Regimekritikerin über Folter in der Türkei Wie Isolationshaft einen Menschen bricht

Die in der Türkei angeklagte Journalistin und Schriftstellerin Asli Erdogan setzt sich für Demokratie und Meinungsfreiheit ein. Hier spricht sie über ihre eigene Isolationshaft, ihr Frankfurter Exil - und die Suche nach Worten für das Unsagbare.

Autorin Asli Erdogan: "Sie hoffen, dass die Welt mich vergisst"
Heike Lyding/ imago/ epd

Autorin Asli Erdogan: "Sie hoffen, dass die Welt mich vergisst"

Ein Interview von


Zur Person
    Asli Erdogan (* 1967 in Istanbul) ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen und Kolumnistinnen der Türkei. Ihre literarischen Werke wurden in über 20 Sprachen übersetzt. Als Kolumnistin kritisierte sie unter anderem die Rolle der Frau in der türkischen Gesellschaft und die Behandlung der Kurden oder Armenier. 2016 wurde Erdogan in der Türkei verhaftet. Mittlerweile lebt sie im Exil in Frankfurt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Erdogan, der Journalist Deniz Yücel wurde während seiner Haftzeit in der Türkei nach eigenen Angaben gefoltert. Er machte dafür den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan verantwortlich. Was halten Sie von Yücels Aussage vor dem Amtsgericht in Berlin?

Erdogan: Ich glaube Deniz Yücel. Was er beschreibt, ist inzwischen alltäglich in türkischen Gefängnissen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst mehrere Monate Haft in der Türkei erlebt. Würden Sie davon erzählen?

Erdogan: Ein halbes Jahr war ich eingesperrt. Und auch ich saß in Isolationshaft. Isolation ist Folter. Bevor man es nicht selbst erlebt hat, ist das nicht zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen Sie bitte, das zu erklären.

Erdogan: Es ist erschreckend, wie schnell man bereits nach wenigen Tagen allein in einer Zelle abbaut. Die Augen werden schlecht. Die Sprache ist stark eingeschränkt. Die Muskeln bilden sich zurück. Alles in dir vertrocknet. So wird deine Persönlichkeit nach und nach gebrochen. Ich habe acht Tage in Isolationshaft erlebt, die waren schlimmer als all die anderen Monate im Gefängnis.

SPIEGEL ONLINE: Was erinnern Sie, wenn Sie daran denken?

Erdogan: Die Zelle war furchtbar dreckig, fremder Kot überall. Das Bett starr vor Urin. Aber alles kann da Folter sein. Wenn sie dir das Wasser abstellen. Die Decke nehmen. Das Ausgeliefertsein. Wenn sie kommen und dein einziges Buch, deinen einzigen Brief zerstören. Das Schlimmste ist, wenn man unschuldig da drin sitzt. Ich habe kein Verbrechen begangen. Darüber kann man wahnsinnig werden.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:23 Uhr
Ohne Gewähr

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Aslı Erdoğan
Das Haus aus Stein: Roman

Verlag:
Penguin Verlag
Seiten:
128
Preis:
EUR 15,00

SPIEGEL ONLINE: Sie sind studierte Physikerin, arbeiteten als Schriftstellerin und Journalistin. 2016 wurden Sie nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei inhaftiert und kamen im Frauengefängnis Bakirköy-Istanbul in Untersuchungshaft.

Erdogan: Ohne die anderen Frauen, die Mitgefangenen im normalen Gefängnistrakt, wäre ich wirklich verrückt geworden. Wir haben uns geholfen, nicht die Wahrheit zu vergessen. Uns nicht aus Verzweiflung selbst umzubringen. Seit Jahren gibt es in der Türkei kein Recht mehr. Das Land war immer schon für seine harten Gefängnisse bekannt, aber früher konnten sich Menschen wenigstens Rechtsbeistand suchen. Das ist vorbei. Die Gefängnisse geraten außer Kontrolle. Was ich erlebt habe, das ist schlimm, aber nicht mal vergleichbar mit dem, was dort jeden Tag passiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Erdogan: Diese psychische Folter ist meist bekannten Persönlichkeiten vorbehalten. Die Gefängniswärter dürfen keine Spuren auf deinem Körper hinterlassen, damit nichts bewiesen werden kann. Deswegen bin ich körperlich unversehrt. Der Großteil der Gefangenen in der Türkei ist das aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Bereits 2009 haben Sie sich in Ihrem Buch "Das Haus aus Stein" mit dem Innenleben von Gefangenen auseinandergesetzt. Darin klangen auch brutale physische Foltermethoden an. Der Roman ist vor Kurzem auf Deutsch erschienen - mit einem neuen Essay von Ihnen, in dem Sie fragmentarisch von Ihrem eigenen Gefängnisaufenthalt berichten. Ist es überhaupt möglich, für Folter die richtigen Worte zu finden?

Erdogan: Kaum. Ich kämpfe um jedes Wort. Während du diesen Horror erlebst, denkst du, du wirst das nie vergessen. Und das stimmt. Das wirst du nie. Dein Körper schützt dich aber später, und du kannst dich zum Beispiel nicht an chronologische Abfolgen erinnern. Auch Gefühle sind wie mit festen Wolken ummantelt. Es ist sicher nicht mein bester Essay, ich habe beim Schreiben zu sehr gelitten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben früher als Journalistin schon einige Texte über das Unrecht geschrieben, das anderen Menschen angetan wurde, über Gewalt und Vergewaltigung. Auf was achten Sie dabei?

