Kunstmesse Art Basel Genuss, Prestige und Rendite in Nullzins-Zeiten

Sie ist die wohl berühmteste Kunstmesse der Welt: Auf der Art Basel präsentieren Galeristen ihr Angebot Investitionswilligen und Kunstneugierigen. Aktuelle politische Fragen spielen da nur am Rande eine Rolle.

Von Stephan Lohr


Die schier überbordende Opulenz des Angebots, die Eleganz des Publikums, das Geraune über Krisen und Chancen des internationalen Kunstgeschäfts: All das ist nicht neu bei dieser 47. Ausgabe der Art Basel. Neu ist, dass erstmals beim Eingang Taschen sorgfältig gescannt werden und sich Schlangen bilden. Doch das ist beinahe der einzige Hinweis auf die komplizierte und konfliktgeladene Weltlage.

Zwar redet Messechef Marc Spiegler davon, dass die hier gezeigte und angebotene Kunst wieder politischer daherkomme. Dabei handelt es sich aber um den kaum überzeugenden Versuch, dieser weitgehend eigenschaftslos gewordenen Messe ein vermeintlich attraktives Etikett zu verpassen, einen Trend zu markieren.

Ja, die Installation der Japanerin Chiharu Shiota mit Dutzenden von der Decke schwebenden Koffern und dem Titel "Searching for Destination" weckt Assoziationen von Flucht und Vertreibung. Doch bleibt die Arbeit damit eher eine Ausnahme und steht kaum für einen Trend gesellschaftlicher Auseinandersetzungen in der gegenwärtigen Kunst.

Dass Ai Weiwei sich hier mit "White House" präsentiert, einer offenen Fachwerk-Tempelkonstruktion, die auf Glaskugeln lagert, ist dem produktiven internationalen Star geschuldet, eben jener Figur, nach der der Kunsthandel giert.

Die großen Art Dealer haben vor allem Klassiker aus dem 20. Jahrhundert im Angebot: späte Picassos, frühe Werke von Gerhard Richter, erstaunlich viele Mobiles von Alexander Calder, gut erhaltene Leinwandschnitte von Lucio Fontana oder Skulpturen von Juan Miro aus den Sechziger- und Siebzigerjahren.

Über Preise in sechs-, auch siebenstelliger Franken-, Dollar- oder Eurohöhe wird ungern Auskunft gegeben, das intransparente Kunstgeschäft bleibt, zumal in Nullzins-Zeiten, diskret. Allemal werden im Hochpreis-Segment für Leinwände, Fotografien, Skulpturen und Installationen nach wie vor auch zweistellige Renditen erwartet und erwirtschaftet.

"Heute rotiert das Ganze viel schneller"

Harry Lybkes Leipziger Galerie Eigen + Art präsentiert nach wie vor die international gehypten Stars neuer deutscher Kunst, Tim Eitel und Neo Rauch. Spannender wird es nebenan bei Andrée Sfeir-Semler. Diese Hamburger Galeristin betreibt auch in Beirut eine Filiale und engagiert sich für die Vermittlung junger arabischer Kunst. So zeigt sie etwa Marwan Rechmaoui mit seinen fragilen Stahl-Beton-Skulpturen, die unwillkürlich an Bombardements denken lassen.

In gleich mehreren Kojen vertreten auch der britische, in Wuppertal lebende Künstler Tony Cragg, dessen einstmals geniale Transformation harter Materialien zu organischen Gebilden zunehmend dekorativ erscheint, zumal wenn sie in edlem Marmor oder glänzend poliertem Edelmetall gefertigt sind. Spannender geraten die aus einem Flussbett gewonnenen rauen Riesensteine, die der indisch-britische Künstler Anrish Kapoor mit tiefblauen Pigmenten lediglich farblich bearbeitet hat.

"Heute rotiert das Ganze viel schneller", gibt der Baseler Galerist und Art-Teilnehmer der ersten Stunde, Diego Stampa, zu bedenken. Die Preisexplosionen demonstriert er am Beispiel der Standgebühren, die sich für ihn seit 1970 verdreißigfacht hätten. Der Kunstmarkt und die Messe seien hektisch geworden, sagt er, dabei setze "Qualität zu beurteilen, Zeit, Erfahrung und Verständnis voraus".

Mischung aus Luxus und Extravaganz

Betritt man das große Environment "The Collector's House" des Belgiers Hans Op de Beeck, glaubt man sich in die Sphäre eines vermögenden Sammlers versetzt, der seine Leidenschaft genussvoll lebte. Vor der Kopfwand, einem riesigen Bibliotheksregal, steht auch ein Flügel.

