Porträts von US-Veteranen Armee der Kaputten

Sie haben Menschen umgebracht und Freunde sterben sehen. Sie wurden schwer verwundet und kämpfen nun gegen Depressionen und Angstzustände. Die Fotografin Elisabeth Real zeigt in ihrem Band "Army of One" hautnah, wie der Krieg sechs US-Soldaten verändert hat.

Elisabeth Real

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Sieben Buchstaben fassen sein Leben zusammen. Sein Gestern und sein Heute und sein Morgen. Tom Edwards hat sich das Wort "Veteran" auf den Rücken tätowieren lassen. Der US-Soldat war zweimal im Irak. Er hat dort einen Freund sterben sehen, kam bei einem Unfall selbst fast ums Leben und hat Menschen getötet. Wie viele - das weiß er nicht mehr.

Mit 19 Jahren hat sich Edwards freiwillig zur Armee gemeldet, weil er nicht so richtig wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte und weil sein Großvater schon gedient hatte. "Ich war so naiv, ich wusste überhaupt nicht, auf was ich mich einlasse", sagt er. "Ich habe einfach nur die Papiere unterschrieben, ich habe gar nicht wirklich darüber nachgedacht."

Über das Leben von Tom Edwards und das seiner Kameraden im Krieg hat die Schweizer Fotografin und Autorin Elisabeth Real ein Buch geschrieben. Einer der Soldaten ist Reals Schwager Timmy McClellan. Mit ihm hat alles begonnen, wegen ihm hat sie sich für dieses Buchprojekt entschieden. "Ich wollte anfangs ganz simple Dinge wissen, zum Beispiel warum er sich freiwillig gemeldet hat und welches Leben er bei der Armee führt", sagt sie (in der Bildergalerie unten stellen wir ein ähnliches Projekt des deutschen Fotografen Jens Umbach vor).

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In der Zeit zwischen 2006 und 2012 reiste sie mehrmals in die USA und besuchte die Soldaten. In "Army of One" erzählt sie die Geschichte der traurigen Helden, die mit Depressionen zurückkehrten, ihre Ängste und Alpträume mit Tabletten, Alkohol und Haschisch bekämpfen und nun einen Weg in die Normalität suchen. Sie zeigt das Leben der Männer zwischen ihren Heimaturlauben und nach dem Krieg.

"Es ist die Hölle"

Sie war unter anderem in Fort Hood, einem Armeestützpunkt in Texas, auf dem die Soldaten ihre Grundausbildung absolvierten. Heimlich hat sie dort fotografiert: die wuchtigen Panzer, die kargen Straßenzüge. Der Armee hat sie nichts über ihr Vorhaben erzählt. Mehrere Wochen wohnte sie auch bei ihrem Schwager und seinem Mitbewohner in Killeen, einem Ort in der Nähe des Stützpunkts. Später besuchte sie die Männer in ihren Heimatstädten, bei ihren Eltern und Ehefrauen. Sie machte Bilder von den Küchen, Wohn- und Schlafzimmern, zeigt, wie die Soldaten Fernsehen schauen, sich betrinken, in der Garage rauchen, wie ihre Uniformen an Kleiderbügeln hängen. Real begleitete sie ins Tattoo-Studio und eine schwangere Ehefrau sogar zur Ultraschall-Untersuchung.

Das erste Mal hat Elisabeth Real ihren Schwager vor seinem Einsatz im Irak interviewt. In einem Brief aus dem Boot Camp an seine Mutter schreibt McClellan: "Es ist wirklich schlimm hier, Mama (...). Es ist die Hölle." Als er dann von seinem zweiten Einsatz zurückkam, hat sich sein Zustand verschlechtert. Im Irak hatte er sich eine schwere Gehirnerschütterung zugezogen und kam mit starken Rückenschmerzen nach Hause. Zudem diagnostizierten die Ärzte eine posttraumatische Belastungsstörung. "Er war kurz davor auszurasten", sagt Real.

Doch die Armee sei total überfordert gewesen mit den vielen Soldaten, die körperlich und seelisch versehrt aus dem Krieg kamen. "Timmy hat einfach wochenlang keinen Termin bei einem Psychiater bekommen", sagt Real. Die Armeeärzte haben ihm lediglich Medikamente verordnet: Schlafmittel und Antidepressiva. Manchmal habe Real, bei Zigaretten und Rotwein, bis vier Uhr morgens mit McClellan auf der Veranda gesessen und ihm zugehört. Manchmal saß er tagelang nur in seinem Zimmer - unfähig irgendetwas zu tun.

Dankbar für die Aufmerksamkeit

"Ich sah, wie sehr die Soldaten, allen voran Timmy McClellan, unter den posttraumatischen Belastungsstörungen litten und von ihren Vorgesetzten komplett ignoriert, ja sogar fallen gelassen, wurden. Nicht nur in Fort Hood, sondern überall in den USA, auch heute noch."

