprache meines Gastlandes, also Französisch und die französische Kultur aneignen, um Wörter zu finden, die die Komplexität dieses Völkermordes wiedergaben. Deswegen braucht Aufarbeitung zumindest eine Generation - und ein Gastland, das bereit ist, diese Geschichte aufzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für die Täterseite?

Altounian: Ich glaube schon. Der Enkel von Cemal Pascha, einem der Hauptverantwortlichen des Völkermordes, hat ein Buch über seinen Großvater geschrieben. Eine türkische Menschenrechtlerin, Fethiye Cetin, hat im Buch "Meine Großmutter" die Geschichte ihrer Oma erzählt, die kurz vor dem Tod zugegeben hatte, Armenierin zu sein. Nach der Veröffentlichung des Buches bekam Cetin unzählige Briefe, von Türken, die ihr ähnliche Geschichten erzählten. Es waren die Nachkommen jener Frauen, die während des Völkermordes vergewaltigt oder zwangsverheiratet worden waren. Was für ein Glück, dass diese Frauen ihre Kinder trotzdem geboren haben! Sie trugen sozusagen eine politische Bombe in ihrem Leib - die aber erst später wirkte. Denn die Kinder können jetzt diese Geschichte erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihr persönliches Trauma durch Psychoanalyse und durch Ihre Bücher aufarbeitet. Ist es möglich, am Ende zu einer Heilung zu kommen?

Altounian: Heilung bedeutet mir nicht viel. Das Trauma, das ein Völkermord hinterlässt, ist nicht heilbar. Aber ja: Je älter ich werde, desto mehr empfinde ich mein Erbe als Reichtum. Durch die Vergangenheit meiner Eltern habe ich zum Beispiel die Überlebenskunst erlernt - die Fähigkeit, aus wenig das Beste zu machen. Wenn ich mit Menschen spreche, die ein solches Trauma nicht erlebt haben, denke ich, dass ich das Leben eigentlich besser kenne. Ich habe gelernt, mein Erbe zu lieben.

SPIEGEL ONLINE: 2013 sind Sie zum ersten Mal in die Türkei gereist und haben in Bursa das armenische Viertel besucht, wo das Haus ihrer Großmutter stand.

Altounian: Ich wollte unbedingt die Orte sehen, von denen meine Großmutter sprach. Orte, von denen ich ahnte, dass sie dort glücklich gewesen war. Doch als ich im armenischen Viertel stand und die verfallenen Häuser sah, brach ich zusammen. Ich habe zum ersten Mal physisch verstanden, was es heißt, deportiert zu werden. Ich bin gleich abgereist - weil ich sonst verrückt geworden wäre.

SPIEGEL ONLINE: Die türkische Regierung weigert sich nach wie vor, von "Völkermord" zu sprechen.

Altounian: Auch wegen der aktuellen Repressionen unter Erdogan werde ich vor meinem Tod wohl nicht mehr in die Türkei reisen. Trotzdem war dieses Land einmal meine Heimat. Wenn die Türkei den Völkermord an den Armeniern zugeben würde, könnte so viel passieren: Man würde Verbindungen schaffen, man könnte einen kulturellen Austausch in Gang setzen. Mein Traum wäre es, armenische Repräsentanten im türkischen Parlament zu sehen.

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