Armin Müller-Stahl "Nicht spielen, nur darstellen"

In einem nun veröffentlichten Tagebuch zeichnete der Schauspieler Armin Müller-Stahl auf, wie schwierig es für ihn war, die Rolle des Schriftstellers Thomas Mann zu spielen. In der ARD ist Heinrich Breloers Dreiteiler "Die Manns - ein Jahrhundertroman" noch einmal zu sehen.


Armin Müller-Stahl als Thomas Mann: "Breloers Besessenheit ist Stimulus genug"
AP

Armin Müller-Stahl als Thomas Mann: "Breloers Besessenheit ist Stimulus genug"

Er habe Thomas Mann verblüffend gut getroffen, haben Armin Mueller-Stahl viele Kritiker bescheinigt. Am kommenden Montag, wenn der Schauspieler seinen 71. Geburtstag feiert, startet die ARD die Ausstrahlung des Dreiteilers "Die Manns - ein Jahrhundertroman". Mueller-Stahl erklärte, er habe sich durch die Rolle erneut mit dem Autor auseinander gesetzt. Während der Dreharbeiten schrieb er ein Tagebuch, das jetzt unter dem Titel "Rollenspiel" veröffentlicht wurde.

"Dieses Büchlein will nichts weiter als aufzeigen, womit sich der Darsteller des Thomas Mann beschäftigt hat, wenn er nicht in dessen edlen Anzügen steckte, um vor der Kamera so zu tun, als sei er nicht er, sondern Thomas Mann", erklärte Mueller-Stahl am Dienstagabend in Potsdam, wo er seine Aufzeichnungen gemeinsam mit dem Musiker und Komponisten Günther Fischer vorstellte. Beide waren vor 25 Jahren, als der Schauspieler noch in der DDR lebte, zum letzten Mal gemeinsam aufgetreten.

Neben amüsanten Erlebnissen am Rande der Dreharbeiten schildert Mueller-Stahl im Tagebuch auch seine Schwierigkeiten mit der Figur des Literaturnobelpreisträgers. Mit Blick auf Manns panische Versuche, ein positives öffentliches Bild von sich zu zeichnen, erklärte der Schauspieler: "Obwohl er an alles gedacht hat, was nach seinem Tode sein Bild bestimmen könnte, an eines hat er nicht gedacht: Wie mache ich mich für einen Schauspieler spielbar."

Mann-Darsteller Müller-Stahl (M.) in Heinrich Breloers "Die Manns" : "Wie mache ich mich für einen Schauspieler spielbar?"
BAVARIA FILM/S.ANNECK

Mann-Darsteller Müller-Stahl (M.) in Heinrich Breloers "Die Manns" : "Wie mache ich mich für einen Schauspieler spielbar?"

Dementsprechend schwer sei es ihm gefallen, der Rolle des "Buddenbrooks"-Autoren gerecht zu werden. "Das Schwierigste war, einen Menschen zu spielen, der sich verdeckt", berichtete Mueller-Stahl, "ich konnte ihn nicht spielen, sondern nur darstellen." Heinrich Breloer habe ihn aber ausgezeichnet motiviert. "Er ist ein hervorragender Regisseur, seine Besessenheit ist Stimulus genug", lobte Mueller-Stahl.

Mutmaßungen über Ähnlichkeiten mit dem Schriftsteller widersprach er allerdings: "Ich habe mich dem Thomas Mann ausgeliehen, aber sicher habe ich eine ganz andere Ausstrahlung als er." Manns anfängliche Probleme mit der englischen Sprache hingegen kann der Schauspieler, der erst im Alter von über 60 Jahren erstmals in den USA arbeitete, gut nachvollziehen. In seinen Aufzeichnungen zitiert er auch die Szene, in der sich Thomas Mann von Tochter Erika auf seine Begrüßungsrede bei der Ankunft im US-amerikanischen Exil vorbereiten lässt. Dabei habe er sich bemüht, die zum geflügelten Wort gewordenen Sätze Manns "Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur mit mir" zu entzaubern. "Solche Sätze haben sich durch häufiges Benutzen sinnentleert. Sie berühren nicht mehr", sagte Mueller-Stahl, "man muss sie wegsprechen."

"Die Manns" (Monica Bleibtreu, Müller-Stahl, Jürgen Hentsch, v.l.): "Man muss sie wegsprechen"
BAVARIA FILM/S.ANNECK

"Die Manns" (Monica Bleibtreu, Müller-Stahl, Jürgen Hentsch, v.l.): "Man muss sie wegsprechen"

In die Tagebuchaufzeichnungen hat der frühere Defa-Schauspieler auch Erinnerungen aus seinem eigenen Leben einfließen lassen. So erinnert der fast 71-Jährige an seine ersten Begegnungen als junger Mann mit Helene Weigel, an Auftritte an der Berliner Volksbühne oder im Ausland mit Günther Fischer.

Seine Kontakte mit den für die Zensur seiner Auftritte zuständigen Behörden erwähnt er ebenso wie die letzten Tage vor seiner Ausreise aus der DDR im Jahr 1979. Zudem ist das Buch mit eigenen Zeichnungen des Schauspielers illustriert und enthält von ihm verfasste Gedichte und Lieder. Allerdings räumt Mueller-Stahl mit Blick auf seine Verse ein: "Es werden noch immer mehr schlechte Gedichte geschrieben als gute gelesen."

Armin Mueller-Stahl: "Rollenspiel: Ein Tagebuch zu den Dreharbeiten für den Film "Die Manns" ( J. Strauss-Verlag, Potsdam 2001, 220 Seiten mit 108 Abbildungen, 29,80 Euro (58 Mark))

"Die Manns - ein Jahrhundertroman" am 17., 19. und 21. Dezember jeweils ab 20.15 Uhr in der ARD



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