Über den Raum verteilt: Skulpturen und Vitrinen, in der Mitte ein mit Seerosen bepflanzter Pool, an dessen Rand eine halbnackte Schönheit ruht und raucht. Diese Szene wirkt, grau in grau gehalten, gespenstisch eingefroren; so sehr sie eine vergangene Konstellation ironisiert, erinnert sie zugleich an ein Kunstverständnis, das mehr auf Erkenntnis und Genuss gerichtet war, als auf Prestige und Rendite.

Wenn 2016 gewiss nicht das stärkste Jahr der Art repräsentiert, bleibt Basel mit dem Angebot von 286 Galerien aus 33 Ländern, dem Kunstparcours in der Stadt, den Lectures, Salons und Symposien, den die Messe begleitenden Ausstellungen in den Museen und Galerien ein herausragendes Kunstereignis.

Erwartet werden bis Sonntag 60.000 Besucher, von denen wohl kaum zehn Prozent tatsächlich Kunst kaufen. Allen anderen ist die immer wieder spannende Sphäre aus Kunst und Kommerz, die Mischung aus Luxus und Extravaganz ein Besuch wert.



insgesamt 5 Beiträge
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Knossos 18.06.2016
1.
Wenn Du versuchst etwas zu malen oder zu formen, kommt dabei etwas heraus, das nicht wiederzuerkennen ist und ausschaut, als habe sich ein Fünfjähriger versucht? Dann bist Du in der modernen Kunstwelt goldrichtig. Sie nimmt Dir Ungelenkes ab. Wenn Dir auch das noch zu beschwerlich ist, nimm fertige Gegenstände. Bemale sie, verklebe sie, häng sie auf und filme sie. Es wird immer Abnehmer geben, die selbst noch nie einen Pinsel oder Meisel gezielt geführt haben, und als Geniestreich erkennen, was ein Preisschild trägt. Was Du allerdings brauchst, ist Promotion und einen angesagten Galeristen. Förderlich also, wenn Dein Papi Sparkassendirektor oder Provinzgouverneur oder dergleichen, wenigstens aber mit jemand im Kunstgewerbe bekannt ist. Bist Du dem Fachmann dann sympathisch, kann es auch schon losgehen. Jedes Bäuerchen wird zu Geld. Wichtig ist nur die Masse. Wirf, quetsch, sprüh. Egal was, aber hau raus. Jeden Tag zwischen In-Café und Zweisternerestaurant wenigstens 20 Minuten irgend etwas zusammenklatschen, damit Ausstellungen bestückt werden können, und alles läuft wie geritzt. Selbst wenn Du nur zur Eintagsfliege wirst, kannst Du dich danach bis an Lebensende auf Ibiza rekeln. Das ist Kunst. Lebenskunst aus der Konnekte. Ein Zufluchtsort für ambitionierte Teilhaber am Geistesadel, die wissen, daß Intellektualität geheimnisvoll sein, und von einem rostigen Nagel in einem Stück Appenzeller Käse eine faszinierend subtile Botschaft ausgehen kann, die sich dem gemeinen Mob da unten halt nicht erschließt. ... Und vergiß den schwarzen Mantel und den langen Schal nicht! Die Insignien kreativer Leuchte.
BrunoGlas 18.06.2016
2. Habe Mut und mach's doch selbst
... und pfurze nicht so viel in den Sessel, sonst wird diese Geruchsperformance noch zu einem notorischen Dauerzustand deiner selbst. Du wirst zum ersten Geruchskünstler der Welt und eröffnest neue Märkte für Kunst, sozusagen als intellektuelle Kunst-Stinkbombe.
krmb 18.06.2016
3. @Kommentar1
Schön fände ich, wenn einer der vielen, der zeitgenössischen Künstlern Dilettantismus unterstellt, sich einfach einmal selbst der Hypothese "das kann ich auch" stellen würde. Machen wir es Ihnen doch mal ganz leicht: malen Sie bitte etwas ganz Einfaches nach, sagen wir: einen Ostrowski oder einen Meese. Und dann halten Sie den mal gegen ein Original. Bitte nicht abzeichnen oder so, sondern so richtig auf Leinwand malen. Bin gespannt.
NoBrainNoPain 19.06.2016
4. @knossos
eigentlich sollte man solche Kommentare ignorieren, aber ich nehm sie beim Wort : geben sie ihren Job auf, hauen einen Nagel in ihren Käse und gehen die nächsten Jahre täglich auf die Suche nach einer Galerie. Vielleicht wird ihnen ihr pubertäres Kunstverständnis irgendwann zwischenzeitlich mal peinlich und sie haben was dazugelernt. ..
spon_1327892 19.06.2016
5. Bravo Knossos
Genau so denke ich auch. Die großen "Sammler " kaufen nur um Profit zu machen , sie kaufen nicht weil sie was schön finden .
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