McClellan sei es schwer gefallen, über seine Erfahrungen zu berichten, aber er war beruhigt, sie loswerden zu können - und dankbar so wie die anderen Soldaten. "Sie waren froh über die Aufmerksamkeit." Tom Edwards, der Soldat mit dem Veteranen-Tattoo, sagt, es habe gutgetan, mit Real zu sprechen, "weil sie nichts mit dem Militär zu tun hatte, einfach eine ganz normale Person war. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich versteht und dass ich ihr alles erzählen kann". Real wertet die Aussagen der Soldaten nicht, sammelt und protokolliert, was die Männer ihr sagen.

Tom Edwards ist jetzt 30 Jahre alt und wohnt in Mississippi. Seit zwei Monaten arbeitet er in einem Chevrolet-Autohaus. Er ist dort für den Ölwechsel verantwortlich. Es sei schwierig gewesen, sich nach seiner Zeit bei der Armee zurechtzufinden, einen Job zu bekommen, auf das zu hören, was andere ihm sagen. "Der Armeedienst ist alles, was ich je gelernt hatte." Um der Realität des zivilen Alltags zu entkommen, hat er viel gekifft und Alkohol getrunken. Der Krieg hat ihn verändert. Tom Edwards denkt nun anders über das Leben. Statussymbole seien ihm nicht mehr wichtig, sagt er. Er sei froh, dass er jeden Tag aufwache und atme.

Elisabeth Real: "Army of One". Scheidegger & Spiess; 373 Seiten; 26 Euro (bei Amazon erhältlich)



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
brain1965 17.10.2013
1.
Es gibt nur einen einzigen Weg diese endlose Kette aus Leid, Schuld und Leid zu durchbrechen: keine Soldaten mehr in Kämpfe zu schicken. Egal wo, egal warum. Selbst der "gerechteste" Krieg hinterlässt ein Meer an Schmerz und Spätfolgen. Nach dem 2. Weltkrieg müssten wir kapiert haben, dass es KEINE Familie gab, die nicht betroffen war, in der es keine Traumata gab, über Jahrzehnte und Generationen. Leider haben wir aus der Geschichte immer noch nicht genug gelernt.
ratschbumm 17.10.2013
2. Mir kommen die Tränen.
Zitat von sysopElisabeth RealSie haben Menschen umgebracht und Freunde sterben sehen. Sie wurden schwer verwundet und kämpfen nun gegen Depressionen und Angstzustände. Die Fotografin Elisabeth Real zeigt in ihrem Band "Army Of One" hautnah, wie der Krieg sechs US-Soldaten verändert hat. Army of One: Elisabeth Real zeigt US-Irak-Veteranen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/army-of-one-elisabeth-real-zeigt-us-irak-veteranen-a-927857.html)
Wo bleibt eine Reminiszenz über hundertausende Ermordeter, Verstümmelter, traumatisierter Opfer der US-Militärmaschinerie ?
bennysalomon 17.10.2013
3.
Mein Mitgefühl den Soldaten.
Duzend 17.10.2013
4. Die Veteranen pflegen auch...
Zitat von sysopElisabeth RealSie haben Menschen umgebracht und Freunde sterben sehen. Sie wurden schwer verwundet und kämpfen nun gegen Depressionen und Angstzustände. Die Fotografin Elisabeth Real zeigt in ihrem Band "Army Of One" hautnah, wie der Krieg sechs US-Soldaten verändert hat. Army of One: Elisabeth Real zeigt US-Irak-Veteranen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/army-of-one-elisabeth-real-zeigt-us-irak-veteranen-a-927857.html)
...mindestens zwei Webseiten. Hier Veterans News Now | Military Veteran News and Information (http://www.veteransnewsnow.com/) und hier Veterans Today - Military Veterans and Foreign Affairs Journal – VA – Veterans Administration (http://www.veteranstoday.com/) Wer dort liest, bekommt den Eindruck, die US-Regierung behandelte die Veteranen eher als Gegner denn als Stützen des Systems. Es seien die Vorstellungen der Veteranen von Staat und Gesellschaft, von valablen Gründen für den Einsatz von Gewalt und für Vertauenswürdigkeit der Politik so ganz andere als die der US-Regierung. Warum nur? Alles frustrierte Spinner? Oder nur zwei gewaltsam gepushte Webseiten, während die wahren Ansichten und Geschichten derer, die sich im Armeedienst in den Einsatz auf Leben und Tod haben entsenden lassen, ganz woanders, eher im Verborgenen nachzulesen sind? Ein Punkt der im Artikel m.E. nach zu kurz kommt ist der, dass kaum etwas einen echten glühenden Patrioten so schmerzt wie die beklemmende Einsicht, seine Opfer am Ende noch nicht einmal für eine gute Sache oder einen gerechten Staat erbracht zu haben.
Ernie 17.10.2013
5. Ja sicher...
dreht man durch wenn man Soldat im Einsatz ist. Das hat nichts damit zu tun ob es US-Soldaten sind, wobei diese meist Freiwillige sind. Wenn schon die Gewaltseite sooo leidet stellt sich mir die Frage wie geht es den AberMillionen von Opfern und deren Angehörige. Aber letztendlich beginnt einer Täter zu werden und sollte auch als solches gesehen werden. Frieden durch Krieg hört sich genauso bescheuert an wie: Tätern werden zu Opfer und Opfer werden zu Täter. Jaja, sonderbar...
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