Erdogan: Ich bin immer sehr gewissenhaft. Wenn man einen Roman schreibt, hat man ja keine Verantwortung seinen Protagonisten gegenüber. Als Journalistin ist das aber anders, da muss und will ich respektvoll mit dem Leid meines Gegenübers und auch dem seiner Angehörigen umgehen. Da achte ich auch auf die Unversehrtheit von Folterern und greife sie nicht an, egal, was sie getan haben. Es ist nicht an mir, über andere zu urteilen.

SPIEGEL ONLINE: Wie verantwortungsvoll gehen Sie mit sich selbst um?

Erdogan: Ich fürchte, nicht besonders. Ich habe keinen Sinn für Selbstschutz.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Erdogan: Vielleicht wegen meiner Mutter. Sie wurde von meinem Vater geschlagen. Ich versuche noch immer, sie zu retten. Und all die Gefangenen, die Kurden, die Armenier, die Frauen und die Kinder. Meine große Liebe, die mir vor Jahren geraubt wurde. Nur mich nicht.

SPIEGEL ONLINE: "Das Haus aus Stein" ist eine schmerzhafte Lektüre. Das Innere der Personen ist kaum vom Außen zu unterscheiden. Es gibt keine Grenzen, wie in einem Albtraum geht alles ineinander über. Alles tut weh und ist gleichzeitig taub - und dabei geradezu grauenhaft schön geschrieben.

Erdogan: Für mich ist das Selbst tatsächlich keine feste Figur mehr. Es ist offen und durchlässig. Das beschäftigt mich sehr. Ich freue mich aber, dass Sie die Lektüre als schmerzhaft empfinden.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb?

Erdogan: Für die Poesie des Romans wurde ich in der Türkei sehr kritisiert. Selbst Freunde von mir sagten: "Du kannst doch nicht so schön über etwas so Schreckliches schreiben!" Darüber habe ich lange nachgedacht. Habe ich etwa das Grauen, die Folter zur Schau gestellt? Nein, ich kann das nicht anders beschreiben. Jetzt schon gar nicht mehr. Mein Trauma spricht so zu mir, wie ein stiller Schrei. Es sind Bilder, die ich mir aus dem Hirn reißen will, aber nicht kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie denken Sie heute über die Regierung Erdogan?

Erdogan: Es ist definitiv eine Diktatur. Sobald nur ein einziger Mensch über lebenslange Haftstrafen entscheiden kann, ist das nicht einfach nur autoritär. Ich spreche jedoch lieber von Faschismus, auch wenn das vielleicht per Definition nicht ganz korrekt ist. Ich mag aber, was Ingeborg Bachmann gesagt hat: dass Faschismus immer zwischen zwei Menschen anfängt. Da geht es nicht einzig um einen Despoten, da geht es zusätzlich um Macht und Freude und den tiefen Glauben im Menschen, dass es sein Recht ist, einer anderen Person etwas anzutun.

SPIEGEL ONLINE: Yücel macht Erdogan persönlich für die Folter verantwortlich. Meinen Sie, dass die wirklich immer von ganz oben angeordnet ist? Viele machen vielleicht aus sich heraus mit, meinen Sie auch das mit dem Bachmann-Zitat?

Erdogan: Das ist der entscheidende Punkt. Präsident Erdogan hat eine Weiche gestellt, in dem er unter anderem der Polizei so viel Macht gegeben hat. Die Grausamkeit des Systems wird aber immer durch einzelne Menschen fortgesetzt. Und da, wo es kein richtiges Gesetz mehr gibt, werden Sadisten immer stärker. Gib Menschen die Möglichkeit zu quälen und zu töten - und sie werden es tun. Inzwischen siehst du in der Türkei selbst in den Augen deines Richters, was er dir antun will. Es ist nicht einer von ihnen mehr übrig, der etwas Respekt für seine Profession hätte. Jeder ist ein kleiner Erdogan.

SPIEGEL ONLINE: Selbst die Bürger im Land?

Erdogan: Leider ja. Es ist unglaublich, was Sie heute täglich in türkischen Zeitungen über Tierquälerei lesen können. Ich ertrage das kaum. Das ist neu. Die Menschen schneiden Welpen die Füße ab, binden schwangere Esel an Lastwagen und schleifen sie hinter sich her, bis ihnen die Knochen aus dem Leib ragen. Aus Spaß. Und da reden wir noch nicht über die steigende Gewalt gegen Frauen und Kinder und natürlich Andersdenkende.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt es sich für Sie an, das aus dem Exil in Frankfurt zu verfolgen?

Erdogan: Frankfurt ist wie dieser Raum, in dem man am Flughafen eingesperrt ist, bevor man in den Flieger darf. Ich sitze seit Ewigkeiten allein am Gate. Ich lebe nicht. Yücel kam nach Hause, ich kann nicht mehr nach Hause. Ich kann nichts entscheiden, nur abwarten. Falls sie mich wie so viele andere zu lebenslanger Haft verurteilen, hoffe ich, dass Deutschland mich nicht ausliefert. Im Juli soll angeblich die offizielle Anklage verlesen werden, aber das wird schon seit Jahren immer wieder verschoben.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie, warum?

Erdogan: Sie hoffen, dass die Welt mich vergisst. Dann können sie endlich mit mir machen, was sie wollen.



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