Arnold Schwarzenegger Der Macho-Kandidat und seine Achillesferse

Allmählich erkennt der politisch unerfahrene Gouverneurs-Kandidat Arnold Schwarzenegger, dass er die Wahl in Kalifornien mit Hollywood-Methoden nicht gewinnen kann. Während er um die entscheidenden Stimmen der Wählerinnen kämpft, diffamieren ihn die Medien als Busengrabscher und Sexisten. Ehegattin Maria Shriver ist im Dauereinsatz.

Von Helmut Sorge, Los Angeles




Schwarzenegger mit Ehefrau Maria Shriver bei der Unterzeichnung der Kandidatur-Unterlagen am 9. August: Grabscher oder Gouvernator?
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Schwarzenegger mit Ehefrau Maria Shriver bei der Unterzeichnung der Kandidatur-Unterlagen am 9. August: Grabscher oder Gouvernator?

Ist Arnold Schwarzenegger ein Grabscher, wie das Filmmagazin "Premiere" schon vor zwei Jahren unter dem Titel "Arnold the Barbarian" behauptete? Er soll, so die Unterstellung des Blattes, Kolleginnen an die Wäsche gegangen sein und gelegentlich darunter.

"Müll", meinte der Hollywoodstar, der damals nicht auf Widerruf klagte. Stattdessen beschworen Kolleginnen wie Jamie Lee Curtis ("True Lies"), öffentlich, der Arnold sei ein Ehrenmann, zwar derben Sprüchen über Frauen zugetan, nur ein lieber Kerl, ganz gewiss. Als solchen versucht ihn auch sein Wahlkampf-Team dieser Tage zu malen: Sonntags kniet er in der Messe und täglich zwischen 16 und 20 Uhr beantwortet er keine Telefonanrufe, weil er sich Frau Maria und den vier Kindern widmen will.

Ehefrau Maria, die sich in den österreichischen Einwanderer 1977 in New York bei einem Tennisturnier zugunsten einer Wohltätigkeits-Organisation verliebte, sind die verbalen Exzesse ihres Ehemannes, die in den vergangenen Tagen von den Medien genüsslich wieder aufbereitet worden sind, nur allzu vertraut. Etwa jene aus dem längst vergessenen Männer-Magazin "Oui", in dem Arnold einst freimütig über Orgien redete, über Marihuanagenuss und Penis-Längen: "Der Schwanz ist kein Muskel", klärte der womöglich nächste Gouverneur Kaliforniens damals den Reporter auf, der wissen wollte, wie sich Krafttraining auf die Potenz auswirkt, "der legt nicht zu, wie die Schultern oder die Pectorales, allerdings kann er durch Übung größer werden." Arnold hat die Erklärungen als Übertreibungen eines damals 29-Jährigen erklärt, als Versuch seine Bodybuilder-Karriere und seinen Film "Pumping Iron" zu promoten.

Seine Maria, Nichte des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy, hat die sexuellen Exzesse, erfundene und wirkliche, offenbar hingenommen, wie es bei den umtriebigen Kennedys üblich war, und ist gelassen. "Alle möglichen Leute", erklärte einer der Shriver-Brüder, Bobby, "behaupten immer wieder, sie hätten mit diesem oder jenem geschlafen, also was soll's?" Arnold habe sich mit seiner Frau, die sich für die Dauer des Wahlkampfes von ihrem Sender NBC beurlauben ließ, ausgesprochen, weiß Bobby, und nun tritt sie als sein "chief defender" auf, wie die "Los Angeles Times" meldete. Meinungsforscher nämlich haben ermittelt, dass Arnold Schwarzenegger in der Gunst der weiblichen Wähler um 13 Prozent hinter seinem Rivalen, dem Demokraten Cruz Bustamante liegt. Der "Macho-Kandidat", erkannte die "New York Times" hat eben "eine Achillesferse, Frauen".

Schwarzenegger im Wahlkampf: Politjournalisten lassen sich nicht so einfach manipulieren wie Entertainment- Magazine
AP

Schwarzenegger im Wahlkampf: Politjournalisten lassen sich nicht so einfach manipulieren wie Entertainment- Magazine

Und nun steht Maria tapfer vor Fabriktoren und Supermarktplätzen und erklärt, wie liberal, offen und frauenfreundlich ihr Arnold tatsächlich sei. Kein Zweifel: Der rechte Kandidat, der ob seines "dünnen, politischen Lebenslaufs" ("New York Times") so manchen Wähler abschreckt, muss nun erkennen, dass er mit Hollywood-Methoden, dem hype", die Gouverneurs-Wahlen nicht gewinnen kann. Immer wieder hat er versucht, sich klaren, politischen Aussagen zu entziehen, hat längere Interviews mit Polit-Journalisten gemieden. Und selbst in der einzigen Polit-Debatte, an der er teilnehmen will, sind den Kandidaten die Fragen zuvor bekannt.

Um seiner Kandidatur eine Vision des Neuen, des Aufbruchs zu geben, hat er beispielsweise verkündet, Warren Buffet, einer der reichsten Männer der Welt, sei fortan sein Wirtschaftsberater. Und der riet dem Kandidaten sogleich öffentlich, die Steuern zu erhöhen. Schwarzenegger musste sich distanzieren und drohte seinem Berater 500 Liegestützen bei Wiederholung an. Inzwischen hat Buffet seine Rolle klar definiert: Er sei lediglich einer von 18 Wirtschaftsberatern.

