Vorwürfe gegen Asia Argento #YouToo?

Die Belästigungsvorwürfe gegen Asia Argento zeigen, dass die Wirklichkeit komplexer ist als die Hollywood-Version von #MeToo. Und wie kurzsichtig unser Umgang mit mutmaßlichen Tätern - und Täterinnen - ist.
Asia Argento 2018 in Cannes

Asia Argento 2018 in Cannes

Foto: ANTONIN THUILLIER/ AFP

Die "New York Times" ließ eine Bombe platzen: Asia Argento habe ihren damals 17-jährigen Kollegen Jimmy Bennett zu Sex genötigt . Seitdem spekulieren viele, ob dies das Ende von #MeToo ist. Schließlich war Argento eine der ersten und lautesten Anklägerinnen von Harvey Weinstein.

Ist #MeToo dadurch diskreditiert? Quatsch. Opfer müssen nicht den Rest ihres Lebens unbescholten und rein sein. Abgesehen davon, dass Argento ja auch nicht alle #MeToo-Opfer in Personalunion ist. Und abgesehen davon, dass ja keineswegs feststeht, was überhaupt passiert ist. Wir wissen nur, dass Jimmy Bennett seiner ehemaligen Filmmutter und Mentorin vorwirft, 2013 gegen seinen Willen Oralsex und Geschlechtsverkehr an ihm vollzogen zu haben. Beide Parteien einigten sich außergerichtlich auf eine Schmerzensgeldzahlung von 380.000 Dollar.

Zur Autorin
Foto: imago/ Manfred Segerer

Mithu Sanyal, Jahrgang 1971, arbeitet als Kulturwissenschaftlerin, Autorin und freie Journalistin in Düsseldorf. In ihrem Buch "Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens" beschäftigte sie sich 2016 unter anderem mit der Frage, wie Gender-Stereotype den Diskurs über Sexualstraftaten prägen.

Unter anderen Umständen wäre die Angelegenheit damit erledigt gewesen - wenn da nicht die #MeToo-Faust wäre, die No-Shame-Faust, angelehnt an die Black-Panther-Faust. Sie ziert Argentos Twitterprofil, auch ließ sie sich mit geballter Faust auf dem roten Teppich in Cannes fotografieren, wo sie die vielzitierte Rede hielt: "Harvey Weinstein wird hier nie wieder willkommen sein. Er wird in Schande leben, von der Filmgemeinschaft gemieden."

Eine Reihe von Problemen tut sich hier auf, angefangen damit, wessen Recht es ist, zu entscheiden, ob öffentlich über eine Vergewaltigung debattiert wird. Denn nach Angaben der "New York Times" wurden die Dokumente, auf denen die Enthüllung basiert, durch eine anonyme Mail zugespielt. Jimmy Bennett steht bis dato für keine Aussage zur Verfügung. Asia Argento weist die Anklage vehement zurück, ebenso wie übrigens Harvey Weinstein ihre Anklage gegen ihn.

Als der sich der Polizei stellen musste, hatte sie auf Twitter mit einem einzigen Wort reagiert: "Boom", flankiert von einem Feuerwerk-Emoji. Jetzt scheint mit ihr Ähnliches zu passieren. Die Polizei von Los Angeles hat Ermittlungen aufgenommen, bezeichnenderweise ohne Auftrag oder Einwilligung des mutmaßlichen Opfers (übrigens ähnlich wie die "New York Times" bei ihren Recherchen).

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Asia Argento: Demontage einer Diva

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Derweil lassen die Produzenten von "X Factor Italy" verlauten, sie würden Argento aus der Castingshow herausschneiden, wenn sich die Anklage als wahr erweisen sollte. Wer denkt dabei nicht automatisch an Kevin Spacey, der für eine ähnliche Anklage aus dem Film "All the Money in the World" geschnitten wurde? Es gab kein Urteil, Spacey wurde nur von dem Gericht der öffentlichen Meinung verurteilt.

Das bedeutet nicht, dass er unschuldig ist. Das bedeutet nicht, dass Argento unschuldig ist. Aber, dass sie beide einen fairen Umgang verdient haben. Und, so schmerzhaft es auch ist, dass auch Weinstein einen fairen Prozess verdient hat, den er allem Anschein nach nicht bekommen wird - wozu auch Argento mit ihrer Feuer-und-Schwefel-Rhetorik der vergangenen Monate mit beigetragen hat.

"Es wird bestimmt noch viel mehr ans Licht kommen"

Denn so verständlich der Wunsch ist, dass mutmaßliche und echte Vergewaltiger von der Erdoberfläche verschwinden sollen - realistisch und weitsichtig ist er nicht. Wir können sie aus Filmen herausschneiden, aber sogar wenn sie ins Gefängnis kommen sollten - und die meisten im Rahmen von #MeToo Angeklagten werden sich niemals vor einem Gericht verantworten müssen oder dürfen -, kommen sie irgendwann wieder heraus.

Oder sie versuchen ein Comeback wie der gefeuerte CBS Moderator Charlie Rose, der ein Fernsehformat plant, in dem er mit anderen Männern spricht, die "#MeToo-ed" wurden. Wohlgemerkt nicht darüber, was sie seitdem gelernt haben, sondern, warum #MeToo zu weit gegangen sei. Das ist zwar haarsträubend, allerdings ist es auch seine einzige Chance, zurück auf den Bildschirm zu kommen: Weil wir als Gesellschaft kein konstruktives Konzept für den Umgang mit Tätern haben, entsteht ein Vakuum, in dem wir so lange wie möglich wegsehen, bis irgendwann die kritische Masse erreicht ist, wie bei #MeToo. Und dann wird versucht, alle Personen, die auch nur entfernt sexuelle Grenzen überschritten haben könnten, aus der Gesellschaft auszuschließen.

Mehr Sympathie für Täterinnen

Das ist nicht der Fehler von #MeToo. Es ist der Fehler unseres Verständnisses von Tätern als den anderen, die mit uns so wenig zu tun haben, dass wir sie nicht mehr als menschlich wahrnehmen. Doch Menschen, die entmenschlicht werden, lernen daraus nicht, dass ihre Taten falsch waren, oder entwickeln Verständnis für ihre Opfer - sie lernen Hass. Wenn wir es den Tätern unmöglich machen, irgendwann (wann? und vor allem nach welcher Wiedergutmachung?) in die Gesellschaft zurückzukehren, bleibt ihnen wenig anderes als ins antifeministische, antidemokratische Lager zu driften, das #MeToo für eine verrückte Verschwörung hält.

Vergangenen November twitterte die Schauspielerin und #MeToo-Ikone Rose McGowan zur Causa Weinstein: "Lasst euch ein Rückgrat wachsen und sagt euch von ihm los. Wenn ihr das nicht tut, seid ihr moralische Feiglinge." Ihr aktueller Tweet ist deutlich weniger martialisch: "Es wird bestimmt noch viel mehr ans Licht kommen. Geht sanft mit Argento um."

Das zeigt, dass McGowan - wie wohl wir alle - schönen und vor allem weiblichen mutmaßlichen Täterinnen mehr Sympathie entgegenbringt und Männer deutlich schwerer als Opfer wahrnehmen kann (lesen Sie hierein Interview dazu, wie Rollenbilder von Männern und Frauen die Aufarbeitung von Sexualstraftaten erschweren).

Doch es könnte auch bedeuten, dass der Fall uns zwingt zu lernen, dass (mutmaßliche) Täter Menschen sind und als solche behandelt werden sollten, auch wenn wir ihr Tun aufs Vehementeste ablehnen. Denn das ist ein integraler Bestandteil von Prävention.