Zeitungsdebatte Menschen, die auf Schirme starren

Menschen werden immer Nachrichten wollen und brauchen, sagt der österreichische TV-Moderator Armin Wolf. Doch möglicherweise werde er im Jahr 2034 im Wiener Kaffeehaus sitzen und seine Zeitung auf einer Folie lesen.

Im Frühling 2012, also vor knapp eineinhalb Jahren, hat Journalistik-Professor Klaus Meier die Auflagen-Entwicklung der deutschen Tageszeitungen seit 1992 in ein Excel-Sheet getippt und simpel extrapoliert. 2034, so kam heraus, wird in Deutschland die letzte Tageszeitung gedruckt.

Mir schien das damals zu pessimistisch. Und man muss mit solchen Prognosen vorsichtig sein. Im Dezember 1924 erschien in den USA "The Nation" mit der Titelstory: "Radio or Newspaper - Can Both Survive?". Etliche Nachrufe kommen also deutlich zu früh. Aber seit dem 28. März bin ich nicht mehr sicher, ob Mair nicht zu optimistisch war - und ob es überhaupt noch bis 2034 dauern wird.

An diesem Tag betrat ich in meinem Urlaub dieses Café in San Francisco:

Foto: Euke Frank

Meine Frau hat die Szene geistesgegenwärtig fotografiert. Bemerkt hat das keiner der Anwesenden. Jede und jeder Einzelne von ihnen starrte in einen Bildschirm - in ein Handy, ein Tablet, einen Laptop. Selbst der Kellner hatte ein Gerät in der Hand. Das Café wirbt auch nicht mit der Qualität seiner Muffins, sondern mit "drahtlosem Aufladen".

Jeder Gast in diesem Café liest - aber keiner eine gedruckte Tageszeitung oder ein Magazin. Und mit ziemlich großer Sicherheit wird auch keiner dieser jungen Menschen je damit beginnen.

Bereits 2009 präsentierte Renate Köcher vom Allensbach-Institut auf den Mainzer Medientagen eine ziemlich eindrucksvolle Untersuchung, wie sich die Tageszeitungsnutzung verschiedener Altersgruppen im Zeitverlauf entwickelt. Man konnte daraus zwei Dinge lernen: Je älter jemand ist, desto eher liest er regelmäßig eine Tageszeitung. Kein anderer Faktor bestimmt die Nutzung so sehr wie das Alter - die Kurven verlaufen absolut parallel. Soweit - so bekannt. Aber die Untersuchung zeigte auch: im Laufe eines Lebens verändert sich die Nutzung nicht mehr wesentlich. Wer älter wird, liest deswegen nicht mehr Tageszeitungen - sondern sein ganzes Leben lang etwa so viel wie zwischen 20 und 30. Die Jungen, die heute keine Tageszeitungen lesen, werden auch nie damit beginnen.

Wer heute über 40 ist, liest noch relativ regelmäßig gedruckte Tageszeitungen. Noch. Aber auch die digitalen Immigranten haben ein Handy und häufig auch ein Tablet. Und sie können sich noch daran erinnern, wie vor 20 Jahren die ersten Handys aussahen - kleine Koffer, kiloschwer, sauteuer, und sie konnten nichts, außer auf der Autobahn und in ein paar Großstädten zu telefonieren. Nur zwei Jahrzehnte später wiegt ein Smartphone 100 Gramm, kostet wenige hundert Euro und ist ein leistungsfähiger Computer, eine Datenbank, ein Videorecorder, eine Fotokamera, ein Taschenrechner, ein GPS-System, ein Radio, ein Fernseher, ein Game-Center, eine Wetterstation, ein Lexikon, eine blitzschnelle Verbindung ins Internet und, und, und. Telefonieren kann man auch damit. Im Jahr 2034 werden Tablets gut zwei Jahrzehnte lang auf dem Markt sein. Und sie werden nur mehr sehr wenig mit heutigen iPads gemein haben. Vielleicht werden sie hauchdünne Folien sein, die man zusammenknüllen und in die Westentasche stecken kann, die man bei gleißendem Sonnenlicht ebenso lesen kann wie im startenden Flugzeug. Welchen Grund sollte es dann noch geben, Nachrichten auf teures Papier zu drucken, in Lastwägen durch das ganze Land zu fahren und mühsam zu verteilen, damit Menschen acht oder zwölf oder vierzehn Stunden alte "News" lesen können. Die Idee ist geradezu absurd.

Tageszeitungen wurden nicht erfunden, um Papier zu bedrucken. Sie waren nur rund zweihundert Jahre lang eine besonders effiziente Methode, geschriebene Nachrichten zu verbreiten. Wenn es neue technische Möglichkeiten gibt, die das Gleiche besser leisten, werden sie sich durchsetzen. So wie Steintafeln ausgestorben sind, weil leistungsfähigere Medien entstanden, die das Gleiche und mehr besser konnten, werden gedruckte Tageszeitungen aussterben.

Den Vergleich des Tablets mit der rasanten Entwicklung des Handys habe ich übrigens das erste Mal 2010 in einem Vortrag von Mathias Döpfner gehört. Damals sprach er davon, welch großartige Zukunft der Journalismus im digitalen Zeitalter haben werde. Und wie wichtig die "journalistischen Marken" des Springer-Konzerns dabei wären.

Nun gut, das sieht er heute offenbar etwas anders. Der Springer-Konzern ist dabei, sich in einen gigantischen digitalen Rubriken-Markt zu verwandeln. Im Gegensatz zur analogen Welt, in der man den Journalismus noch brauchte, um die Inserate mitverkaufen zu können, ist das in der digitalen Welt nicht mehr nötig. Da funktionieren die Anzeigen auch alleine. Die Herausforderung wird sein, Journalismus im digitalen Zeitalter trotzdem zu finanzieren. Wie das funktionieren kann? Ich habe keine Ahnung - und Springer offenbar auch nicht. Die Graham-Familie in Washington ganz offensichtlich auch nicht. Also verkaufen sie ihre Zeitungen, solange sie noch was dafür bekommen. Es werden sich aber letztlich neue Finanzierungsmodelle für Journalismus finden. Weil Menschen Nachrichten wollen und brauchen. Vielleicht hat ja Jeff Bezos eine Idee, wie es geht. (Und wenn es reiche Menschen sind, die sich Prestige-Medien leisten wie einen Warhol oder einen Picasso.)

Da man im Fernsehen ja eher abends arbeitet, frühstücke ich jeden Vormittag mit einem dicken Paket an Tageszeitungen im Kaffeehaus. Ich lebe schließlich in Wien. Und ich liebe Tageszeitungen. 2034 wird es in Wien noch immer Kaffeehäuser geben. Aber ich werde wohl nur mehr eine Art Folie dabei haben. Entscheidend ist, was ich drauf lesen kann.

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