Arte-Doku "David Kelly" Pimp my Kriegsgrund

Im Juli 2003 nahm sich der Uno-Waffeninspekteur David Kelly das Leben - das tragische Ende einer Affäre um den Waffengang Großbritanniens in Irak. Mit seinem heute Abend ausgestrahlten Doku-Drama "Der Waffeninspekteur" rollt Regisseur Peter Kominsky den Fall noch einmal auf - und stellt höchst unbequeme Fragen.

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Darsteller Jonathan Cake als Tony Blairs Kommunikationschef Alistair Campbell: Kriegsgegner für den Waffengang gewinnen
ARTE

Darsteller Jonathan Cake als Tony Blairs Kommunikationschef Alistair Campbell: Kriegsgegner für den Waffengang gewinnen

"Sexier machen" - das klingt eher putzig als brisant. Und doch hat diese Wortkonstruktion für die bislang schwerste Regierungskrise der Labour-Administration gesorgt. Tony Blairs Kommunikationsberater soll einen Geheimdienstbericht über irakische Massenvernichtungswaffen zugespitzt haben, um Kriegsskeptiker für den Waffengang Großbritanniens an der Seite der USA zu überzeugen. "To sex up" nannte die BBC diesen Vorgang. "Hochsexen" oder eben "sexier machen" wurde zum geflügelten Wort und sorgte für einen erbitterten Schlagabtausch zwischen Rundfunkanstalt und Regierung.

Der ehemalige Dokumentarfilmer Peter Kosminsky versucht nun, die Entwicklung des noch frischen Konflikts nachzuzeichnen - sein Politdrama ist ein Lehrstück über Meinungshoheiten und Manipulationstricks geworden. Im Mittelpunkt steht ein tragischer Held, der nur die Wahrheit ans Licht bringen will und sich dabei doch immer mehr zwischen den beiden mächtigen Parteien und ihrer interessengesteuerten Sicht auf die Dinge verliert: David Kelly. Der Uno-Waffeninspekteur, der durch die Weitergabe geheimer Informationen den Eklat ausgelöst hatte, beging im Juli 2003 aufgrund des Drucks durch Regierung und Medien Selbstmord.

Die Wahrheit ist eine höchst komplexe Angelegenheit, und in seinem fast zweistündigen Film vermeidet Regisseur und Autor Kosminsky jede Polemik.

Kriegs-Opfer Kelly (Marc Rylance): "Die Wahrheit säen"
ARTE

Kriegs-Opfer Kelly (Marc Rylance): "Die Wahrheit säen"

In Rück- und Vorblenden wird von den schon bizarr anmutenden Situationen berichtet, die der Biowaffenexperte Kelly bei seinen Exkursionen in den Irak erlebt. Bereits 1991 begutachtet der Uno-Inspekteur eine Anlage, die offensichtlich zur Biowaffenherstellung verwendet wurde - die ihm von den irakischen Behörden aber als Fabrik für Babynahrung verkauft wird. Zwölf Jahre später ist der Krieg gegen Hussein gewonnen, aber es fehlen immer noch die Beweise für Massenvernichtungswaffen, die den britischen Waffengang im Nachhinein rechtfertigen. Und in Großbritannien wird derweil der Unmut über Blairs Politik immer größer. Kelly wird zu einem in der Wüste herumstehenden Sattelschlepper beordert, angeblich ein mobiles Waffenlabor der Iraker. Ist das endlich die lang ersehnte Legitimation für den Krieg? Der Wahrheitsfanatiker Kelly kann trotz Drucks von oben nur dementieren - keine Massenvernichtungswaffen weit und breit.

Er wolle die Wahrheit säen, sagt Kelly einmal im Film. Der Schauspieler Marc Rylance verkörpert den Wissenschaftler so nüchtern, unglamourös und pedantisch, dass man ihm solche Sätze glatt abnimmt. Er wirkt wie ein Buchhalter, dem allerdings jedes buchhaltertypische Phlegma abgeht: "Durch die einstigen Lügen der Iraker bin ich nur entschlossener geworden", erklärt er. Jetzt werde die Öffentlichkeit durch die britische Regierung angelogen, das sei genauso schlimm.