Schwarzenegger hatte seine Kandidatur eigentlich erst für das Jahr 2006 geplant und muss nun, wie es so schön heißt, holterdiepolter sein Know-how im so genannten "on the job training" erweitern. Tag um Tag präsentiert er der Presse neue Berater, etwa seine Schwiegermutter Eunice, die aus Washington einflog und Arnold in Erziehungsfragen unterstützen soll. Oder auch Robert Kennedy Junior, Sohn des ebenfalls ermordeten Präsidenten-Bruders Robert Kennedy. Der Umweltschützer denkt sich für den Hollywoodschauspieler Wahlkampfstrategien aus. Ein halbes Dutzend Berater hat Schwarzenegger aus dem Stab des ehemaligen Gouverneurs Pete Wilson übernommen, der einer der Chefs der Wahlkampagne des Republikaners ist.

"Time"-Titel zur Schwarzenegger-Kandidatur: Wählen sie ihn tatsächlich, oder wollen sie nur ein Autogramm vom "Terminator"?
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"Time"-Titel zur Schwarzenegger-Kandidatur: Wählen sie ihn tatsächlich, oder wollen sie nur ein Autogramm vom "Terminator"?

Trotz der Dutzenden von Beratern, bezahlte und unbezahlte, muss der Kandidat nahezu täglich Polit-Positionen korrigieren und versuchen, sich den jeweiligen Trends anzupassen. Noch im Juli beispielsweise hat Schwarzenegger in einer "Esquire"-Titelgeschichte den ursprünglich für die US-Streitkräfte konzipierten Mega-Jeep "Hummer" propagiert. Nachdem Umweltschützer den "Hummer" als Treibstoffvernichter geißelten, ließ Schwarzenegger unter Journalisten verbreiten, er werde eine Alternative zum benzingetriebenen "Hummer"-Motor entwickeln lassen, diesmal umweltfreundlich.

"Von niemandem", hatte Schwarzenegger erklärt, als er seine Kandidatur verkündete, werde er Geld für seinen Wahlkampf akzeptieren. Inzwischen korrigierte er: Er habe sich wohl "falsch ausgedrückt" und akzeptiert Spenden der Industrie. Der Republikaner ließ mit großem Getöse eine 2500-Dollar-Spende an eine Sheriff-Organisation zurückgeben, eben weil er als Gouverneur nicht abhängig sein wollte von den Lobbyisten, die Wahlkampfspenden stets mit Politforderungen verbinden. Nur: Für die "proposition 49", ein von Schwarzenegger unterstütztes "Nachschulprogramm", akzeptierte Schwarzenegger 530.000 Dollar, von drei Indianerstämmen weitere 62.000 Dollar. Das sei etwas anderes, argumentierte der Kandidat, sozusagen. Vorwahlkampfgeld.

Vor Jahren hat der rechte Kandidat sich für die so genannte "proposition 178" eingesetzt, nach der illegalen Einwanderern der Zugang zu Krankenhäusern und Sozialunterstützung verwehrt werden sollte. Heute nun spürt er den Zorn der in Kalifornien einflussreichen Latinos. Unlängst schlossen sie den Kandidaten von einem Volksfest aus. Trotzdem: Wo auch immer der Hollywoodstar auftritt, drängen sich die Neugierigen. Aber wählen sie ihn tatsächlich, oder wollen sie nur ein Autogramm vom "Terminator"?

Die erste Euphorie ist verblasst - der Hollywoodstar ist zum Politkandidaten geworden, der erkennen muss, dass er die Politjournalisten nicht manipulieren kann wie jene der Entertainment-Magazine und TV-Sender. Und dass seine Hollywood-Kollegen ihn in dieser Polit-Welt solo auftreten lassen: Weder Tom Hanks noch Nicolas Cage, Robert de Niro oder Jack Nicholson haben "Schwarzenegger for Governor" gejubelt. Sie sind der demokratischen Partei verbunden, oder, wie die Hollywoodmogule Steven Spielberg oder David Geffen, dem Ex-Präsidenten Bill Clinton.

"Aus Termingründen", so Schwarzenegger-Berater, wird der Kandidat - wahrscheinlich - bei keinem Dinner Spielbergs in Los Angeles Wahlkampf-Gelder eintreiben können, so wie es zu Zeiten Bill Clintons Normalität war. Arnold Schwarzenegger wird sich stattdessen 120 Meilen nördlich von L.A. im luxuriösen Santa Barbara mit 50 Gästen zusammen setzen, die bereit sind, pro Dinner 5000 Dollar zugunsten der Wahlkampf-Kasse zu zahlen; in der Villa des Regisseurs Ivan Reitman, mit dem Schwarzenegger im "Kindergarten Cop" und in "Twins" arbeitete.

Reitman weiß bereits, dass kaum ein Hollywoodstar bei diesem Abendessen die - politische - Nähe des Ehrengastes suchen wird. Schwarzenegger-Freund Robert Lowe, Star in der TV-Serie "West Wing" beispielsweise, ist wegen Dreharbeiten verhindert. In den nächsten Wochen, beizeiten vor der Abstimmung, so hofft Schwarzenegger, wird ihn immerhin Oprah Winfrey, der afro-amerikanische Fernsehstar, in ihre quotenträchtige Sendung "Oprah" einladen. Vor Jahrzehnten hat sie mit Maria Shriver, damals beide noch unbekannte Fernsehreporter in Baltimore, zusammen gearbeitet. Und diese Freundschaft könnte sich nun in Stimmen auszahlen. Die Mehrheit der Oprah-Fans nämlich sind Frauen, eben jene Wählergruppe, die letztlich darüber entscheidet, ob Arnold Schwarzenegger Gouverneur des Staates Kalifornien oder zum verblassten Filmstar wird.

Die Schwarzenegger-Vertrauten sehen die Bilder vor sich: Arnold und Maria bei Oprah, Hand in Hand. Ewige Treue. Fotos von den Kindern, die Liebe zu den Eltern. Harmonie. Arnold eben. Kein Grabscher. Ein Mann, made in USA.



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