Art/Object Rotterdam Design-Schnäppchen für Normalos

Schampus gibt's nicht, die Besucher kommen mit dem Rad. Bei der Art Rotterdam und ihrem neuen Design-Ableger bestimmt Understatement das Bild. Kein Starrummel, dafür erschwingliche Newcomer. Ein Modell wie geschaffen für Krisenzeiten.

Aus Rotterdam berichtet Jenny Hoch


Diese Messe ist wie ein ungezogenes Kind. Widerwillig hat es sich in den vergangenen Jahren zwar ordentlich anziehen und striegeln lassen, um erwachsener zu erscheinen, aber im Grunde hat sich wenig geändert: Die Art Rotterdam will auch im zehnten Jahr ihres Bestehens anders als die anderen, weltweit inzwischen zu Dutzenden stattfindenden Kunstmessen sein: Jung, verspielt und unangepasst.

Das Ambiente passt perfekt zu so einem kleinen Fratz: In den Docklands der Arbeiter- und Hafenstadt Rotterdam haben sich diesmal 71 Galerien im ehemaligen Kreuzfahrt-Terminal der Holland-Amerika-Linie eingerichtet, die meisten davon stammen aus den Niederlanden. Direkt gegenüber befindet sich ihr neuer Ableger: Die Object Rotterdam. In überschaubaren 21 Kojen zeigen ein paar internationale, in der Mehrzahl aber ebenfalls niederländische Galerien unter dem ein wenig hölzern wirkenden Schlagwort "autonomes Design" die neuesten Entwürfe der Gestalter-Zunft.

Luxuslimousinen, rote Teppiche und Champagner-Magnumflaschen sucht man vergeblich auf den angenehm unaufgeregten Messen. Die meisten Besucher kommen sowieso mit dem Fahrrad oder der U-Bahn in diese ruppige Gegend. Ziemlich ungewöhnlich für ein Kunst-Event: Kein Hype um große Namen, keine Kate Moss, die publicityträchtig über die Messe schlendert, keine gelifteten Milliardärsgattinnen, die mit Klunkern beschwerten Fingern auf kleinformatige Ölgemälde deuten, die mit sechs- bis siebenstelligen Preisen ausgezeichnet sind.

Dafür empfängt einen gleich am Eingang die staatlich unterstützte Initiative "Kunstkoop". Sie bietet kunstinteressierten Normalverdienern kleine zinslose Darlehen an, mit dessen Hilfe sie den Einstieg ins Kleinsammler-Dasein wagen können. Die Idee: Kunst-Kaufen ist nicht nur etwas für Reiche, und es ist nicht unbedingt elitär. Die Folge: Das Angebot bewegt sich preislich im unteren, höchstens mittleren Bereich. Junge, bisher kaum bekannte Künstler haben hier reelle Chancen, gekauft zu werden. Und findige Sammler und Neueinsteiger können tatsächlich Schätze aufspüren.

Lediglich Kunsthandel Meijer aus Utrecht setzt mit Arbeiten von Man Ray, Keith Haring oder Roy Lichtenstein auf große, etablierte Namen. Bei Mireille Mosler aus New York City ist gar eine silberne Version des Totenschädels des Kunstblase-Profiteurs Damien Hirst zu bewundern. Inmitten all der unverbrauchten - und oft auch extrem unprätentiösen - Arbeiten wirkt er allerdings wie ein Relikt aus fernen Boomzeiten, als der Markt hyperventilierte und Rekordeinnahmen an der Tagesordnung waren - oder wie ein simpler Scherz. So etwas will hier in Rotterdam keiner haben - oder doch? Da wird man abwarten müssen, bei der Eröffnung stürzte sich jedenfalls niemand darauf.

Bei der Object Rotterdam ein ähnliches Bild: Es stehen nicht die üblichen Entwürfe von millionschweren Design-Art-Stars wie Ron Arad, Marc Newson oder Zaha Hadid herum, stattdessen kommt die niederländische Design-Avantgarde voll zum Zug. Deren Flaggschiffe wie die Kooperative Droog-Design sind natürlich längst weltweit ein Begriff, dennoch bestechen sie noch immer durch ihren trockenen Humor, ihre Nüchternheit und ihre Freude daran, Althergebrachtes über den Haufen zu werfen. So zeigt etwa Tejo Remy neben seinen Droog-Klassikern "Rag Chair" und dem "Chest of drawers" auch Entwürfe, die nicht unter dem Droog-Label entstanden sind: Ein kühn geschwungener Stuhl aus Bambus-Planken und "Blanket carpet", ein wie hingegossen wirkender Teppich aus alten Decken.

Überleben in der Krise

Bei Designhuis, einem Zusammenschluss von Nachwuchsdesignern unter den Fittichen der Trendforscherin und früheren Direktorin der Design Academy Eindhoven, Li Edelkoort, dominieren undogmatische, sperrige Arbeiten: "Nothing to hide" von Willem de Ridder, ein riesiger kohlrabenschwarzer Schrank, dessen Inhalt sich unter seiner Plastikhaut durchzudrücken scheint oder "Pile of suitcases" von Maarten de Ceulaer, eine Art Koffer-Turm.

Überraschend auch Richard Huttons "Playing with Tradition", ein Perserteppich, dessen Ornamente sich in gerade, farbige Linien auflösen oder Onno Schellings "Dominokabinet", ein Schränkchen gefertigt aus Dominosteinchen. Und die immer für Entdeckungen gute Galerie Vivid zeigt unter anderem herrlich kitschige Porzellanfigürchen von Jaime Hayon.

Allerdings erweist sich die Kluft zwischen dem doch sehr engen Zirkel der kreativen Stars der holländischen Szene und deren Trittbrettfahrern als riesig: Auf der sowieso extrem kleinen Messe wird auch viel Schnickschnack angeboten, das bestenfalls als Kunsthandwerk durchgeht. Das Schlagwort des "autonomen Designs", das sich von industriell gefertigter Massenware abgrenzen will und sich eher der Kunst zugehörig fühlt, ist in diesen Fällen eher Marketing-Strategie als handfestes Konzept.

Gerade in vielgefürchteten Krisenzeiten könnte sich das nüchterne Rotterdamer Modell als überlebenswichtig erweisen - gerade für junge Künstler und Designer. Demakersvan, ein vielversprechendes Newcomer-Trio aus der Designerschmiede von Eindhoven, deren Entwürfe sogar vom Museum of Modern Art in New York angekauft wurden, trägt seine Philosophie schon im Namen: "Die Macher von" nennen sie sich - nach dem Motto: Viel reden kann jeder, jetzt heißt es loslegen.


Art Rotterdam / Object Rotterdam , bis 8. Februar, Cruise Terminal/Las Palmas Rotterdam



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