Die Familie des Toten verweigerte übrigens jede Mitarbeit an dem Filmprojekt - so wie überhaupt alle an den Geschehnissen Beteiligten ihre Kooperation verweigerten. In der Downing Street hüllte man sich angeblich komplett in Schweigen und verhinderte den Dreh an Originalschauplätzen. Und der Reporter der BBC, der mit seiner "Sex-up"-Formulierung die Regierungskrise überhaupt erst losgetreten hatte, drohte aufgrund seiner Darstellung im Film vor Ausstrahlung in Großbritannien im März dieses Jahres mit Klage.

Tony Blair (James Larkin) und Campbell (Jonathan Cake): Blues am Telefon
ARTE

Tony Blair (James Larkin) und Campbell (Jonathan Cake): Blues am Telefon

Dass sich Kosminsky mit seinem Politdrama flächendeckend unbeliebt macht, war abzusehen. Denn nach seiner Deutung des Falles haben sowohl die Kriegsbefürworter der Regierung unverantwortlich gehandelt als auch die Kriegsgegner in den Medien, die Kellys Informationen für ihre Zwecke leichtfertig umformulierten - sie eben ihrerseits "sexier" machten.

Jedes Land hat seine Affären und Skandale, aber wohl nur in Großbritannien kann man sie derart explizit und zeitnah im Fernsehen verhandeln. Unmöglich, dass zum Beispiel nächstes Jahr im deutschen Fernsehen die Visa-Affäre samt der beteiligten realen Personen als Krimi oder Drama aufbereitet wird. Das geht schon aufgrund der paritätischen Entscheidungsstrukturen der öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht. Politik darf da im fiktionalen Bereich nicht konkret vorkommen, weil sich sonst die eine oder andere Partei auf den Schlips getreten fühlte. Man braucht sich ja nur die jüngsten Kanzler-Fiktionen auf ARD und ZDF anschauen, wo Politik unverfänglich aufs allgemein Menschliche runtergefahren wird.

"David Kelly" indes ist voll von trockenen Anspielungen auf den realen Politikbetrieb der Insel. In einer hübschen kleinen Szene wird der Zuschauer Zeuge, wie der Oasis-Fan und Hobby-Gitarrist Tony Blair seinem Berater spät nachts begeistert Blues-Riffs durchs Telefon vorspielt, obwohl dem inzwischen von der Affäre angeschlagenen Gesprächspartner wirklich nicht nach Musizieren zumute ist.

 Waffeninspektor Kelly (Marc Rylance): Babynahrung statt Waffen
ARTE

Waffeninspektor Kelly (Marc Rylance): Babynahrung statt Waffen

Wahrscheinlich hätte kein anderer Regisseur den Film in dieser provokanten Deutlichkeit durchsetzen können. Peter Kosminsky hat bereits mit dem BBC-Zweiteiler "Projekt Machtwechsel" die Erfolgsgeschichte von New Labour ausgeschmückt, und das nicht unbedingt vorteilhaft für die beteiligten Personen des Zeitgeschehens. Und vor fünf Jahren hatte er mit dem ebenfalls als Zweiteiler für BBC inszenierten Kriegsepos "Warriors - Einsatz in Bosnien" die tragischen Verstrickungen der Uno-Blauhelme während des Balkankonflikts thematisiert.

Sein neuestes Politdrama musste Kosminsky nun naheliegenderweise ohne den alten Auftraggeber stemmen: Zu unrühmlich ist die Rolle der BBC in der "Sex-Up"-Affäre; nach Aufklärung durch einen Untersuchungsausschuss nahm der Chef der altehrwürdigen Rundfunkanstalt 2004 seinen Hut.

Kosminsky drehte seine Skandal-Genese deshalb für Channel 4 und nennt sie ein "auf Fakten basierendes Drama". Um es deutlich zu sagen: Der Film ist mehr eine Interpretation der Ereignisse als deren lückenlose Chronologie. Dazu gibt es - auch nach der offiziellen Durchleuchtung der Vorfälle - noch immer zu viele Widersprüche und Ungereimtheiten. Als Reflexion auf die sich nicht immer gesund ergänzende Meinungsbildungskraft der Politik und der Medien funktioniert das Werk aber tadellos. Selbst Kritiker des in Großbritannien umkämpften Filmes müssen wohl einräumen: "Sexier" wurde hier wirklich nichts gemacht.


"David Kelly - Der Waffeninspekteur", 24. Juni 2005, Arte, 20.40 Uhr.



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